Die Betriebsversammlung 48

Als Olaf Graf die Tür öffnete, blickte er in zwei schon recht wässrige, leicht schielende Augen. Gregor Bauer stützte sich mit einer Hand am Türrahmen ab, mit der anderen hielt er ein Sixpack.
“Du siehst nach mehr als vier Bier aus”, sagte Olaf. “Komm rein! Ich mache uns erst mal einen Kaffee.”
“Ist doch viel zu spät für Kaffee.”
“Na und? Es war vorhin auch viel zu früh für Bier.”
Gregor nahm im Wohnzimmer auf einem Stuhl platz, während Olaf in der Küche Kaffee aufsetzte.
“Du kannst dich doch nicht jeden Abend volllaufen lassen”, rief Olaf von der Küche aus und knüpfte damit an das Telefongespräch an, das die beiden vor Kurzem geführt hatten.
„Ich lasse mich doch nicht jeden Abend volllaufen!“, protestierte Gregor.
„Das scheint mir schon so zu sein. Du warst vorgestern blau, gestern, heute bist du wieder blau“, sagte Olaf und schaltete die Kaffeemaschine ein.
„Das ist nur eine Häufung von Zufällen.“
Olaf überging diesen Einwand, an den er nicht glaubte. “Warum machst du das denn? Geht es dir irgendwie nicht gut? Fehlt dir irgendetwas?”, fragte Olaf in dem Moment in dem er das Wohnzimmer betrat.
“Nein, es ist alles super. Es fing heute morgen mit einem Counterbier an, um den Kater zu vertreiben. Und dann bekam ich Lust auf mehr. Außerdem bin ich gar nicht richtig blau.”
“Du siehst ziemlich blau aus. Du kannst ja kaum gerade sitzen.”
“Ich bin höchstens ein bisschen enthemmt, aber mehr auch nicht. Du könntest das ausnutzen und mal mit einem richtigen Hetero Sex haben.”
“Ach Gregor! Ich übergehe das jetzt mal, weil du offensichtlich nicht weißt, was du sagst.”
“Doch, weiß ich”, sagte Gregor und legte die Hände hinter den Kopf und spreizte die Beine etwas weiter.
“Mensch Gregor! Wir sind Kollegen und werden das vermutlich auch noch eine Weile bleiben. Wir versuchen gerade gemeinsam einen Betriebsrat zu gründen, du hast eine Freundin,  mit der du vermutlich glücklich bist, du bist im Moment total besoffen, das spricht alles gegen heftiges Rummachen, denkst du nicht auch?”
“Weiß nicht. Aber wenn ich schwul wäre, dann wärst du auf jeden Fall mein Typ”, sagte Gregor.
“Wenn wir den Betriebsrat gegründet haben, sich die ganze Aufregung etwas gelegt hat und du mal nüchtern sein solltest, dann reden wir da nochmal drüber. Jetzt gibt es erst mal Kaffee.”
Olaf ging zurück in die Küche. Er wartete und hörte dem Röcheln der Kaffeemaschine zu. „Müsste auch mal wieder entkalkt werden“, dachte er. Dann dachte er an Gregor, der jetzt drüben im Zimmer saß und auf ihn wartete. Konnte der nicht einfach gehen? Während er schließlich Kaffee in zwei Becher goss, überlegte Olaf, wie er der Situation möglichst elegant entkommen könnte, fand aber keine Lösung. Er konnte und wollte Gregor nicht aus der Wohnung werfen, allerdings wollte er auch in keinem Fall mit ihm im Bett landen, auch wenn, das musste Olaf sich gegenüber zugeben, es seinen Reiz hätte. Gregor war nicht unansehnlich, im Gegenteil. Sicherlich kein Partner fürs Leben aber für so zwischendurch schon. Wäre ihre Geschichte nicht derart verwoben, würde Olaf sich einlassen. Aber so? „Nein, danke!“, setzte er einen Schlussstrich unter seine Überlegungen, nahm  die beiden Kaffeebecher und ging zurück zu Gregor. Dieser war inzwischen in seinem Stuhl eingeschlafen. Als Olaf den Kaffee vor ihm abstellte, wachte er auf.
“Sorry, ich bin einen Moment eingenickt. Wo waren wir stehen geblieben?”
Olaf verdrehte die Augen. „Ich Vollidiot!“, dachte er bei sich.

 

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