Die Betriebsversammlung 39

Sie sei gar nicht grundsätzlich dagegen, begann Sabine Müller. Ihr Vater sei bis zu seiner Rente Betriebsrat gewesen. Bei der letzten Bundestagswahl hätte sie sogar die SPD gewählt.
Olaf verdrehte die Augen.
Sie sei sehr für soziale Sachen, auch für Tierschutz und so, setzte sie hinzu. Aber sie wäre dagegen, verbotene Dinge zu tun. Wenn Tierschützer zum Beispiel irgendwo einbrechen würden, um die Tiere zu befreien, fände sie das nicht mehr gut, weil dann das Eigentum von anderen Leuten dabei kaputt ginge.
“Einen Betriebsrat zu gründen ist nicht verboten”, unterbrach sie Olaf.
“Ja, das stimmt. Aber es bringt ganz viel durcheinander. Wir waren so eine nette Firma. Alle sind gut miteinander ausgekommen. Jetzt bringt ihr so einen Unfrieden.”
“Wir bringen Unfrieden?” Gregor blies Zigarettenrauch durch die Nase.
“Wir haben nur zu einer Betriebsversammlung eingeladen. Das ist erstmal unser gutes Recht. Der Unfrieden geht doch ganz deutlich von anderer Seite aus.”
“Sonja findet, ihr würdet eure Kompetenzen überschreiten. Und aus ihrer Sicht hat sie auch recht.”
“Sonja? Was hat die denn damit zu tun?”, fragte Olaf. Sabine Müller wurde erneut rot. “Außerdem überschreiten wir eben nicht unsere Kompetenzen, denn eine unserer rechtlich verbürgten Kompetenzen ist es, zu einer Betriebsversammlung einzuladen”, fuhr er fort.
“Ach Olaf. Ich wünschte, du würdest nicht immer mit dem Recht kommen. Du weißt doch, wie die Firma ist. Alles muss schnell gehen, die Umsätze müssen stimmen. Wo so viel gearbeitet wird, da kann man sich doch nicht immer ums Recht kümmern.”
“Sag mal Sabine, hörst du dir überhaupt selbst zu? Roland Schmidt, der Tietz und die SCHOW GmbH haben sich genauso an Recht und Gesetz zu halten, wie alle anderen auch.”
“Du kannst den Roland doch nicht dazu zwingen, sich an Regeln zu halten. Der ist doch so ein kreativer Geist, den kann man nicht in Ketten legen.”
“Roland? Kreativ? Das ist ein Witz, oder? Der ist nicht kreativ, der lässt nur jede seiner Ideen und vor allem seine Launen ungefiltert in die Welt hinauswandern. Drei Mal am Tag die Firma neu auszurichten, ist nicht kreativ. Für alle Beteiligten ist das der pure Stress. Außer für ihn selbst, versteht sich. Ihn stresst das nicht, denn er muss sich nicht ein Stück weit kontrollieren, während er ein Höchstmaß an Selbstkontrolle von seiner Umgebung abverlangt.” Ohne es zu merken, hatte Olaf die Stimme deutlich gehoben.
“Olaf hat schon recht.” Gregor machte eine beruhigende Geste. “Wenn einfach alles ein bisschen langsamer gehen würde, wäre doch schon viel gewonnen. Und Recht und Gesetz würden dann auch nicht ständig hinten runter fallen. Man wüsste montags wo man sitzen würde und welche Aufgabe man hätte, weil sich da seit Freitag nichts geändert hätte. Und wenn man aus dem Urlaub zurückkommt, würde man die Hälfte der Kollegen noch kennen, weil zwischenzeitlich nicht die ganze Firma entlassen worden war. Darüber hinaus müsste man nicht ständig irgendwelchen Kunden etwas aufschwätzen, was hart am Rande der Legalität ist, manchmal sogar einfach jenseits davon. Neunzig Prozent der kreativen Ideen Rolands erledigen sich doch, wenn er einfach zwei Mal darüber nachdenken würde. Und die restlichen zehn Prozent erledigen sich vermutlich nach dem dritten Nachdenken.”
“Jetzt tust du ihm aber Unrecht. Er ist ein toller Chef.”
“Was findest du denn toll an deinem Chef?”, wollte Olaf wissen, der wieder zu seiner normalen Stimmlage zurückgefunden hatte.
Sabine Müller versuchte sich an die Liste zu erinnern, die ihr Roland Schmidt zugänglich gemacht hatte. “Er hat immer mal wieder etwas spendiert. Zu Hochzeiten zum Beispiel. Das kann man doch jetzt wirklich nicht kleinreden.”
“Das kann er doch weiterhin machen. Man kann eine Betriebsvereinbarung aufsetzten, dass jeder, der heiratet, einen Bonus bekommt. Dann hat das ganze auch nicht sowas Willkürliches. Die eine bekommt was, der andere nicht. Das ist doch nicht gut in einer Firma. Das schafft Unfrieden. Roland führt seine Firma wie ein absoluter Herrscher, wir wollen einfach nur mehr Transparenz und Klarheit für alle.”
“Du hast auch immer auf alles eine Antwort, Olaf. Aber ob das auch alles so funktioniert? Ich glaube nicht.”
“Will jemand noch ein Bier?”, unterbrach Gregor das Gespräch.
“Für mich nicht mehr. Ich muss nach Hause”, antwortete Sabine.
“Ich nehme noch eins”, sagte Olaf.
Gregor machte sich auf den Weg, um Nachschub zu holen.
“Ich wünschte, ich könnte dich überzeugen, das mit den Betriebsrat sein zu lassen. Das wäre wirklich das Beste für uns alle.”
“Warum denn?”
“Es gibt viele Gründe. Es wäre einfach wieder ruhiger und so gemütlich wie früher.” Außerdem würde Sonja Zand dann die kompromittierenden Bilder unter Verschluss halten. Aber das konnte Sabine Müller freilich nicht offen sagen. “Ich muss jetzt wirklich los. Ich wünsche dir noch ein schönes Wochenende.” Sabine Müller zog ihr Portemonnaie aus ihrer Tasche. “Wie viel muss ich für das Wasser bezahlen?”
“Dein mittellautes Mineralwasser übernehmen wir.”
“Du bist immer so lustige Idee. Du bist der geborene Werbetexter”, sagte Sabine Müller, die sich zu einem Lächeln zwang. “Vielen Dank! Grüße Gregor.”

