Rolf Schwarz 6

Das Wort „Rente“ lastete schwer. Rolf hatte das Gefühl, man wolle ihn aussortieren. Noch bevor alles begann, sollte er bereits aussortiert werden. Noch vor einem Einstieg ins Berufsleben, noch vor seinem Einstieg in irgendeine Form der Karriere, sollte es schon zu Ende sein?

Ja! Er gab doch alles zu! Es war dieses Verrückte in ihm. Er war aus der Spur geraten, es war ihm entglitten, er war aus sich selbst herausgefallen und ja! wenn es irgendjemandem half, konnte man das Krankheit, konnte man es Schizophrenie nennen. Jetzt war doch aber alles wieder gut! Er war einsichtig, er gehorchte, er nahm die Tabletten und machte alles mit, was von ihm verlangt wurde. All dieses Mitmachen hatte doch nur ein Ziel: Wieder Teil zu werden von all dem, was man Gemeinschaft nennt, er wollte nicht herausfallen. Warum denn jetzt Rente? War das, was sich in ihm ereignet hatte, so schlimm, eine solche Bedrohung, dass man ihn isolieren musste, ausgrenzen, sich vor ihm schützen musste?

Lea Berger, seine Sozialarbeiterin, sah das freilich ganz anders. In ihrer gewohnt gut gelaunten Art setzte sie Rolf auseinander, welche Vorteile eine Berentung habe. Sie habe eigentlich nur Vorteile und mit Ausgrenzung und Isolation hätte das alles rein gar nichts zu tun. Er könne später, wenn er sich ausreichend stabilisiert habe, durchaus noch einen Beruf lernen und dann in seinem Beruf arbeiten. In einer Werkstatt für Behinderte hätte er immer Anrecht auf Ausbildung und einen Arbetsplatz. All die Unsicherheit und die Unwägbarkeiten des ersten Arbeitsmarktes würden für ihn wegfallen. Das wäre doch toll!  Das mit dem Studium ginge dann tatsächlich nicht mehr, aber er könne sich doch auch mal so in ein Seminar setzen, wenn ihn etwas interessiere. Da wäre der Leistungsdruck viel geringer und er könnte dann bestimmt in ganz anderer Weise proftieren. Außerdem bräuchte man kein Studium, um glücklich zu werden. Glück habe andere Ursachen. Schönes Wetter zum Beispiel, so wie heute. Da wäre man doch gleich super drauf, „Oder?“

„Ja, das stimmt schon“, meinte Rolf, und im Moment seiner Zustimmung war er sich darüber im Klaren, dass es unglaublich viel Mühe kosten würde, Frau Berger davon zu überzeugen, dass er lediglich der Verbidung von gutem Wetter und guter Laune, nicht aber einem Rentenantrag zugestimmt habe.

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