Diktierte Körperhaltung

Ein in Europa und vermutlich auch der Welt in seiner Dimension noch völlig unverstandenes Thema der Deutschen ist die Frage nach dem Pinkeln. Oder eher die Frage, wie hältst Du es mit dem Pinkeln? Wobei die Frage nach der Art und Weise immer auch gleich auf ein Sollen abzielt. Aber ich greife vorweg.

Zunächst einmal ist festzustellen: Wie in wohl allen Nationen hat ein Teil der Bewohner Deutschlands aufgrund seiner jeweiligen physischen Beschaffenheit die Möglichkeit, den Pinkelvorgang sowohl sitzend als auch stehend auszuführen. Einem anderen Teil fehlt diese Möglichkeit, er ist, will man die heutig gängige Bauform der Toilettenschüssel beibehalten, gleichsam zum Sitzen gezwungen, soll nicht eine riesige Schweinerei verursacht werden.

Andere Kulturen mag das befremden, aber an diesem Unterschied in der Praxis des Wasserlassens entfachen sich seit inzwischen mehreren Generationen in Deutschland tiefe Konflikte. Ich, der ich mit dieser Diskussion groß geworden bin, habe zu einem recht späten Zeitpunkt irritiert zur Kenntnis nehmen müssen, dass dieses Thema, das tatsächlich tief in den Deutschen sitzt, tief verwurzelt ist in in den Familien, den Wohngemeinschaften und sonstigen Formen des Zusammenlebens, -wohnens und -arbeitens, dass dieses Thema in anderen Kulturen gar nicht vorkommt. Der Teil der Bevölkerung, der es kann, steht halt, der andere Teil setzt sich. In Deutschland undenkbar.

Erst neulich wieder wurde ich von meinem Gegenüber darauf hingewiesen, wie ich mein kleines Geschäft zu verrichten habe. Ich habe die Diskussion über Sinn und Zweck des Sitzpinkelns in meinem Leben derart häufig geführt, dass ich an dieser Stelle auf eine Wiederholung des Austauschs sämtlicher Argumente gut verzichten konnte, weshalb ich den Disput nicht eröffnet, den Satz, „Wir sind hier außer dir alles Frauen“ auch unkommentiert im Raum stehen und mich nicht weiter eingelassen habe.

Keine Diskussion hat mich übrigens jemals dazu gebracht, mich tatsächlich hinzusetzen, denn hinter den Argumenten um versaute Toilettensitze und Hygiene fühle ich einen tiefen Chauvinismus sich verbergen. Ich verstehe, dass man Toiletten sauber hinterlassen soll. Warum man dazu meint, eine Körperhaltung diktieren zu müssen und sich an Geschlechtergrenzen entlang hangelt, verstehe ich dagegen nicht. Und dass man in anderen Ländern und Kulturen die deutsche Pinkeldiskussion nicht nur nicht versteht, sondern, so ihr Vorhandensein zur Kenntnis gelangt, sich darüber lustig macht, verstehe ich inzwischen nur zu gut.

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