Überarbeitung 4

“Einer Person gegenüber war ich in der Tat voreingenommen. Das war Susan, die Braut. Sebastian hatte mir einfach zu viel von ihr erzählt, um neutral zu bleiben. Ich war nicht mehr in der Lage, zwischen seiner Erzählung und der Realität zu unterscheiden. Susan fand ich von der ersten Sekunde unserer Begegnung an blöd, verschlagen, hinterhältig. Vermutlich stimmt das sogar.”
“Kann man denn überhaupt jemandem unvoreingenommen begegnen?” Dietmar lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und schnippte etwas Zigarettenasche in den Aschenbecher. “Ich meine, jetzt mal so ganz philosophisch gefragt. Gibt es nicht immer irgendeinen Kontext, etwas, das eine Richtung vorgibt?”
Markus verschränkte seine Hände über dem Kopf. “Es gibt da schon Unterschiede. Je nachdem wie man sich begegnete und wie viele Informationen man schon hat.”
“Von Sebastian hatte ich ziemlich viele Informationen über Susan.”
“Wo ist der eigentlich?”, fragte Dietmar.
“Im Krankenhaus.” Der Ausflug ins Philosophische war sofort unterbrochen. Ich fand das ganz gut, denn er schien mir einen recht flachen Verlauf zu nehmen. Das ist nicht schlimm, sowas kann immer mal passieren, muss aber nicht über das notwendige Maß hinaus verlängert werden.
“Im Krankenhaus? Nicht dein Ernst! Was ist denn passiert?”
“Ich mache einfach mal weiter. Sebastian erzählte mir zunächst ein bisschen von Susan. Die nächste Arroganz stammt also nicht von mir, es sind seine Schilderungen.”
Volkmar grinste. “Ich bin mir sicher, du genießt es, es auszuschmücken.”

Ich schmücke niemals etwas aus. Ich schildere nur. Andrews künftige Ehefrau Susan, so erzählte Sebastian, habe sich die Ehe unter anderem durch das Vortäuschen eines psychischen Zusammenbruchs in Zusammenhang mit dem vermeintlichen Tode ihrer Mutter erschlichen. Andrew hatte sie wegen irgendeinem Produkt der Pop-Industrie mit weiblicher Erscheinung sitzen lassen, Susan hatte den Tod ihrer Mutter ersonnen, ein Dramulett höchster Qualität mit Suizidversuch und allem Drum und Dran inszeniert, Andrew dadurch zurückerobert, woraufhin sie ihre Mutter auf wunderbare Weise von ihrem Tode auferstehen ließ. Zur unmittelbaren Stärkung ihrer Bindung hatte Susan im Anschluss heimlich die Pille abgesetzt und sich von Andrew schwängern lassen. Für diesen wurde Susans Schwangerschaft so das zweite medizinische Wunder innerhalb weniger Wochen, das er zu verkraften hatte. Er hatte allerdings Substanzen zur Hand, die ihm bei der Verarbeitung halfen.
“Der kann sich doch nicht über Wochen hinweg abgeschossen haben”, wandte Olaf ein.
Ich sei nicht dabei gewesen, aber wenn man Sebastians Erzählung folgte, war es wohl eine Kombination aus Arbeit und Drogen, entgegnete ich. Speed und Kokain hielten in tagelang wach, Ritalin sorgte für einen zusätzlichen Fokus auf die Arbeit. Wenn ihm Schlaf unabdingbar erschien, halfen Benzodiazepine beim Runterkommen. Für Privates, für Nebensächlichkeiten, für die Frage, wie plausibel die Ausführungen Susans war, blieb da keine Zeit. Andrew stand unter dem Druck, seine Karriere befördern zu müssen. Es gab nur Auf- oder Abstieg, ein bloßes Halten des Niveaus war nicht möglich. Aufträge mussten angenommen werden, wenn sie kamen, und im Moment kamen sie zahlreich. Er hatte einen Flow, er war gefragt. Etwas in ihm wusste, diese Gelegenheit würde nicht wiederkommen. Das machte ihn umso gehetzter und getriebener. Sebastian hatte mir erzählt, Andrew sei zu Berühmtheit in seinem Metier gelangt, nachdem er mit einer Flasche Wodka intus einem Star der Pop-Industrie mit ganz wenig gesanglicher Begabung dafür mit umso mehr Marketinggeschick einen kecken Punkt ins Gesicht und die Lidschatten mehr aus Suff denn aus Absicht mit unterschiedlichen Farbnuancen gemalt hatte. Es war niemandem aufgefallen, ihm war es später peinlich gewesen. Doch noch etwas später war in irgendeinem Modejournal er sowie das Besondere seines Stils jedoch daraufhin erwähnt worden. Das hatte den Ausschlag gegeben. Plötzlich war er gefragt, er wusste selbst nicht warum. Alles, was er gemacht hatte, war schon da gewesen, nicht wirklich neu. Und vor allem, er hatte es nicht mal absichtlich gemacht. Aber jetzt war er derjenige, der sagte, was der Trend war, der als kreativ und innovativ galt, derjenige, dessen Make-up-Künste aus Unbekannten Stars machten. Das lag weniger an seinen Fertigkeiten, sondern mehr an seinem Ruf, dass er das könnte. Es hatte etwas von selbsterfüllender Prophezeiung.

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