Archiv der Kategorie: Die Betriebsversammlung

Die Betriebsversammlung 48

Als Olaf Graf die Tür öffnete, blickte er in zwei schon recht wässrige, leicht schielende Augen. Gregor Bauer stützte sich mit einer Hand am Türrahmen ab, mit der anderen hielt er ein Sixpack.
“Du siehst nach mehr als vier Bier aus”, sagte Olaf. “Komm rein! Ich mache uns erst mal einen Kaffee.”
“Ist doch viel zu spät für Kaffee.”
“Na und? Es war vorhin auch viel zu früh für Bier.”
Gregor nahm im Wohnzimmer auf einem Stuhl platz, während Olaf in der Küche Kaffee aufsetzte.
“Du kannst dich doch nicht jeden Abend volllaufen lassen”, rief Olaf von der Küche aus und knüpfte damit an das Telefongespräch an, das die beiden vor Kurzem geführt hatten.
„Ich lasse mich doch nicht jeden Abend volllaufen!“, protestierte Gregor.
„Das scheint mir schon so zu sein. Du warst vorgestern blau, gestern, heute bist du wieder blau“, sagte Olaf und schaltete die Kaffeemaschine ein.
„Das ist nur eine Häufung von Zufällen.“
Olaf überging diesen Einwand, an den er nicht glaubte. “Warum machst du das denn? Geht es dir irgendwie nicht gut? Fehlt dir irgendetwas?”, fragte Olaf in dem Moment in dem er das Wohnzimmer betrat.
“Nein, es ist alles super. Es fing heute morgen mit einem Counterbier an, um den Kater zu vertreiben. Und dann bekam ich Lust auf mehr. Außerdem bin ich gar nicht richtig blau.”
“Du siehst ziemlich blau aus. Du kannst ja kaum gerade sitzen.”
“Ich bin höchstens ein bisschen enthemmt, aber mehr auch nicht. Du könntest das ausnutzen und mal mit einem richtigen Hetero Sex haben.”
“Ach Gregor! Ich übergehe das jetzt mal, weil du offensichtlich nicht weißt, was du sagst.”
“Doch, weiß ich”, sagte Gregor und legte die Hände hinter den Kopf und spreizte die Beine etwas weiter.
“Mensch Gregor! Wir sind Kollegen und werden das vermutlich auch noch eine Weile bleiben. Wir versuchen gerade gemeinsam einen Betriebsrat zu gründen, du hast eine Freundin,  mit der du vermutlich glücklich bist, du bist im Moment total besoffen, das spricht alles gegen heftiges Rummachen, denkst du nicht auch?”
“Weiß nicht. Aber wenn ich schwul wäre, dann wärst du auf jeden Fall mein Typ”, sagte Gregor.
“Wenn wir den Betriebsrat gegründet haben, sich die ganze Aufregung etwas gelegt hat und du mal nüchtern sein solltest, dann reden wir da nochmal drüber. Jetzt gibt es erst mal Kaffee.”
Olaf ging zurück in die Küche. Er wartete und hörte dem Röcheln der Kaffeemaschine zu. „Müsste auch mal wieder entkalkt werden“, dachte er. Dann dachte er an Gregor, der jetzt drüben im Zimmer saß und auf ihn wartete. Konnte der nicht einfach gehen? Während er schließlich Kaffee in zwei Becher goss, überlegte Olaf, wie er der Situation möglichst elegant entkommen könnte, fand aber keine Lösung. Er konnte und wollte Gregor nicht aus der Wohnung werfen, allerdings wollte er auch in keinem Fall mit ihm im Bett landen, auch wenn, das musste Olaf sich gegenüber zugeben, es seinen Reiz hätte. Gregor war nicht unansehnlich, im Gegenteil. Sicherlich kein Partner fürs Leben aber für so zwischendurch schon. Wäre ihre Geschichte nicht derart verwoben, würde Olaf sich einlassen. Aber so? „Nein, danke!“, setzte er einen Schlussstrich unter seine Überlegungen, nahm  die beiden Kaffeebecher und ging zurück zu Gregor. Dieser war inzwischen in seinem Stuhl eingeschlafen. Als Olaf den Kaffee vor ihm abstellte, wachte er auf.
“Sorry, ich bin einen Moment eingenickt. Wo waren wir stehen geblieben?”
Olaf verdrehte die Augen. „Ich Vollidiot!“, dachte er bei sich.

