Fin de siècle 38

In dem Moment, in dem ich mich zu Sebastian nieder beugte, in sein schmerzverzerrtes Gesicht sah, überfiel mich ein dunkles, namenloses Gefühl. Es war nicht Traurigkeit, es war tiefer. Ich sah auf, sah, wie sich am anderen Ende des Gartens John der Galerist und Ibrahim der Künstler, die für einen Moment von farbigen Lichtern beleuchtet wurden, über den noch immer im Gras liegenden Besoffenen lachten.
War es Einsamkeit, die mich beschlich?
Alles um uns herum war in sich vertieft, mit sich beschäftigt, eingetaucht in lachende, tanzende Welten. Ein dionysisches Reich ohne Mitleid.
War es Verlassenheit?
Sebastian atmete laut hörbar. Seine Schulter sah merkwürdig verschoben aus. Wie das passiert sei, wollte ich wissen. Sebastian wusste es nicht genau. Er vermutete mit der Schulter auf eine der Edelstahlstufen der Beckenleiter gefallen zu sein. Er wusste allerdings umso genauer, dass seine Schmerzen mit jedem Moment an Intensität zunahmen.
Schnell deklinierten wir erneut die Möglichkeiten durch. Krankenwagen dauerte zu lange, scheiterte ohnehin daran, dass wir kein Netz hatten. Es blieb nur, selbst zum Krankenhaus zu fahren.
„Was ist mit dem Schlüssel?“
„Scheiß auf den Schlüssel! Der liegt irgendwo im Pool.“ Meine Frage kam mir tatsächlich merkwürdig irrelevant vor, auch wenn sich in der letzten Stunde alles um diesen Schlüssel gedreht hatte.
„Kannst du aufstehen?“
Es ging. Sein rechter Arm hing leblos an ihm herunter, er selbst war klatschnass. Ich wollte noch eine Decke holen, aber Sebastian drängte darauf, so schnell wie möglich den Ort zu verlassen. Es waren die Schmerzen, die ihn ungeduldig machten. Wir gingen langsam in Richtung Ausgang, Richtung Tor und rettendem Auto. Sebastian ging langsam, jede Bewegung seines Armes vermeidend.
Es waren John und Ibrahim, die unsere Abfahrt noch einen Moment hinauszögerten. Sie machten deutlich, dass sie sich von mir in gar keinem Fall verabschieden wollten, weil sie sich von mir schlecht behandelt fühlten. „European dick“ war der in diesem Zusammenhang gebrauchte Ausdruck. Aber von Sebastian wollten sie sich verabschieden, weil er ein guter Amerikaner sei und Amerikaner füreinander einstünden.
Schneller als einem Betrunkenen das normalerweise möglich ist, umarmte John Finn Sebastian und klopfte ihm dabei kräftig auf den Rücken. Sebastians schmerzhaftes Stöhnen wurde von einem Knirschen in seiner Schulter begleitet.

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