Fin de siècle 36

Am Buffet angekommen griff sich Andrew die Zuckerdose, packte mich am Arm und zog mich weiter in Richtung Haus. Im Dunkel des Eingangs drehte es sich zu mir, drückte sich eng an mich, um mich erneut zu küssen. Ich schob ihn von mir, wobei Andrew die Zuckerdose aus der Hand fiel. Sie ging zu Bruch und ihr Inhalt verteilte sich auf dem Boden.
„Bist du bescheuert? Das schöne Koks!“ Andrews Gefühle für mich waren abrupt abgekühlt.
Manchmal bin ich unglaublich naiv. Wenn ich eine Zuckerdose sehe, denke ich, da ist bestimmt Zucker drin. Auf die Idee, es könne sich um einen für alle zugänglichen Kokainvorrat handeln, der die Feier am Laufen und die Gäste bei Stimmung hält, komme ich erstmal nicht.
Andrew wurde hektisch. „Hilf mir mal“, meinte er. Er versuchte, das Kokain in die größte Scherbe der Zuckerdose zu füllen. Ich reichte ihm einen Kassenbon, den ich in meiner Hosentasche gefunden hatte. Er begann, das Koks mit dem Papier gierig zu schaufeln. Zwischendurch feuchtete er seinen Finger an, indem er ihn kurz in den Mund steckte, steckte ihn dann ins Kokain und verrieb es sich auf dem Zahnfleisch.
„Du bist ja ein richtiger Hardcore-Junkie.“
„Ich bin kein Junkie, ich habe Geld und kann mir das leisten. Ich will nur Party machen. Hau jetzt ab, du nervst.“
Hier gab es gleich mehrere Anknüpfungspunkte für eine weiterführende Diskussion. Am interessantesten schien mir die These, dass nur diejenigen Junkies sein können, die die finanziellen Mittel zum Bedienen ihrer Sucht nicht aufbringen konnten. Allerdings sah ich davon ab, das Thema mit Andrew zu vertiefen. Er war gerade in einem nahezu manischen Zustand, hatte daher sicherlich auch keine Muße für eine geistreiche Debatte. Mit Schweißperlen auf der Stirn schaufelte er mit einem dazu immer weniger geeigneten Kassenbon Kokain in eine Zuckerdosenscherbe, verschüttete immer wieder einen Gutteil, was ihn wiederum hektischer werden ließ. Dabei fluchte er flüsternd vor sich hin. Von all der Liebe, der Leidenschaft und dem Begehren, die eben noch Andrews Universum nicht nur gefüllt sondern gebildet hatten, war keine Spur mehr vorhanden.
Da ich ohnehin fortgeschickt worden war, begab ich mich zurück zum Pool. Susan tanzte umringt von klatschenden Gästen. Sebastian saß klatschnass am Beckenrand und hielt sich die Schulter.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s