 

Die Betriebsversammlung 47

Gregor Bauer wusste nicht, wie lange er gespielt hatte. Es musste eine ganze Weile gewesen sein, denn seine Zigaretten waren inzwischen zur Neige gegangen. Außerdem hatte er Durst. Mit einem weiteren Bier, da war er sich sicher, würde er sich besser konzentrieren und mehr Punkte sammeln können. Er pausierte sein Spiel und machte sich fertig für einen kurzen Spaziergang zur Tankstelle. Dort kaufte er mehr Bier als geplant und auch bei den Zigaretten hatte er sich gleich mit drei Schachteln eingedeckt. Zu Hause setzte er sich an den Schreibtisch und öffnete eine weitere Flasche. Er fühlte, wie gut es ihm tat. Er spielte eine Weile und trank. Er begann die Lust am Spielen zu verlieren. Vielleicht sollte er sich einen Moment hinlegen, einfach entspannen. Er ging mit einem Bier in der Hand zum Sofa, nahm einen Schluck, stellte die Flasche ab und legte sich hin. In dem Moment, in dem er die Augen schloss, mischte sich Realität und Traum. Er war in Olafs Wohnung, lag dort auf Olafs Bett. Umso mehr erschrak Gregor, als das Telefon klingelte. Es war Anna. Er griff zum Bier, trank aus, ging mit dem Handy am Ohr in die Küche und öffnete eine weitere Flasche. Anna teilte ihm mit, sie wolle heute allein sein. Es sei nicht ihr Tag, sie fühle sich zerrissen und sei schlecht drauf. Sie brauche einfach Zeit für sich. Gregor hatte Verständnis, eigentlich war es ihm sogar recht. Er würde einen gemütlichen Computerabend machen. Er legte sich wieder aufs Sofa, stellte sein Bier ab, schloss erneut die Augen und döste ein. Wieder schien es ihm, als läge er in Olafs Bett. Es war auf unbestimmte Weise angenehm. Gregor träumte sich in Olafs Nähe und fühlte sich wohl. Er wehrte sich daher, als es ihn aus diesem angenehmen Gefühl wieder nach oben drückte, hinein ins Wache. Er lag noch eine Weile da, hielt die Augen geschlossen, wusste aber, er würde nicht wieder hinabsinken ins Traumhafte. Er könnte Olaf anrufen, dachte er bei sich. Anna hatte abgesagt, er hatte einen Abend für sich allein. Olaf und er könnten gemeinsam etwas unternehmen, in Tom’s Lounge gehen zu all den Schwulen, die im Grunde doch allesamt sehr nett waren.
Gregor öffnete die Augen und setzte sich auf. Dabei stieß er die Bierflasche um, die er auf den Boden abgestellt hatte.
“Scheiße”, fluchte er. Er griff nach der Flasche, hob sie auf. Sie war noch nicht ganz leer. Er setzte an, nahm den letzten Schluck, brachte die Flasche in die Küche und tauschte sie gegen eine volle. Als er sich aufs Bett setzten wollte, trat er in die Pfütze aus Bier, die sich dort gebildet hatte.
“Scheiße”, fluchte er erneut. Aber er würde sich von diesem kleinen Missgeschick nicht aus der Ruhe bringen lassen. Er hatte sein Bier uns saß bequem. Der nächste Schritt wäre, Olaf anzurufen. Bestimmt hätte der auch Lust, heute etwas gemeinsam zu unternehmen. Er angelte sein Handy, vertippte sich mehrfach, fand schließlich doch Olafs Eintrag, schaffte es, die Verbindung herzustellen.
Als Olaf den Anruf angenommen hatte, unterbreitete ihm Gregor seinen Plan zur gemeinsamen Abendgestaltung. Doch Olaf reagierte anders als erwartet.
“Bist du schon wieder betrunken?”, fragte er.
“Nein, überhaupt nicht, wie kommst du da drauf”, antwortete Gregor, der mit seinem Fuß ein bisschen im verschütteten Bier malte.
“Du klingst ganz verwaschen. Wie viel Bier hast du schon intus?”
“Keine Ahnung, nicht so viele.”
“Schätze einfach mal.”
“Vielleicht drei oder vier?”
“Mensch Gregor, du kannst dich doch nicht jeden Tag zusaufen. Es ist doch noch nicht mal richtig Abend.”
“Ich bin nicht besoffen, vielleicht ein bisschen beschwipst.”
Sie sprachen noch eine Weile miteinander. Schließlich willigte Olaf ein, Gregor zu treffen. Nicht zuletzt deshalb, weil er sich selbst ein Bild machen wollte. Allerdings auch, weil die Gedanken an die vergangene Nacht und den heutigen Morgen den ganzen Tag über nicht von ihm gewichen waren.