Als Gregor Bauer kurz darauf mit zwei Bier und einer Zigarette im Mund zurückkam, fand er Olaf Graf allein. Er war gerade mit seinem Handy beschäftigt.
“Wo ist Sabine?”
“Nach Hause gegangen. Ich soll dir einen schönen Gruß ausrichten.”
“Danke. Ist doch noch früh. Ein bisschen hätte sie doch noch bleiben können. Fängt doch gerade an, gemütlich zu werden.”
“Warte mal auf dein fünftes Bier, wie gemütlich es dann ist”, sagte Olaf lachend. “Irgendwas stimmt mit Sabine nicht”, fügte er ernster hinzu. “Ich texte gerade mit Caroline. Die ganze Situation war komisch.”
“Wieso komisch? Sie ist einfach kein Partygirl. Das ist zwar schade, weil sie eigentlich ganz gut aussieht. Aber solch stille Gewässer muss es auch geben.”
“Ich finde die ganze Situation schon komisch. Sie will sich unbedingt mit mir treffen, angeblich einfach nur so, um mich näher kennen zu lernen. Dann treffen wir uns, es gibt nur ein Thema, nämlich die Betriebsversammlung. In dem Moment, in dem alle Argumente ausgetauscht sind, schwirrt die Gute ab. Ich wiederhole: Da stimmt was nicht.”
“Was schreibt Caroline zum Thema?”
“Sie meint, Sabine Müller hätte den Auftrag bekommen, einen Text für uns aufzusagen.”
“Und von wem?”, wollte Gregor wissen.
“Keine Ahnung. Tietz und Schmidt liegen als Auftraggeber nahe. Aber die Methoden von Tietz sind andere und nach Roland Schmidt sieht das auch nicht aus. Der hätte uns eher einen Mikrochip unter den Schuh geklebt.”
Gregor Bauer hob den Fuß und besah sich seine Sohle, bevor er einen weiteren Schluck Bier nahm.
“Dir geht es wieder viel besser, oder?”, fragte ihn Olaf.
“Ja, Bier war die richtige Medizin. Was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Abend? Sollen wir nochmal bei ‘Tom’s Lounge’ vorbeischauen?”

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s