Die Betriebsversammlung 3

Roland Schmidt hatte in dieser Nacht kaum geschlafen. Er war spät zu Bett gegangen und früh wieder aufgewacht. Ideen waren auf ihn eingestürzt und hatten ihm keine Ruhe gegönnt. Angefangen hatte alles mit der Frage, in welcher Richtung der Onlinemarkt noch zu erobern war. Webseiten zu erstellen war ja schön und gut. In Foren Meinungen zu platzieren funktionierte immer noch ganz gut, wurde aber immer häufiger durchschaut. Da war das Ende der Fahnenstange bald erreicht. Pornographie war weitgehend ausgeschöpft, es lohnte sich nicht mehr hier noch aufzuspringen. Aber mit dem Wort Pornographie hatte sich vor seinem geistigen Auge plötzlich ein Tor zu einer ganzen Ideenlandschaft geöffnet. SCHOW GmbH hatten doch eine ganz erhebliche Anzahl an Kunden aus dem Bereich der Prostitution. Bordelle, Domina-Studios, Appartements mit wechselnden Frauen und eine Zahl an Transsexuellen ließen sich in der Agentur Roland Schmidts ihre Webseiten zusammenschustern, kostengünstig und ohne jede Form der Berührungsangst.
Schmidt würde, das war seine Idee, all diese unterschiedlichen Anbieter sexueller Dienstleistungen in einer Suchmaschine zusammenbringen. Eine Suchmaschine, die ausschließlich auf sexuelle Dienstleistungen jeder Art spezialisiert war. Ort eingeben, Vorlieben eingeben und schon würde die Seite eine Übersicht von Sexarbeitern liefern, die genau das anboten, was der Kunde suchte. Mit Fotos, möglichst Videos, Anfahrtsbeschreibung und allem Drum und Dran versteht sich. Roland Schmidt beglückwünschte sich zu seinem genialen Unternehmergeist. Das würde er gleich heute in Angriff nehmen lassen. Positiv gestimmt blickte er dem Tag entgegen.
Roland Schmidt sah sich als Macher. Er war ein junger Unternehmer Anfang vierzig. Steve Jobs war das große Vorbild. Er wollte ebenso unkonventionell wie genial sein, neue Wege gehen, ein Pionier des Internets werden. Die ausgetretenen Pfade klassischen Unternehmertums langweilten ihn. Roland trug das Haar lang, kleidete sich in Flanellhemden, Jeans und Birkenstocksandalen. Er machte nie Urlaub, schlief wenig, war identisch mit seiner Firma und erwartete genau das Gleiche von seinen Mitarbeitern, die ihn alle duzten. Allerdings nur in seiner Gegenwart. War er nicht anwesend, hatte sich die Benennung „der Schmidt“ durchgesetzt. Roland Schmidt wusste davon nichts und er wäre maßlos enttäuscht gewesen, wenn er es herausgefunden hätte. Persönlich gekränkt.
Er hatte viel vor an diesem Tag. Gut gelaunt ging er ins Büro und las den Aushang. Eine merkwürdige Mischung der Gefühle stieg in ihm auf. Seine Mitarbeiter engagierten sich und wollten sich treffen. Das war zunächst mal positives Zeichen. Allerdings musste so eine Versammlung selbstverständlich außerhalb der Arbeitszeit stattfinden. Es ging natürlich nicht, hierfür die Firma zuzumachen. Zeit ist schließlich Geld. Die können wählen, was und wen sie wollen, aber nicht auf seine Kosten. Schließlich bezahlen wir die Leute nicht fürs Nichtstun und Reden schwingen. Der Tietz soll das nachher mal erledigen.
Kaum war er in seinem Büro angekommen, klingelte das Telefon. Tietz war am anderen Ende der Leitung. „Wir haben ein Problem“, meinte er.
„Was sollte das für ein Problem sein?“
„Die wollen einen Betriebsrat gründen.“ Tietz klang besorgt.
„Was ist das Problem daran?“
Tietz erzählte etwas von Mitbestimmung, Berichtspflichten, Kostenexplosion und Einmischung. Roland Schmidt verstand nicht den gesamten Zusammenhang, verstand aber, es war ernst.
„Schmeiß die raus. Sofort!“ Roland Schmidt wurde lauter.
„Das geht nicht“, war Tietz‘ Antwort.
„Das ist meine Firma! Was hier geht und was nicht, bestimme ich!“, setzte Schmidt im Crescendo fort. „Feuern! Sofort!“ Der coole Chef war ganz unbemerkt verschwunden. Roland Schmidts cholerische Unternehmerseite kam zum Vorschein. „Komm sofort runter in mein Büro und erklär mir, was hier vorgeht, Tietz. Sofort!“ Mit rotem Gesicht knallte Schmidt den Hörer auf die Gabel. Seine gute Laune war verflogen. Kurz darauf öffnete Tietz die Tür und trat ein.

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