Die Betriebsversammlung 46

Gregor beendete in diesem Moment sein Telefongespräch mit Anna. Er hatte seiner Freundin über den vergangenen Abend und, so fern ihm erinnerlich, über die vergangene Nacht berichtet. Er hatte ihr von seiner Überraschung berichtet, bei Olaf Graf aufgewacht zu sein. Er hatte viel von Olaf gesprochen, was für ein toller Kerl der sei und wie sehr er ihn schätze. Anna hatte sich interessiert gezeigt, ihn bei nächster Gelegenheit kennen zu lernen. Sie hatten dann noch etwas über Annas gestrigen Tag gesprochen, sie hatte etwas von Druck und Überlastung erzählt, wobei Gregor sich eine Zigarette angezündet hatte. “Rauchst du wieder?”, hatte Anna gefragt, die die Geräusche richtig gedeutet hatte. “Nur ein oder zwei am Tag”, war Gregors Antwort gewesen. “Wegen dem Geschmack.” Anna erklärte dann zwei Zigarettenlängen lang, warum sie sich in ihre Studium überfordert fühle, beschrieb den Druck, unter dem sie stand und fing an zu weinen, als sie davon sprach, dass sie alles nur noch in Eile und gehetzt machen würde, sie aber einfach nur noch müde sei. Gregor hörte zu, versuchte zu trösten, so gut es ging.
Anna schlug vor, später nochmals zu telefonieren. Sie wusste nicht, ob sie den Abend allein oder mit Gregor verbringen wollte. Sie wollte ein paar Stunden Zeit haben, um das heraus zu finden. Gregor willigte ein. Nachdem er das Gespräch beendet hatte, fuhr er seinen Rechner hoch und zündete sich eine weitere Zigarette an. Er dachte an Olaf. Schade, dass er schwul war, fand Gregor. Ansonsten ist Olaf ein wirklich toller Typ. Cool drauf, fit in der Birne, eigentlich ein Vorbild. Nur leider schwul. “Naja, irgendeinen Mangel hat jeder”, sagte sich Gregor. “Vielleicht kann er ja wirklich nichts dafür.” Gregor hing der Idee an, falls  die Richtige dereinst Olafs Weg kreuzen würde, würde er seine komischen Homogedanken vergessen und auf den Pfad der heterosexuellen Tugendhaftigkeit zurückkehren. Es hat jeder mal so eine Phase, dachte Gregor bei sich, und bei manchen dauert die Phase eben länger. Warum Greogr sich Olaf lieber heterosexuell wünschte, wusste er nicht zu sagen, dass er es tat, fiel ihm selbst gar nicht auf. Er wandte sich seinem PC zu und fing an zu spielen.

