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Auch mit Thomas Greiner war Rolf schnell bem Du. Thomas war in seiner Art ein offener, jedem sofort sympathischer Mensch, der sich unmittelbar darum bemühte, Rolf in die kleine Gesellschaft des Bekloppten-Ateliers, wie er es nannte, aufzunehmen. Thomas schaffte die Balance zwischen auf den ersten Blick brüskierenden Benennungen, die er aber andererseits mit einem unglaublichen Charme, leuchten in den Augen und einnehmender Gestik vortrug, so dass kein Gefühl der Beleidigung aufkam. Über die anderen Besucher der Tagesstätte sprach er gerne als Psychos, Verrückte, Idioten und Bekloppte, nahm sich dabei selbst nicht aus und unterlegte das mit Lachen und Augenzwinkern, so dass niemand sich brüskiert fühlte. Thomas war in beinahe schon beängstigender Weise dauerhaft positiv gestimmt. Aufgrund seiner Erfahrung in der Klinik hatte Rolf eine Idee in welche Richtung dies gehen könnte. Rolf fragte nach und Thomas bejahte. Ja, er sei bipolar. Aktuell hypomanisch, aber alles noch im grünen Bereich. Das konnte natürlich schnell kippen und zwar in jede erdenkliche Richtung. In seiner letzten manischen Phase hatte sich Thomas ruiniert. Er hatte Reisen unternommen, weit über seine Verhältnisse eingekauft, alles, was ihm unter die Augen kam, sich hoch verschuldet, Drogen genommen, quer durch die Bank. Jetzt war insolvent und seine Leber war in ziemlich desolatem Zustand. Hepatitis. Aber sonst war lief es im Moment wieder gut für ihn. Aus den Schulden würde er zwar nie wieder heraus kommen. Aber hier in der Tagesstätte sei es okay. „Schön bekloppt. Muss man sich nich verstecken.“

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Nur nach und nach fand Rolf heraus, wie bizarr und illuster die kleine Gesellschaft war, die sich täglich zum Malen und Zeichnen zusammenfand. Nur in Ausnahmefällen sah man den Teilnehmern ihre Einschränkungen an. Da war zum Beispiel Herr Maurer, der neben einer psychiatrischen Diagnose offenkundig noch intelligenzgemindert war. Mit seinen 62 Jahren hatte er sich darauf spezialisiert, jeden Tag eine Schultüte zu malen, prall gefüllt mit Süßigkeiten, für welche er offensichtlich immer noch sehr zu haben war, denn er war über alle Maßen dick. Beim Malen erzählte er jeden Tag die gleiche Geschichte von seiner Einschulung. Was er alles bekommen hatte, wie seine Mutti ihm die Wange gestreichelt hatte, obwohl sie schon so krank und ohne Kraft war, wie schön ihm Frau Häuser, seine Grundschullehrerin erschienen war. Immer wieder die gleiche Geschichte, jeden Tag neu in Kindervokabeln erzählt. Seine Einschulung scheint ein glücklicher Moment im Leben Herrn Maurers gewesen zu sein, einer der wenigen. Über sein späteres Leben im Heim erzählte Herr Maurer nur wenig. Doch wenn, dann deutete sich an, dass er die ganzen Schrecken der Heimerziehung in der noch jungen Bundesrepublik wohl nicht nur erlebt, sondern vollständig erlitten hatte.

Herrn Maurer sah man, sah es ihm an und verstand. Die jeweiligen Besonderheiten der anderen erschloss sich erst im Umgang. Der Verrücktheit von Marlies‘ Lachen war Rolf erst nach drei Tagen auf die Spur gekommen. Marlies lachte manchmal, und oft passte es in die Situation. Manchmal lachte sie und Rolf dachte, er habe einen Witz, eine lustige Situation nicht mitbekommen. Manchmal lachte sie und Rolf bemühte sich aus dem, was er sah eine Geschichte zu ersinnen, an deren Ende sinnvoll das Lachen von Marlies stehen konnte. Erst nachdem sich die Fälle und Zufälle unübersehbar gehäuft hatte, dachte Rolf von sich weg. Erst dann dachte er daran, dieses Lachen könnte das Problem von Marlies, der Grund für ihren Aufenthalt in der Tagesstätte sein.

