Die Betriebsversammlung 38

Sabine Müller fühlte, wie ungeeignet sie für die Aufgabe war. Sie sollte etwas vertreten, das sie nicht vertreten konnte. Sie sollte Olaf Graf von etwas überzeugen, von dem sie selbst nicht überzeugt war. Sie hatte von Roland Schmidt Argumente an die Hand bekommen, an deren argumentativer Kraft sie sehr zweifelte. Ihrer Einschätzung nach würde Roland Schmidt die Firma eher mit in den Abgrund reißen, als sie zu verkaufen. Die Firma war seins.
Zu allem Übel stand jetzt auch noch Sebastian Markus in Sichtweite. Ihr war das ebenso unangenehm wir Olaf Graf. Sebastian Markus war hier um Olaf Graf und Gregor zu beobachten, das wusste sie. Was sie nicht wusste, wovon sie aber ausging, war, dass er für den heutigen Abend nicht nur den Auftrag hatte, Olaf Graf und Gregor Bauer, sondern auch sie selbst zu observieren. Sie war zwar oft naiv, und tadelte sich häufig selbst dafür. Aber so naiv anzunehmen, Sonja Zand würde sich eine Gelegenheit entgehen lassen, mehr über sie zu erfahren, war sie inzwischen nicht mehr.
Mehr einer Eingebung folgend als aus Überlegung winkte sie Sebastian Markus zu. Er tat so, als hätte er es nicht bemerkt.
“Lasst uns zu Sebastian rüber gehen. Er steht da ganz allein.”
“Eigentlich habe ich darauf gar keine Lust. Wie gesagt, der beschattet uns jetzt schon den zweiten Tag. Zudem hat er mich heute im Büro fast verprügelt”, gab Olaf zurück.
“Warum sprecht ihr nicht einfach miteinander und vertragt euch wieder?”
Olaf sah zu Gregor.
“Vielleicht ist die Idee gar nicht so schlecht”, meinte der. “Angriff als die beste Form der Verteidigung.”
Doch als Sebastian Markus die drei auf sich zukommen sah, machte er sich aus dem Staub.
“Siehst du, der will sich nicht mit uns vertragen”, sagte Olaf zu Sabine Müller.
“Wenn ihr euren guten Willen beweist, dann will er euch bestimmt nichts Böses. Ihr solltet einfach die Betriebsversammlung absagen, dann ist alles wie früher und alle sind wieder gut miteinander.”
“Ach, Sabine!” Olaf wusste nicht, was er sagen sollte.
“Findest du denn alles gut, was bei SCHOW läuft?”, fragte Gregor.
“Ich gebe zu, die Umgangsformen sind manchmal etwas rustikal …”
“Rustikal?”, entfuhr es Olaf und Gregor gleichzeitig, wobei sie Sabine fragend ansahen.
“Rustikal ist eine sehr positive Umschreibung für die absolute Willkür, die bei SCHOW herrscht”, fuhr Gregor fort.
“Darf ich einfach mal fragen, warum du gegen die Gründung eines Betriebsrates bist?”, wollte Olaf wissen.
Sabine schwieg einen Moment.

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