Die Betriebsversammlung 45

Die Informationen, die Sebastian Markus von Sabine Müller erhielt und sofort an Sonja Zand weitergab, fand diese recht mau.
“Die ist doch zu blöd zu allem”, war Sonjas Urteil, nachdem ihr von dem Treffen zwischen Olaf Graf und Sabine Müller berichtet worden war. “Wir müssen das selbst in die Hand nehmen.”
“Was denn noch?” Markus blickte verdutzt. “Wir machen schon alles mögliche.”
“Wir müssen diese Betriebsversammlung verhindern! Die Firma muss vor den Roten gerettet werden.” Durch die Unterhaltung mit Roland Schmidt am Morgen, fühlte sich Sonja herausgefordert. Viel mehr noch als bisher wollte sie es sein, die die Betriebsversammlung verhinderte. Sie würde für Roland Schmidt eine Wahrheit schaffen, die keinen Zweifel am Versagen Wolfram Tietz’ lassen würde und ihn im günstigsten Fall in ein Licht der Kollaboration mit Gottschalk, Bauer und Graf rücken würde.
“Warum reißen wir uns eigentlich den Arsch für Rolands Firma auf?”, fragte Markus.
“Fängst du jetzt auch schon mit dem Sozialismus-Scheiß an? Es geht auch um deinen Arbeitsplatz. Wenn wir versagen, ist die Firma kaputt.”
“Warum ist die Firma dann kaputt? Was erzählst du da für einen Schwachsinn?”
“Weil so ein Betriebsrat alles lähmt, bis zum Bankrott. Das sind Blutsauger.”
“Wer sagt denn so was?”
“Roland”, war Sonjas wenig überraschende Antwort. “Bist du jetzt für oder gegen uns?”
“Mit einer Gehaltserhöhung bin ich für euch.” Markus startete einen weiteren Versuch, einen Vorteil für sich herauszuschlagen.
“So läuft das nicht in unserem Geschäft. Erst liefern, dann kommt die Kohle.” Soja Zand hatte das Gefühl, ihr Eigentum schützen zu müssen. Roland Schmidt würde sie nach der erfolgreichen Verhinderung der Betriebsratswahl zur Belohnung heiraten, da war sie sich sicher. Dann würde die Firma praktisch ihr gehören. Im Geiste machte sie jetzt schon Listen mit den Namen derjenigen, denen sie das Gehalt kürzen und die sie rausschmeißen würde. Ginge es nach ihr, würde nach einer Heirat die ganze Firma zu spüren bekommen, wer bei Schmidts die Hosen anhatte. In ihrer Vorstellung blieb niemand verschont. Sebastian Markus würde sie das Gehalt kräftig kürzen,  denn er sollte sich gefälligst ein bisschen mehr anstrengen. Miete und so könnte er sich auch vom Job Center holen, wusste sie.
“Wie? So läuft das nicht? Vor dem Liefern müssen wir klären, wie viel Kohle danach kommt, oder?”
“Sei nicht so gierig.” Sonja wollte auf gar keinen Fall ihre künftigen Einnahmen senken, indem sie jetzt leichtfertig Versprechungen machte. “Lass uns einen Plan für nächste Woche machen. Danach zeigst du mir nochmal, was du mit deinen prallen Muskeln alles anstellen kannst.” Statt über Geld zu sprechen, schien es ihr notwendig, Sebastian Markus in einer Weise zu motivieren, die für beide gewinnbringend war. Zu ihrer eigenen Verwunderung gelang es. Sie fühlte Verachtung für Sebastian Markus in sich aufsteigen, die sich wenige Augenblicke später in Lust wandelte.

Die Betriebsversammlung 44

“Danke”, sagte Gregor Bauer, als Olaf Graf seinen Kaffeebecher füllte. Gregor saß mit einem Handtuch um die Hüften auf dem Sofa, die Arme weit auf der Rückenlehne ausgestreckt, den Oberkörper zurückgelehnt, die Beine weit auseinander. Es schien, als wolle er so viel Raum wie möglich einnehmen.
“Wie sieht dein Tag heute aus?”, fragte Olaf Graf, der sich inzwischen wünschte, Gregor würde bald gehen. Er brauchte eine Pause und etwas Zeit für sich selbst.
“Ich weiß noch nicht. Heute Abend wollte Anna kommen. Das ist aber noch nicht ganz sicher.”
“Wer ist Anna?”
“Meine Freundin.”
“Stimmt. Du hast eine Freundin. Das hast du neulich erwähnt.” Olaf rieb sich mit einem Finger über der Augenbraue.
“Wir könnten was zu dritt unternehmen.”
“Ich würde gern, aber heute Abend kann ich leider nicht”, log Olaf.
“Schade.” Gregor Bauer beugte sich nach vorn, um seinen Kaffee zu greifen. “Wie machen wir denn jetzt weiter. Ich meine betriebsratsmäßig.”
“Wir nutzen das Wochenende zur Erholung. Nächste Woche kommt einiges auf uns zu, würde ich mal aus den vergangenen Tagen schließen. Wir können uns morgen Abend nochmal mit Caroline treffen, falls uns was Wichtiges zu besprechen einfällt.”
“Das sollten wir auf jeden Fall tun”, fand Gregor. “Morgen um 18 Uhr hier bei dir? Ich sage Caroline Bescheid.”
Olaf Graf fühlte sich überrumpelt. Dennoch sagte er zu, denn er hatte die Hoffnung, das würde Gregor schneller aufbrechen lassen. Falls er keine Lust haben sollte, konnte er das Treffen immer noch absagen. Olafs Rechnung ging auf. Gregor trank seinen Kaffee aus und sagte schließlich “So, ich werde dann mal …”,  erhob sich vom Sofa, ließ dabei sein Handtuch wie zufällig von den Hüften gleiten und bot dadurch Olaf volle Draufsicht. Dann suchte er seine Sachen zusammen, die noch weithin verstreut im Zimmer lagen. Er zog seine Socken an, schlüpfte dann in sein T-Shirt, um sich schließlich die Unterhose anzuziehen.
“Ungewöhnliche Reihenfolge”, kommentierte Olaf.
“Mache ich immer so.”
Olaf bezweifelte das, sagte es aber nicht.
Wenige Minuten später schloss er die Tür hinter Gregor, der ihn zum Abschied auf die Wange geküsst, über den Kopf gestreichelt und “mach’s gut Großer” ins Ohr geflüstert hatte.
“Puh”, sagte Olaf als er mit dem Rücken an seiner Wohnungstür lehnte, “das war eine Spur zu intensiv.”
Er begann mit seiner Wochenendroutine. Wäsche waschen, Wohnung sauber machen und schließlich einkaufen gehen. Immer wieder dachte er an Gregor Bauer, wie er ihn gestern ins Bett gebracht hatte, wie er neben ihm gelegen und ihn umarmt hatte, wie er völlig verkatert, mit zerzaustem Haar aufgewacht war, wie er ihn zum duschen eingeladen hatte. All diese Gedanken waren wie lästige Fliegen, die Olaf versuchte, aus seinem Bewusstsein zu verscheuchen, die sich aber einen Moment später wieder dort einfanden und die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Jetzt bereute er fast, das Angebot des gemeinsamen Duschens ausgeschlagen zu haben. “Mist”, dachte Olaf, als er Wäsche zum Trocknen aufhing. “Das läuft völlig aus dem Ruder.”