Wesentlich leichter herauszufinden war die Besonderheit von Frau Mommsen. Frau Mommsen war eine Schönheit mit einer Andeutung von Femme fatale. Langes, schwarzes Haar, weiße Haut und von einer sphärischen Aura umgeben, so schuf Frau Mommsen Tag für Tag allein für sich, abgeschieden in einer Ecke des Ateliers sitzend wundervoll zarte Aquarelle.

Rolf war von der Erscheinung, vor allem aber von den Aquarellen angetan, weshalb er sich Frau Mommsen am zweiten Tag näherte.
„Ich bin der Rolf und neu hier. Darf ich mal sehen?“ stellte er sich vor.
„Du Wichser! Lass bloß deine Drecksgriffel bei dir, sonst mache ich dich kalt!“ war die Antwort, die er erhielt. Das Gesagte wollte so gar nicht zu der Erscheinung passen.
„Ihr Schweine seid doch alle gleich!“ Frau Mommsen stand auf, schob ihren Stuhl mit einer Heftigkeit von sich weg, so dass dieser eine nahestehende Staffelei umriss. Fluchtartig verließ sie den Raum, an der Türe drehte sie sich noch zu Rolf um, zog eine Grimasse und zeigte ihm den Mittelfinger. Dann verschwand sie türeschlagend.

Aus dem Hintergrund löste sich Marlies, die Rolf aus seiner Schockstarre befreite.
„Lass die! Die hat ein Problem mit Männern. Aber malen kann sie gut. Hilf mir mal mit dem Zeug hier.“ Marlies und Rolf stellten die Staffelei wieder auf.

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Noch immer ohne Neigung, aber von Vernunftgründen gelenkt, besuchte Rolf die Tagesstätte. Zunächst an fünf Tagen die Woche. Er kam zum Frühstück und ging nach dem Mittagessen. Wie geplant verbrachte er die Zeit zwischen den Mahlzeiten mit malen und zeichnen.

In der ersten zwei Wochen, Rolf begann es nach einigen Tagen bereits zu gefallen, war die Gruppe, die sich an den Öffnungstagen zwischen halb elf und zwölf Uhr dreißig im Atelier einfand, weitgehend sich selbst überlassen, denn die Kunsttherapeutin war erkrankt. Als sie nach vierzehn Tagen genesen von ihrer Krankheit in den Dienst zurückkehrte, gab es anderweitige personelle Engpässe, die unter anderem von ihr aufzufangen waren. Die Gruppe blieb weiter sich selbst überlassen. Rolf hatte inzwischen einen festen Platz im Atelier, der ihm von Marlies Fischbach zugewiesen worden war und dann täglich von ihr für ihn freigehalten wurde. Marlies Fischbach war eine ältere Dame, die Stimmen hörte und dem über mehrere Jahrzehnte mit Likör und Cognac versucht hatte, zu begegnen, wodurch sich neben der Schizophrenie paranoider Ausprägung noch einen Alkoholkrankheit entwickelt hatte. Sie hatte offensichtlich von der ersten Minute ein Faible für Rolf und ließ ihn dies spüren. Rolf war einerseits geschmeichelt, andererseits um Distanz bemüht, denn Marlies Fischbach war alles andere, als eine Frau, die sich Rolf als potentielle Partnerin vorstellen konnte. Zu alt, zu krank und viel zu schräg drauf. Vor allem ihr Gekicher irritierte. Marlies, sie waren schnell beim Du angekommen, brach immer mal wieder in heiterstes Gegacker aus, das sich allen anderen Anwesenden nicht erschloss. Sehr viel später vertraute sie Rolf an, dass eine ihrer Stimmen ihr immer mal wieder eine kleine Obszönität oder eine mittlere Schweinerei zuflüsterte, was Marlies zum Lachen brachte. Für ihre Umgebung wurde sie dadurch allerdings seltsam bis unheimlich.

