Land ohne Eigenschaften

Am 19. Dezember hat Russlands Präsident Putin unter dem Titel „Die Ergebnisse des Jahres“ die jährliche große Pressekonferenz abgehalten, die gleichzeitig auch den Charakter einer Bürgersprechstunde hat. Schon in den Wochen vor dem Event können sich die Bürger mit ihren Anliegen und Problemen an ein eigens dafür eingerichtetes Call-Center wenden. Viele Probleme werden bereits im Vorfeld gelöst. Über 2 Millionen Kontakte gab es in diesem Jahr in Form von Anrufen, SMS oder über das Internet.

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Putin nimmt nicht nur zu Problemen Stellung, die Russland und seine Bürger betreffen, sondern äußert sich auch zu Russlands geopolitischer Stellung in der Welt. Unter journalistischen Aspekten kommt man an der Veranstaltung nicht vorbei.

Auch die Tagesschau berichtet. Sie titelt „Wie Putin die Welt sieht“ und leitet den Beitrag mit den Worten „Immer vor Weihnachten veranstaltet Russlands Präsident Putin eine Fragerunde“ ein.  Der Teaser illustriert ein zentrales Problem Deutschlands. Weihnachten ist in Russland nämlich erst im Januar.

Aus russischer Sicht ist der Teaser schlicht falsch. Das wichtige Fest ist hier Neujahr, Weihnachten kommt später und hat zudem nicht die Bedeutung, die es in Deutschland hat.  Das macht aber auf ein Problem aufmerksam. Das Problem ist nicht, wie Putin die Welt sieht, sondern wie man in Deutschland auf die Welt blickt – mit einem stark verzerrenden deutschen Filter vor den Augen.

Der Unterschied ist zudem, dass man sich in Russland der Begrenztheit der eigenen Sicht durchaus bewusst ist. Man spricht von der russischen Welt, der russischen Zivilisation. Die erstreckt sich zwar über einen weiten geographischen Raum, ist aber nicht endlos. Außerhalb der russischen Zivilisation gibt es andere Zivilisationen mit eigenen Wertesystemen, eigenen Traditionen, eigener Identität und einem sich daraus ableitenden Recht auf So-Sein, auf Existenz und Souveränität.

In Deutschland ist das anders. Da hält man die eigene Sicht für universell. Sie wird in einer Weise für allgemeingültig gehalten, dass der Redaktion der Tagesschau aus Mangel an interkultureller Kompetenz grobe Patzer unterlaufen. Die große Pressekonferenz Putins findet nicht vor Weihnachten, sondern zum Jahresende vor den Neujahrsfeierlichkeiten statt.

Was sich in diesem Patzer äußert, ist eine  Selbstvergessenheit Deutschlands. Deutschland ist als Gesellschaft mit sich selbst nur sehr unzureichend bekannt. Vor allem die regionalen Grenzen ihrer Reichweite und die historische Bedingtheit ihrer Werte werden kaum reflektiert. In Deutschland neigt man daher zu einer bizarren Form des Internationalismus. So, wie es in Deutschland ist, so hat es überall zu sein. Der Grund dafür ist, dass man die eigene Kultur und ihre Grenzen nur unzureichend kennt.

LGBT-Bewegung und Gay-Prides beispielsweise sind westliche Ausprägungen einer dortigen Sicht auf Sexualität, die in Deutschland nochmal einen eigenen Charakter angenommen haben. In diesem Charakter drückt sich etwas spezifisch Deutsches aus. Einen universellen Wert repräsentieren sie nicht.

Der Christopher Street Day und öffentliche BDSM-Festivals wie die in Berlin stattfindende Folsom-Europe sind Teil deutscher Kultur. Das kann man pflegen, man kann stolz darauf sein, oder eben auch nicht. Zum Export sind sie ungeeignet. Für einen Teil der Deutschen sind sie gleichbedeutend mit Freiheit. Für den Rest der Welt aber nicht. Man sollte respektieren, dass in den allermeisten Regionen der Welt eine Gay-Pride nach Berliner oder Kölner Vorbild für nicht erstrebenswert gehalten wird. Das geht aber nur, wenn man die dort postulierten Werte als historisch gewachsen und regional begrenzt anerkennt.

Das gilt auch für andere Bereiche. Frauenrechte beispielsweise. Emanzipation wird in Deutschland in der Weise umgesetzt, dass Frauen mit begrenzter Qualifikation in höchste Ämter befördert werden – aus Gründen eines merkwürdigen Verständnisses von Geschlechtergerechtigkeit. Das kann man machen, aber es ist selbstverständlich kein universeller Wert. Im Gegenteil nimmt man diese Praxis im Ausland mit großer Irritation zur Kenntnis. Diese Auslegung des Begriffs „Gleichberechtigung“ ist typisch deutsch und kein Modell für die Welt, denn sie produziert schädliche Effekte.