Der Vormittag von Sonja Zand hingegen verlief weit weniger erotisierend. Dafür kam sie am Nachmittag auf ihre Kosten. Nachdem sie wie geplant den Friseurbesuch hinter sich gebracht hatte, rief sie auf dem Weg zum Nagelstudio Sebastian Markus an. Sie wolle ihn wegen wegen des Betriebsrates sprechen, gab sie vor. Sie müssten ihre Aktionen in der kommenden Woche abstimmen. Sebastian Markus war dem Abstimmen von Aktionen nicht abgeneigt, weshalb er zusagte. Sonja könne am Nachmittag bei ihm vorbei kommen, er wolle eben noch ein bisschen in die Muckibude und sich aufpumpen. Anschließend hätte er für alles Zeit, was ihr Spaß machen würde. Sie dürfe dann auch mal seine prallen Muskeln anfassen und alles, was dann sonst noch prall an ihm wäre. “Du kleines Schweinchen”, sagte Sonja kichernd, “bis später”, und legte auf. Ihren Termin im Nagelstudio erlebte Sonja daraufhin als Zeit, die eine unnötige Spannung entstehen ließ. Eine Spannung, die sie körperlich spürte. Natürlich wollte Sonja Zand mit Sebastian Markus auch über den Betriebsrat sprechen. Aber die Betonung lag inzwischen auf “auch”, denn die Erfüllung ihres sexuellen Begehrens stand für sie plötzlich im Vordergrund. “Sebastian ist einfach ein geiler Ficker”, dachte sie, während sie von Ying aus Thailand ihre Nägel gefeilt bekam.
Heute morgen war es noch genau andersherum gewesen. Da ging es ihr tatsächlich zunächst um Maßnahmen zur Verhinderung eines Betriebsrats und dann, auf Platz zwei sozusagen, um ein bisschen Rumgemache mit Sebastian Markus. Und das eher mit dem Gedanken, ihn zu willfährig zu machen, denn aus eigenem Bedürfnis.

“Warum bist du eigentlich mit Roland zusammen? Der heiratet dich sowieso nie”, fragte Sebastian Markus, nachdem Sonja und er sich gegenseitig Höhepunkte bereitet hatten und sich bei Sebastian Markus Erschöpfung einstellte.
“Wie kommst du da jetzt drauf?”, fragte Sonja, die ihren Rock zurechtrückte.
“Ich meine nur. Er bringt es im Bett nicht, er behandelt dich scheiße. Warum er? Warum nicht jemand anders. Ich zum Beispiel?”
“Machst du Witze? Er hat eine Firma. Du hast ja noch nicht mal ein Auto, das zuverlässig fährt. Was kam eigentlich bei dem Abend mit Müller und Graf raus?”
“Nichts. Die haben sich unterhalten.”
“Und über was?”
“Keine Ahnung, ich war zu weit weg.”
“Du kannst auch nur gut ficken und sonst gar nichts, oder? Rufe mal die Müller an und frage nach.”
“Jetzt?”
“Nein, nächstes Jahr zu Ostern. Natürlich jetzt!” Sonja Zand war in bester Stimmung.

