Die Betriebsversammlung 41

“Bei mir ist alles in Ordnung!” Gregor betätigte die Spülung, um Badezimmeraktivität zu simulieren. Er konnte noch nicht aufstehen, zu schwer waren seine Glieder. Schließlich fühlte er die Notwendigkeit, sich doch zu erheben. Er stützte sich auf das Waschbecken, öffnete den Hahn und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Das half etwas. Der Blick in den Spiegel bestätigte seine Vermutung: Er hatte es wirklich sehr übertrieben.
Gregor öffnete die Badezimmertür. Olaf Graf hantierte in der Küche. Gregor entschloss sich, im Wohnzimmer Platz zu nehmen. Im Setzen hielt er sich die Hand an die Stirn und stöhnte.
“Dir geht es vermutlich nicht so gut”, sagte Olaf, der mit zwei Bechern Kaffee aus der Küche kam. “Nimmst du Milch oder Zucker?”
“Nein danke, schwarz.” Gregor nippte an seinem Kaffee. “Es geht mir wirklich schlecht. Noch schlechter als gestern. Wie bin ich überhaupt hierher gekommen?”
“Filmriss?”
“Ja. Alles schwarz wie der Kaffee.”
“Ich könnte dir jetzt natürlich viel erzählen. Ich verspreche, alles, was ich sage, ist die Wahrheit. Die ist für dich wahrscheinlich schlimm genug. Ich muss gar nichts erfinden.” Olaf konnte ein Grinsen nur schwer unterdrücken. “Was ist denn das Letzte, an das du dich erinnern kannst?”
“Wir waren mit deinen Leuten in Tom’s Lounge. Ich habe Jägermeister ausgegeben.”
“Das hast du an diesem Abend recht häufig getan. Später gab es dann Wodka. Das schien dir männlicher, du hast die Jungs über den Unterschied zwischen heterosexuellen und homosexuellen Getränken aufgeklärt. Du hast im Anschluss daran die These vertreten, Heteros könnten bedingt durch ihren höheren Testosteronspiegel mehr Alkohol vertragen als Schwule. Das konnten Klaus und die anderen natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Es wurde dann einer nach dem anderen bestellt und um die Wette gesoffen. Du hast übrigens verloren. Du bist an der Bar zusammengebrochen.”
“Ich hatte auch noch Restalkohol vom Vortag”, sagte Gregor entschuldigend.
“Wie bist du überhaupt auf den Unsinn mit dem Testosteronspiegel gekommen”, fragte Olaf.
“Ich weiß nicht. Habe ich das wirklich gesagt? Vermutlich habe ich das irgendwo gelesen. Stimmt das denn nicht?”
“Nein, das stimmt nicht. Schau mal deinen Bartwuchs an und dann den von mir.”
“Deiner ist etwas dichter, das stimmt schon.”
“Ja, meiner ist etwas dichter. Der von meiner Oma war auch etwas dichter als deiner. Du hast drei Haare im Gesicht, Gregor.”
“Bartwuchs hat nicht nur was mit Testosteron zu tun.”
“Scheinst dich in Teilen ganz gut auszukennen. Mit Schwulsein hat Testosteron jedenfalls auch nichts zu tun.”
“Ich dachte, wegen der Verweiblichung und so.” Gregor nahm einen weiteren Schluck Kaffee.
Olaf warf die Stirn in Falten “Ich glaube, du hast noch ganz viel Restalkohol. Schwule sind nicht per se weiblicher.”
“Manche schon.”
“Jaja.” Olaf wischte die Bemerkung mit einer Handbewegung beiseite. “Jedenfalls hast du dann, nachdem du allen von deinem Hetendasein erzählt hast, mit so ziemlich jedem dort rumgeknutscht. Damit hast du deinem Ansehen als Hetero übrigens erheblich geschadet.”
“Nur weil man mal mit einem Mann rumknutscht, ist man doch nicht gleich schwul.”
“Das ist sogar richtig, aber warum habe ich die ganze Zeit das Gefühl, Schwulsein wäre für dich was Minderwertiges?”
Gregor sagte nichts, nahm noch einen weiteren Schluck Kaffee und sah dann zu Olaf Graf.
“Was hast du gerade nochmal gesagt? Ich bin noch nicht ganz wach.”
“Vergiss es. Auf jeden Fall habe ich dich dann, nachdem du in Tom’s Lounge an der Bar zusammengebrochen bist, zu mir nach Hause gebracht. Das ist ja nicht weit. Auf dem Weg hier her hast du mir unzählige Male gesagt, wenn du schwul wärst, würdest du mich lieben. Im Aufzug hast du dann mich abgeknutscht und als ich dich halbwegs ausgezogen aufs Sofa legen wollte, hast du mich zu dir gezogen, weil ich bei dir bleiben sollte. Der Unterhose hast du dich selbst entledigt, weil du mir nah sein wolltest.”
Gregor wurde rot. “Hast du Aspirin? Oder besser noch ein Bier? Ich glaube, das würde am besten helfen.”
“Ist beides da. Willst du was essen?”
“Nein, auf gar keinen Fall!” Gregor Bauer machte eine verneinende Geste. “Warum bist du eigentlich nicht blau?”
“Ich habe geschummelt. Nach dem dritten Bier hatte ich nur noch alkoholfrei. Und bei eurem Wettsaufen war ich nicht dabei. Das hast du mit den Jungs ausgetragen, denen du von deiner Freundin Anna und den Vorteilen des Hetendaseins erzählt hast, bevor du ihnen deine Zunge in den Hals gesteckt hast und schließlich unter den Tisch gesunken bist.”
“Kann ich da wieder hin?”
“Ganz bestimmt. Man hat dich da sehr geschätzt.” Olaf lachte.

Mit weit weniger Kopfweh aber auch relativ viel Dramatik hatte der Tag von Wolfram Tietz begonnen. Er war einen Traum erinnernd aufgewacht, in dem seine Frau Claudia vorkam. Jetzt fehlte sie ihm und er fühlte eine entsetzliche Leere. Er wollte, Claudia wäre da und würde ihn ein bisschen anzetern. Das wäre viel besser als diese furchtbare Stille. Er hatte den Fernseher angeschaltet, das Programm war eine einzige Peinlichkeit. Er hatte kurz darauf die Fernbedienung an die Wand geschmissen,  “So eine Scheiße” gerufen, ohne über S-Laute nachzudenken, sein Gesicht in den Händen vergraben und  zu weinen angefangen. Er wusste gar nicht warum. Es war das wilde Gemisch an Ereignissen. Es ging um Claudia, Herrin Katharina und den Betriebsrat. Alles war so elend. Und er selbst war am elendsten. Jetzt saß er auf dem Rand seines Bettes und schluchzte.

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