Auch die deutsche Unterordnung eigener Interessen unter die Interessen des Hegemons verbunden mit den damit einher gehenden kognitiven Dissonanzen sind Ausdruck einer spezifisch deutschen Kultur. Das Messen mit zweierlei Maß, in dem sich eine ethische Zerrissenheit ausdrückt, ist für die deutsche Gesellschaft kennzeichnend. Der unterschiedliche Wert von Leben je nach Herkunft und der damit verbundene Rassismus sind typisch deutsch.

Das man das außerhalb Deutschlands für keinen erstrebenswerten Maßstab hält, versteht sich eigentlich von selbst. Um das als Deutscher zu verstehen, müsste es aber zuerst umfassend reflektiert werden. Es gibt dafür in Deutschland keine breite Plattform.

Es gibt in Deutschland natürlich Menschen, die um den Widerspruch wissen und dagegen ankämpfen, aber sie sind in der Minderheit, weden zudem umfassden Kampagnen gegen sie ausgesetzt. Die deutschen Regierungen ignorieren diesen negativen Aspekt deutscher Kultur nicht nur, sondern vertiefen ihn noch.

Unmittelbar verbunden ist diese typisch deutsche Toleranz gegenüber tiefer kognitiver Dissonanz mit einer ebenfalls die deutsche Gesellschaft kennzeichnenden Unfähigkeit zur Gewichtung. Auch das ist inzwischen Teil deutscher Kultur.

Zahlenmäßig kleine Minderheiten werden in den Blick genommen. Durch Gesetze sollen sie vor Diskriminierung geschützt werden, während gleichzeitig die Zahl der ökonomisch Diskriminierten täglich wächst. Die Obdachlosigkeit hat in Deutschland erschreckende Ausmaße angenommen, aber es passiert nichts von Relevanz, um den Zustand zu ändern. Dafür ist jede Stellenausschreibung mit dem Hinweis (m/w/d) zu versehen. Bei Unterlassung ist mit Strafe zu rechnen. Weltenrettung auf deutsch.

Deutschland wird regelmäßig darauf hingewiesen, dass es mit seiner Ignoranz gegenüber wachsender Armut gegen die Menschenrechte verstößt. Auch darüber wird in Deutschland nicht diskutiert. Man hält den Blick auf die Uiguren in der chinesischen Provinz Xinjiang gerichtet, deren Elend man zu sehen glaubt, während man am Elend vor der eigenen Haustür achtlos vorübergeht. Die sich darin äußernde Empathielosigkeit und der Mangel an Solidarität sind meines Erachtens ebenfalls ein Teil deutscher Kultur. Die ökonomische Ausgrenzung, das Erzeugen von Armut ist eine tief in der deutschen Geschichte verwurzelte Praxis der systematischen Missachtung der Menschenrechte. Es gab für lediglich 40 Jahre eine regionale Ausnahme.

Paradox ist in dem Zusammenhang, dass eine Diskussion über den Begriff „Heimat“ oder die Frage nach dem Bestimmenden des Deutsch-Seins als rechts und völkisch verbrämt witd. Dabei wäre eine solche Auseinandersetzung dringend notwendig auch wenn sie niemals abgeschlossen werden kann. Deutschland ist wohl die einzige Gesellschaft der Welt, in der es als anrüchig gilt, sich diskursiv über sich selbst und seine Werte zu versichern. Typisch deutsch.

Das deutsche Problem ist folglich, die eigene Kultur und die damit einhergehende eigene Begrenztheit nicht zu kennen. Man hält sich für eigenschaftslos im Sinne eines universellen Globalismus. Weil man sich aber nur unzureichend kennt, treten Deutsche nach außen gern mit dem Anspruch auf, universelle und allgültige Werte zu vertreten.

Die deutsche Gesellschaft hält die eigene, sehr kleine Welt für Ausdruck der Vielfalt. Dabei findet echte Vielfalt vor allem außerhalb Deutschlands statt. Aber mit der Kenntnisnahem dieser echten Vielfalt der Kulturen und Zivilisationen der Welt, tut man sich in Deutschland äußert schwer. Die Berichterstattung der Tagesschau ist dafür ebenso tägliches Beispiel wie das gegenüber anderen Kulturen völlig unsensible und bevormundende Auftreten deutscher Politiker im Ausland.

Ein Kommentar zu „Land ohne Eigenschaften

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