Die Betriebsversammlung 43

Für Sonja Zand waren die Wochenenden ganz regelmäßig eine Qual, denn es fehlte einerseits an Publikum und Applaus, anderseits war sie mehr oder weniger zum Nichtstun verdammt. Wenn es um die Ausgestaltung der gemeinsamen Freizeit ging, war Roland Schmidt ein schlechter Partner, ebenso schlecht wie als Liebhaber.
Roland Schmidt war meist völlig mit sich selbst beschäftigt, hatte allerlei elektronischen Krimskrams zur Hand, der ihn faszinierte, weshalb er es vorzog, damit seine Zeit zu verbringen anstatt mit Sonja, deren Anwesenheit er hinnahm, so lange sie nicht aktiv störte. Sonja machte inzwischen schon gar keine Vorschläge zur gemeinsamen Freizeitgestaltung mehr, denn sie wusste, Roland war unabkömmlich. Mal verwies er auf ein wichtiges technisches Problem, das ihn festhielt, mal verwies er darauf, dass ein Unternehmen zu leiten, eine Aufgabe sei, die keinen Feierabend und kein Wochenende kenne. Sonja Zand entgegnete auf diese Argumente, für Computerspiele und Online-Aktivitäten fände er doch auch Zeit, warum nicht auch für sie, woraufhin er auf die oftmals sehr zeitnah abzuwickelnden Geschäfte verwies.
“Wer will denn am Samstagmorgen um acht ein Geschäft abwickeln, das man nicht auch noch um zehn noch abschließen könnte?”, fragte sie jetzt, denn Roland hatte eben zu diesem Argument gegriffen, um nicht mit Sonja zum Bäcker zu müssen.
“Versuche nicht klug zu sein, das steht dir nicht”, antwortete Roland.
Sonja überlegte, welches Register nun zu ziehen sei? Schreien, weinen oder etwas werfen standen ihr zur Auswahl. Sie entschloss sich jedoch zu verzichten, denn alle ihr zu Verfügung stehenden Register waren im Verlauf der Zeit schon vielfach gezogen worden, ohne eine dauerhafte Verhaltensänderung auf Rolands Seite bewirkt zu haben. Sie hatten sich abgenutzt.
Was würde sie heute tun, fragte sie sich nun, denn ihr war klar, würde sie auf einen Vorschlag Rolands warten, würde sie Staub ansetzen. Sie konnte zum Friseur und sich anschließend neue Nägel machen lassen, dachte sie. Damit wäre der Vormittag zugebracht, obendrein hätte sie bei diesen Tätigkeiten genug Zeit, darüber nachzudenken, was am Nachmittag zu tun sei. Sie würde, nahm sie sich vor, auch bei Sebastian Markus mal anfragen. Der hatte sicherlich Zeit für sie. Sie könnten dann neben dem Üblichen auch noch das weitere Vorgehen hinsichtlich des Betriebsrates besprechen.
“Ich bin mal gespannt, wie das wird, wenn die Firma einen Betriebsrat hat”, sagte sie zu Roland Schmidt. Wenn sie schon keine Zuwendung haben konnte, dann wollte sie wenigstens eine andere, starke Reaktion. Und die bekam sie auch.
“Dir hat wohl einer ins Hirn geschissen! Warum bist du jetzt auch gegen mich?”
“Wie bitte? ‘Mir ins Hirn geschissen’? Wie redest du mit mir? Und überhaupt, du sitzt hier rum und spielst, statt etwas zu unternehmen.”
“Der Tietz ist zuständig. Der regelt das.”
“Der Tietz, der Tietz, der Tietz…. Der Tietz hat es die letzten Tage nicht hinbekommen, er wird es auch die nächsten Tage nicht gerade biegen. Und weißt du warum? Weil der Tietz nichts macht, deshalb!”
“Der Tietz macht natürlich was, was erzählst du da für einen Schwachsinn?”
“Mir hat jemand ins Hirn geschissen, aber du bist total bescheuert. Der Tietz spielt ein doppeltes Spiel. Hast du mal gesehen, wie der die Gottschalk anguckt? Wahrscheinlich nicht, denn dann wüsstest du Bescheid.”
Sonja war sich sicher, das würde reichen. Die kleine Saat des Misstrauens würde aufgehen und ihr zum Gefallen große, bunte Blüten treiben. Natürlich war Roland Schmidt nicht entgangen, wie Wolfram Tietz Caroline Gottschalk ansah. Keinem in der Firma konnte das entgehen. Sonja hatte nun für eine neue Deutung der Blicke des Wolfram Tietz gesorgt, die Roland Schmidt das ganze Wochenende umtreiben würde. Sie konnte sich zurückziehen.
“Gehst du jetzt zum Bäcker?”
“Nein! Im Gegensatz zu dir verlasse ich mich nicht auf den Tietz. Ich habe einiges zu erledigen.” Sie ging ins Bad und schlug die Tür hinter sich zu.

