Rolf Schwarz 10

Nur nach und nach fand Rolf heraus, wie bizarr und illuster die kleine Gesellschaft war, die sich täglich zum Malen und Zeichnen zusammenfand. Nur in Ausnahmefällen sah man den Teilnehmern ihre Einschränkungen an. Da war zum Beispiel Herr Maurer, der neben einer psychiatrischen Diagnose offenkundig noch intelligenzgemindert war. Mit seinen 62 Jahren hatte er sich darauf spezialisiert, jeden Tag eine Schultüte zu malen, prall gefüllt mit Süßigkeiten, für welche er offensichtlich immer noch sehr zu haben war, denn er war über alle Maßen dick. Beim Malen erzählte er jeden Tag die gleiche Geschichte von seiner Einschulung. Was er alles bekommen hatte, wie seine Mutti ihm die Wange gestreichelt hatte, obwohl sie schon so krank und ohne Kraft war, wie schön ihm Frau Häuser, seine Grundschullehrerin erschienen war. Immer wieder die gleiche Geschichte, jeden Tag neu in Kindervokabeln erzählt. Seine Einschulung scheint ein glücklicher Moment im Leben Herrn Maurers gewesen zu sein, einer der wenigen. Über sein späteres Leben im Heim erzählte Herr Maurer nur wenig. Doch wenn, dann deutete sich an, dass er die ganzen Schrecken der Heimerziehung in der noch jungen Bundesrepublik wohl nicht nur erlebt, sondern vollständig erlitten hatte.

Herrn Maurer sah man, sah es ihm an und verstand. Die jeweiligen Besonderheiten der anderen erschloss sich erst im Umgang. Der Verrücktheit von Marlies‘ Lachen war Rolf erst nach drei Tagen auf die Spur gekommen. Marlies lachte manchmal, und oft passte es in die Situation. Manchmal lachte sie und Rolf dachte, er habe einen Witz, eine lustige Situation nicht mitbekommen. Manchmal lachte sie und Rolf bemühte sich aus dem, was er sah eine Geschichte zu ersinnen, an deren Ende sinnvoll das Lachen von Marlies stehen konnte. Erst nachdem sich die Fälle und Zufälle unübersehbar gehäuft hatte, dachte Rolf von sich weg. Erst dann dachte er daran, dieses Lachen könnte das Problem von Marlies, der Grund für ihren Aufenthalt in der Tagesstätte sein.

Wesentlich leichter herauszufinden war die Besonderheit von Frau Mommsen. Frau Mommsen war eine Schönheit mit einer Andeutung von Femme fatale. Langes, schwarzes Haar, weiße Haut und von einer sphärischen Aura umgeben, so schuf Frau Mommsen Tag für Tag allein für sich, abgeschieden in einer Ecke des Ateliers sitzend wundervoll zarte Aquarelle.

Rolf war von der Erscheinung, vor allem aber von den Aquarellen angetan, weshalb er sich Frau Mommsen am zweiten Tag näherte.
„Ich bin der Rolf und neu hier. Darf ich mal sehen?“ stellte er sich vor.
„Du Wichser! Lass bloß deine Drecksgriffel bei dir, sonst mache ich dich kalt!“ war die Antwort, die er erhielt. Das Gesagte wollte so gar nicht zu der Erscheinung passen.
„Ihr Schweine seid doch alle gleich!“ Frau Mommsen stand auf, schob ihren Stuhl mit einer Heftigkeit von sich weg, so dass dieser eine nahestehende Staffelei umriss. Fluchtartig verließ sie den Raum, an der Türe drehte sie sich noch zu Rolf um, zog eine Grimasse und zeigte ihm den Mittelfinger. Dann verschwand sie türeschlagend.

Aus dem Hintergrund löste sich Marlies, die Rolf aus seiner Schockstarre befreite.
„Lass die! Die hat ein Problem mit Männern. Aber malen kann sie gut. Hilf mir mal mit dem Zeug hier.“ Marlies und Rolf stellten die Staffelei wieder auf.

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