Russische Propaganda 8 – Werteverlust

Es ist ein ganz erstaunliches Phänomen: Menschen, die weder die Sprache sprechen noch jemals in Russland waren, erklären mir, wie es da so ist, was ich alles falsch verstehe und wie die Zusammenhänge eigentlich sind.
Sie leben unter der Glocke der deutschen Variante der transatlantischen Propaganda, die mit jedem Tag ein bisschen schlimmer wird. Dieses Verhalten ist verständlich, so absurd es auf den ersten Blick sein mag, denn da heraus zu kommen, erfordert einen deutlichen Bruch mit dem Gewohnten, den viele noch nicht bereit sind zu machen.
Es ist insbesondere eine sich als linksliberal verstehende Mittelschicht, die meint, mit Tagesschau, Süddeutsche und Zeit oder Spiegel seien sie gut informiert und wüssten über die Vorgänge in der Welt Bescheid. Nichts könnte weiter entfernt von der Wahrheit sein als diese Annahme.
Irgendwann in den letzten Dekaden gab es einen historisch zu nennende Wandlung im deutschen Journalismus. Er versteht sich nicht mehr als vierte Kraft, der Macht versucht zu kontrollieren oder zumindest in ihren Fehlentwicklungen zu kommentieren und zu dokumentieren, sondern als Teil der ersten drei Mächte. Er versteht  seine Aufgabe inzwischen darin,  politische Entscheidungen und Leitlinien einem breiten Publikum zu erklären und die vermeintliche Alternativlosigkeit mit Scheinargumenten aufzuzeigen.
Der deutsche Journalismus ist in weiten Teilen die PR-Abteilung der Macht. Das ist in der Tat sehr schlimm. Hinzu kommt, das die vierte Mach in Deutschland von einer ökonomischen Ideologie besetzt gehalten wird, der sich der deutsche Journalismus in einer Weise unkritisch andienert, dass es auf Beobachter abstoßend wirken muss.
Diese Änderung ist weitreichend. Entsprechend lange dauert es, bis diese Erkenntnis mit all ihren grausamen Konsequenzen sich den Weg ins Bewusstsein der Allgemeinheit gebahnt hat.
RT hat interessanter Weise den Vorgang beschleunigt, denn plötzlich sind wieder andere Sichtweisen in der Medienlandschaft vertreten. Das erklärt die vehemente Abwehrhaltung und die Aggression, mit der gegen RT vorgegangen wird. Wir sind von Vielfalt entwöhnt worden. Es fällt schwer, Pluratlität wieder zuzulassen, vor allem dann, wenn einem Einheit über einen längeren Zeitraum als Meinungsvielfalt vorgespielt wurde.

Ich jedenfalls würde mir aktuell aufgrund von Zeitungslektüren und Medienberichten des Mainstreams nicht zutrauen, eine Einschätzung zu anderen Themen abzugeben. Zur Türkei beispielsweise halte ich geflissentlich die Klappe. Ich kann weder die Sprache noch kenne ich das Land, weiß lediglich, dass unsere Medien in Demokratie gefährdender Weise manipulativ und damit unzuverlässig sind. Die Erschütterung über die Diskrepanz in der Berichterstattung über Russland und das, was da tatsächlich passiert, hat mich kräftig wach gerüttelt.
Es ist diese Rückkehr zur eigenen Erfahrung, die wir brauchen, um diese tiefe Krise der Medien zu überwinden. Wir müssen uns wieder auf unsere Erfahrung verlassen. Und auf die unserer Freunde. Wir müssen unsere Quellen neu sortieren. Wenn mir Ali, mein Nachbar erklärt, wie er die Situation in der Türkei einschätzt, glaube ich ihm inzwischen mehr als den Berichten in der Tagesschau. Weil die Tagesschau eben nicht berichtet, sondern versucht mich zu manipulieren. Sie ist keine gute Quelle. Ali tut das nicht. Er ist die qualitativ bessere Quelle. Und so ist es eben auch in Bezug auf Russland. Ich bin eine gute Quelle. Die Süddeutsche, die Zeit und der Spiegel sind es nicht.

Ein Gedanke zu „Russische Propaganda 8 – Werteverlust

  1. Barish

    „Ich bin eine gute Quelle. Die Süddeutsche, die Zeit und der Spiegel sind es nicht.“

    Zugegeben könnte man das als Eigenwerbung verstehen 😉 aber es umschreibt i.d.T. die Misere allzu gut: Auf die Presse der „freien, westlichen Welt“ ist kein Verlass mehr – über den Zeitpunkt, seitdem dieser nicht mehr gegeben ist, lässt sich streiten. Weshalb wir als Medienkonsumenten nunmehr generell besser beraten sind, das Nachrichtenmosaik uns selber aufzubauen.

    Insofern Danke, dass Sie weiterhin helfen, eine Alternative zur bleiernen Käseglocke – denn für eine bloße „Blase“ ist dieses Konstrukt an Narrationen i.d.T. zu undurchlässig geworden – der uniformen „westlichen“ Presse anzubieten.

    Kolay gelsin!

    Antwort

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