Auch Gregor Bauer war gerade wieder auf dem Weg ins Bad. Nach drei Tassen Kaffee, einer Aspirin und einem Bier ging es ihm etwas besser. Die Menge an Flüssigkeit suchte sich nun aber ihren Weg. Vielleicht sollte er duschen, dachte er, als er sich stehend erleichterte. Das würde seine Ausnüchterung bestimmt beschleunigen.
“Sag mal, kann ich schnell mal duschen?”, rief Gregor zur Tür.
“Klar, ich bringe dir ein Handtuch.”
Als Olaf kurz darauf klopfte, öffnete Gregor nackt weit die Tür und nahm das Handtuch entgegen. Olaf sah ihn an, Gregor blickte zurück.
“Ich mache uns noch einen Kaffee”, sagte Olaf.
“Wir könnten auch zusammen duschen”, schlug Gregor vor.
“Ich glaube, das ist keine so gute Idee.” Olaf lehnte ab und ging in die Küche.
Dort dachte er nach. Vor einigen Monaten erst, da hatte er diese stürmische Affäre mit Jürgen gehabt. Jürgen war verheiratet, was ihn nicht daran hinderte, seine gleichgeschlechtlichen Fantasien mit Olaf auszuleben. Zunächst war das für beide gut. Doch als Olaf Jürgen eines Tages in Begleitung seiner Frau beim Einkauf gesehen und dieser Olaf ganz absichtsvoll übersehen hatte, setzte Ernüchterung ein. Bei seinem nächsten Besuch meinte Olaf zu Jürgen, eine ganz lockeres “Hallo” bei einem zufälligen Treffen in der Öffentlichkeit sollte schon drin sein. Daraufhin meinte Jürgen, es täte ihm Leid, aber das ginge nicht. Er sei nicht schwul, er könne es sich auch nicht leisten, mit sowas in Verbindung gebracht zu werden. So viel Diskretion müsse Olaf ihm schon zusichern. Olaf beendete die heiße Affäre mit Jürgen auf der Stelle. Er nahm sich vor, sich nie wieder auf eine derartige Liaison einzulassen. Zu sagen wäre noch, dass Jürgen in Olafs Leben nicht der erste, lediglich der krasseste seiner Art war.
Olaf hatte nun in keiner Weise Veranlassung, dieses sich selbst gegebene Versprechen wegen Gregor zu brechen, zumal sie mit der Einladung zur Betriebsversammlung etwas mehr verband, als ihn und Jürgen, wodurch sich die Angelegenheit zusätzlich komplizieren könnte. “Lass bloß die Finger weg”, flüsterte Olaf sich selbst zu, drehte den Wasserhahn auf, füllte den Wasserkocher, legte Filterpapier in einen Kaffeefilter und zählte fünf Löffel Kaffeepulver ab. Bei Löffel Nummer drei hatte er sich schon verzählt.