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Rolf war nun völlig frei. Frei von allen Verpflichtungen und von allen gesellschaftlichen Zwängen, aber nicht frei zu etwas, denn seine Mittel waren sehr beschränkt. Grundsicherung heißt diese Beschränkung. Sie legt fest, wie viel Freiheit zu etwas einem zusteht, der nicht mehr dazu gehört, da sie festlegt, wie viel Geld für welche Produktgruppen und Dienstleistungen monatlich ausgegeben werden darf: Gaststättendienstleistungen 7,57 € im Monat, Bildung 1,46 € im Monat.

Rolf besuchte auf Vorschlag seiner aktuell zuständigen Sozialarbeiterin für einige Zeit eine Tagesstätte für chronisch psychisch Kranke. Sie fand das sei eine tolle Idee, Rolf nicht. Er ging schließlich trotzdem hin. Nicht, weil er dann doch Neigung dazu verspürte, sondern weil es sich rechnete. In seinem Regelsatz waren monatlich 135,61 € für Nahrungsmittel und Getränke vorgesehen, Allerdings nur für Getränke ohne Alkohol. In der Tagessätte fiel pro Anwesenheitstag eine Eigentbeteiligung von 2,– € an. Dafür wurde den Besuchern ein Frühstück und ein Mittagessen geboten.

Wenn er, so war seine Überlegung, an fünf Tagen in der Woche die Tagesstätte aufsuchte und dort beide Mahlzeiten zu sich nahm, abends aber aufs Essen verzichtete, käme er von Montag bis Freitag mit 10,– € hin, er müsste sich mittags einfach nur richtig satt essen. Wären rund 40,– € im Monat. Dann blieben von den 135,61 noch 95,61 übrig, von denen die Wochenenden zu bestreiten wären. Wenn er sich also regelmäßig in der Tagesstätte verpflegen lassen würde, das war seine Planung, dann hätte er etwas Geld übrig, welches er auch mal für ein alkhoholhaltiges Getränk in Verbindung mit einer Gaststättendienstleistung ausgeben könnte. Wenn er wirklich eisern wäre, könnte er sogar einen Spanisch-Kurs an der Volkshochschule belegen.

Zudem gehörte zur Tagesstätte ein Atelier, in dem neben Materialien und Werkzeug auch eine Kunsttherapeutin mit ihrem Wissen und ihren Fertigkeiten zur Verfügung stand, um den Besuchern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, ihnen zu ermöglichen, sich psychisch zu stabilisieren, sich auszuprobieren, Techniken zu erlernen und das Erlernte zu verfeinern. Rolf hatte einen Hang zum Malen und Zeichnen, weshalb er sich vornahm, die Wartezeiten zwischen den Mahlzeiten sinnvoll mit künstlerischer Betätigung zu füllen.

 

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Warum Rolf alles Aufgetragene unternommen hatte, um den ihm eigentlich verhassten Rentenantrag auf den Weg zu bringen,  wusste er nachträglich nicht mehr zu sagen. Für ihn handelte es sich um Ausgrenzung. Als ihm nach geraumer Zeit,  er war schon längst aus der Klinik entlassen und zu mehreren Institutionen und den ihnen zugeordneten Sozialarbeiterinnen weitergereicht worden, der Rentenbescheid zugestellt wurde, weinte er. Er hatte das Gefühl, sein Schicksal sei damit besiegelt.

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Das Wort „Rente“ lastete schwer. Rolf hatte das Gefühl, man wolle ihn aussortieren. Noch bevor alles begann, sollte er bereits aussortiert werden. Noch vor einem Einstieg ins Berufsleben, noch vor seinem Einstieg in irgendeine Form der Karriere, sollte es schon zu Ende sein?

Ja! Er gab doch alles zu! Es war dieses Verrückte in ihm. Er war aus der Spur geraten, es war ihm entglitten, er war aus sich selbst herausgefallen und ja! wenn es irgendjemandem half, konnte man das Krankheit, konnte man es Schizophrenie nennen. Jetzt war doch aber alles wieder gut! Er war einsichtig, er gehorchte, er nahm die Tabletten und machte alles mit, was von ihm verlangt wurde. All dieses Mitmachen hatte doch nur ein Ziel: Wieder Teil zu werden von all dem, was man Gemeinschaft nennt, er wollte nicht herausfallen. Warum denn jetzt Rente? War das, was sich in ihm ereignet hatte, so schlimm, eine solche Bedrohung, dass man ihn isolieren musste, ausgrenzen, sich vor ihm schützen musste?

