Die Betriebsversammlung 42

Eigentlich, so sagte er sich, sei er doch gar kein Gefühlsmensch. Eigentlich sei es ihm scheißegal, ob bei SCHOW ein Betriebsrat gegründet würde oder nicht. Er würde das eher von der sportlichen Seite sehen. Falls die drei mit ihrem Vorhaben durchkämen, müsste er sich alle drei Monate hinstellen und irgendwelche Zahlen runterleiern. Was soll’s?  Warum war er jetzt so aufgewühlt? Und wenn Claudia meint, sie wäre in einer tunesischen Yogaschule glücklich, soll sie doch machen! Er würde schon eine Lösung finden. Die Kinder würden unter der afrikanische Sonne sicherlich gut gedeihen. Er könnte heute mal zu den Schwiegereltern fahren und mit den beiden Ungeheuern was unternehmen, dachte er. Aber ohne Claudia war das absurd. Löwenbändigung war Claudias Aufgabe, er war der Vater und hielt sich im Hintergrund. Zeugung war seine biologische Aufgabe, von Elternschaft hielt Tietz nicht viel. Die Idee, sich mit den Kindern einzulassen, mit ihnen rumzubalgen, ihnen körperlich nah zu sein, hatte ihn immer irritiert, mehr noch, sie war ihm zuwider. Er wusste gar nicht, wie andere Väter derartiges machen konnten. Sein eigener hat das jedenfalls nie gemacht, was Tietz inzwischen gut verstehen konnte. Es hatte Jahre gebraucht, um zu dieser Haltung zu finden. Früher war ihm sein Vater immer kalt und herzlos erschienen. Heute, das wusste er, war er das Spiegelbild seines Vaters, für den er nun Hochachtung empfand, daher auch für sich.
War er kalt und herzlos, weil er versuchte, die Gründung eines Betriebsrates zu verhindern? Rein finanziell konnte sich die Firma einen Betriebsrat gut leisten. Sie warfen unglaublich viel Geld zum Fenster raus, weil jede noch so absurde Idee von Schmidt sofort umgesetzt werden musste. Dennoch wuchs der Gewinn von Jahr zu Jahr. Das war keine Kunst, wenn man in einem ohnehin wachsenden Umfeld wie dem Internet agierte. Ein Betriebsrat wäre problemlos zu finanzieren. Falls Schmidt nicht sofort jeder Zuckung seines Geistes nachgeben könnte, weil er mal hier mal da einen Betriebsrat zu konsultieren hätte, könnte das sogar einen positiven Effekt haben, dachte Tietz. Aber dennoch konnte er nicht zulassen, dass irgendwelche Angestellten sich anmaßten die Firma mitzugestalten. Das stellte ja alle Eigentumsverhältnisse auf den Kopf.
Aus der Mitte seines Bauches strömte erneut dieses Gefühl nach oben, das dort angekommen sich als Trauer entpuppte. Tietz hielt sich die Hände vor die Augen und schluchzte erneut. Über Eigentum hatte er auch schonmal anders gedacht, das war doch noch gar nicht so lange her. Auf der Universität hatte er sich einen kurzen Augenblick lang sogar mal für Marx interessiert, fiel ihm ein. Nicht dumm der Mann, konstatierte Tietz und verhinderte so eine weitere Welle des Selbstmitleids.
Damals hatte er noch alles vor sich gehabt. Aber mit Marx war kein Geld zu verdienen. Jetzt saß er hier, mit auskömmlich Geld zwar doch allein, in einem viel zu großen Haus, mit einer Küche nach Claudias Entwurf, Zimmern nach Claudias Geschmack, Vorhängen, Bildern und Dekoration nach Claudias Ideen und ganz ohne Claudia, doch dafür mit der Verhinderung eines Betriebsrates beschäftigt, dessen Gründung er eigentlich befürwortet hätte, wenn es nicht ausgerechnet die Firma betreffen würde, in der er der Geschäftsführer war. War er mit den Jahren zu einem Arschloch geworden, fragte sich Tietz. Er bejahte ein letztes Mal sich selbst bemitleidend, wobei er sich vom Bett erhob. Was half es? Er schaltete vom öffentlich rechtlichen Fernsehen um auf Porno-DVD, da war die Handlung nicht ganz so absurd und nicht ganz so weit hergeholt. Er drehte die Lautstärke auf, um die Leere und Stille aus dem Haus zu vertreiben und ging ins Bad. Unter der Dusche würde ihm hoffentlich etwas einfallen, wie er die Zeit bis zum Montag totschlagen könnte. Die Idee mit den Kindern war jedenfalls gestorben. Kaltes Wasser würde gegen diesen aufgewirbelten Gefühlsmischmasch helfen, sagte er sich, legte ein Badetuch zurecht und drehte das Wasser auf.

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