Die Betriebsversammlung 42

Eigentlich, so sagte er sich, sei er doch gar kein Gefühlsmensch. Eigentlich sei es ihm scheißegal, ob bei SCHOW ein Betriebsrat gegründet würde oder nicht. Er würde das eher von der sportlichen Seite sehen. Falls die drei mit ihrem Vorhaben durchkämen, müsste er sich alle drei Monate hinstellen und irgendwelche Zahlen runterleiern. Was soll’s?  Warum war er jetzt so aufgewühlt? Und wenn Claudia meint, sie wäre in einer tunesischen Yogaschule glücklich, soll sie doch machen! Er würde schon eine Lösung finden. Die Kinder würden unter der afrikanische Sonne sicherlich gut gedeihen. Er könnte heute mal zu den Schwiegereltern fahren und mit den beiden Ungeheuern was unternehmen, dachte er. Aber ohne Claudia war das absurd. Löwenbändigung war Claudias Aufgabe, er war der Vater und hielt sich im Hintergrund. Zeugung war seine biologische Aufgabe, von Elternschaft hielt Tietz nicht viel. Die Idee, sich mit den Kindern einzulassen, mit ihnen rumzubalgen, ihnen körperlich nah zu sein, hatte ihn immer irritiert, mehr noch, sie war ihm zuwider. Er wusste gar nicht, wie andere Väter derartiges machen konnten. Sein eigener hat das jedenfalls nie gemacht, was Tietz inzwischen gut verstehen konnte. Es hatte Jahre gebraucht, um zu dieser Haltung zu finden. Früher war ihm sein Vater immer kalt und herzlos erschienen. Heute, das wusste er, war er das Spiegelbild seines Vaters, für den er nun Hochachtung empfand, daher auch für sich.
War er kalt und herzlos, weil er versuchte, die Gründung eines Betriebsrates zu verhindern? Rein finanziell konnte sich die Firma einen Betriebsrat gut leisten. Sie warfen unglaublich viel Geld zum Fenster raus, weil jede noch so absurde Idee von Schmidt sofort umgesetzt werden musste. Dennoch wuchs der Gewinn von Jahr zu Jahr. Das war keine Kunst, wenn man in einem ohnehin wachsenden Umfeld wie dem Internet agierte. Ein Betriebsrat wäre problemlos zu finanzieren. Falls Schmidt nicht sofort jeder Zuckung seines Geistes nachgeben könnte, weil er mal hier mal da einen Betriebsrat zu konsultieren hätte, könnte das sogar einen positiven Effekt haben, dachte Tietz. Aber dennoch konnte er nicht zulassen, dass irgendwelche Angestellten sich anmaßten die Firma mitzugestalten. Das stellte ja alle Eigentumsverhältnisse auf den Kopf.
Aus der Mitte seines Bauches strömte erneut dieses Gefühl nach oben, das dort angekommen sich als Trauer entpuppte. Tietz hielt sich die Hände vor die Augen und schluchzte erneut. Über Eigentum hatte er auch schonmal anders gedacht, das war doch noch gar nicht so lange her. Auf der Universität hatte er sich einen kurzen Augenblick lang sogar mal für Marx interessiert, fiel ihm ein. Nicht dumm der Mann, konstatierte Tietz und verhinderte so eine weitere Welle des Selbstmitleids.
Damals hatte er noch alles vor sich gehabt. Aber mit Marx war kein Geld zu verdienen. Jetzt saß er hier, mit auskömmlich Geld zwar doch allein, in einem viel zu großen Haus, mit einer Küche nach Claudias Entwurf, Zimmern nach Claudias Geschmack, Vorhängen, Bildern und Dekoration nach Claudias Ideen und ganz ohne Claudia, doch dafür mit der Verhinderung eines Betriebsrates beschäftigt, dessen Gründung er eigentlich befürwortet hätte, wenn es nicht ausgerechnet die Firma betreffen würde, in der er der Geschäftsführer war. War er mit den Jahren zu einem Arschloch geworden, fragte sich Tietz. Er bejahte ein letztes Mal sich selbst bemitleidend, wobei er sich vom Bett erhob. Was half es? Er schaltete vom öffentlich rechtlichen Fernsehen um auf Porno-DVD, da war die Handlung nicht ganz so absurd und nicht ganz so weit hergeholt. Er drehte die Lautstärke auf, um die Leere und Stille aus dem Haus zu vertreiben und ging ins Bad. Unter der Dusche würde ihm hoffentlich etwas einfallen, wie er die Zeit bis zum Montag totschlagen könnte. Die Idee mit den Kindern war jedenfalls gestorben. Kaltes Wasser würde gegen diesen aufgewirbelten Gefühlsmischmasch helfen, sagte er sich, legte ein Badetuch zurecht und drehte das Wasser auf.