Lea Berger, seine Sozialarbeiterin, sah das freilich ganz anders. In ihrer gewohnt gut gelaunten Art setzte sie Rolf auseinander, welche Vorteile eine Berentung habe. Sie habe eigentlich nur Vorteile und mit Ausgrenzung und Isolation hätte das alles rein gar nichts zu tun. Er könne später, wenn er sich ausreichend stabilisiert habe, durchaus noch einen Beruf lernen und dann in seinem Beruf arbeiten. In einer Werkstatt für Behinderte hätte er immer Anrecht auf Ausbildung und einen Arbetsplatz. All die Unsicherheit und die Unwägbarkeiten des ersten Arbeitsmarktes würden für ihn wegfallen. Das wäre doch toll!  Das mit dem Studium ginge dann tatsächlich nicht mehr, aber er könne sich doch auch mal so in ein Seminar setzen, wenn ihn etwas interessiere. Da wäre der Leistungsdruck viel geringer und er könnte dann bestimmt in ganz anderer Weise proftieren. Außerdem bräuchte man kein Studium, um glücklich zu werden. Glück habe andere Ursachen. Schönes Wetter zum Beispiel, so wie heute. Da wäre man doch gleich super drauf, „Oder?“

„Ja, das stimmt schon“, meinte Rolf, und im Moment seiner Zustimmung war er sich darüber im Klaren, dass es unglaublich viel Mühe kosten würde, Frau Berger davon zu überzeugen, dass er lediglich der Verbidung von gutem Wetter und guter Laune, nicht aber einem Rentenantrag zugestimmt habe.

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Während seines Aufenthalts in der Psychiatrie war Rolf immer davon ausgegangen, mit seiner Entlassung würde er unmittelbar in sein gewohntes Leben zrückkehren. Er würde sein Ingenieurstudium wieder aufnehmen, es aufgrund der Dauer seines Klinikaufenthalts, er war nun schon drei Monate hier, ein Semester später als geplant beenden und anschließend als Bauingenieur arbeiten. Dieser Ablauf schien ihm so klar und so selbstverständlich. Allein schon der Gedanke, darüber nachzudenken wäre ihm unsinnig erschienen.

Er fühlte wie er Fortchritte machte. Sein Zustand hatte sich deutlich gebessert. Dies war nicht nur sein Empfinden, die Ärtzte und seine Psychologin kamen ebenfalls überein, ihn auf einem guten Weg zu sehen, wehalb die Medikamente nach und nach reduziert wurden. Der Tunnel, der aus ihm hinaus in die Welt und aus der Welt in ihn hinein führte, wurde hierdurch kürzer. Rolf konnte nahezu unmittlbar reagieren und fühlte sich gut, sicher. ein wenig traurig und erschöpft, aber im Großen und Ganzen gut. Mit der Reduktion der Medikamente verschwand das Roboterhafte aus seinen Bewegungen, er konnte seinen Speichelfluss wieder kontrollieren und seine Haut hörte auf zu schuppen. Wenn er sich beim Anziehen vertat, sein Hemd falsch knöpfte, bemerkte er es und konnte es korrigieren. Vor wenigen Wochen noch wären ihm diese einfachen Abfolgen nicht nur missglückt, sondern das Missglücken wäre ihm nicht aufgefallen. Er machte unübersehbar Fortschritte.

So war er nicht verwundert, als eines Tages eine sehr sympathisch wirkende junge Frau mit hellblondem Haar und einem breiten Lächeln auf ihn zukam, die sich als seine zuständige Sozialarbeiterin vorstellte. Frau Berger sei ihr Name und sie wolle mit ihm über die Zeit nach seiner Entlassung aus der Klinik reden. Damit hatte er gerechnet. Doch was dann kam, war wie ein Schlag in die Magengrube: Den Besuch einer Tagesstätte hielt sie zur Stabilisierung für sinnvoll. Für einen Zeitraum von einem oder eventuell auch zwei Jahren. Darüber hinaus wollte sie mit ihm über eine Antrag auf Erwerbsminderungsrente reden. Er suchte nach Worten, fand aber keine.