Die Betriebsversammlung 38

Sabine Müller fühlte, wie ungeeignet sie für die Aufgabe war. Sie sollte etwas vertreten, das sie nicht vertreten konnte. Sie sollte Olaf Graf von etwas überzeugen, von dem sie selbst nicht überzeugt war. Sie hatte von Roland Schmidt Argumente an die Hand bekommen, an deren argumentativer Kraft sie sehr zweifelte. Ihrer Einschätzung nach würde Roland Schmidt die Firma eher mit in den Abgrund reißen, als sie zu verkaufen. Die Firma war seins.
Zu allem Übel stand jetzt auch noch Sebastian Markus in Sichtweite. Ihr war das ebenso unangenehm wir Olaf Graf. Sebastian Markus war hier um Olaf Graf und Gregor zu beobachten, das wusste sie. Was sie nicht wusste, wovon sie aber ausging, war, dass er für den heutigen Abend nicht nur den Auftrag hatte, Olaf Graf und Gregor Bauer, sondern auch sie selbst zu observieren. Sie war zwar oft naiv, und tadelte sich häufig selbst dafür. Aber so naiv anzunehmen, Sonja Zand würde sich eine Gelegenheit entgehen lassen, mehr über sie zu erfahren, war sie inzwischen nicht mehr.
Mehr einer Eingebung folgend als aus Überlegung winkte sie Sebastian Markus zu. Er tat so, als hätte er es nicht bemerkt.
“Lasst uns zu Sebastian rüber gehen. Er steht da ganz allein.”
“Eigentlich habe ich darauf gar keine Lust. Wie gesagt, der beschattet uns jetzt schon den zweiten Tag. Zudem hat er mich heute im Büro fast verprügelt”, gab Olaf zurück.
“Warum sprecht ihr nicht einfach miteinander und vertragt euch wieder?”
Olaf sah zu Gregor.
“Vielleicht ist die Idee gar nicht so schlecht”, meinte der. “Angriff als die beste Form der Verteidigung.”
Doch als Sebastian Markus die drei auf sich zukommen sah, machte er sich aus dem Staub.
“Siehst du, der will sich nicht mit uns vertragen”, sagte Olaf zu Sabine Müller.
“Wenn ihr euren guten Willen beweist, dann will er euch bestimmt nichts Böses. Ihr solltet einfach die Betriebsversammlung absagen, dann ist alles wie früher und alle sind wieder gut miteinander.”
“Ach, Sabine!” Olaf wusste nicht, was er sagen sollte.
“Findest du denn alles gut, was bei SCHOW läuft?”, fragte Gregor.
“Ich gebe zu, die Umgangsformen sind manchmal etwas rustikal …”
“Rustikal?”, entfuhr es Olaf und Gregor gleichzeitig, wobei sie Sabine fragend ansahen.
“Rustikal ist eine sehr positive Umschreibung für die absolute Willkür, die bei SCHOW herrscht”, fuhr Gregor fort.
“Darf ich einfach mal fragen, warum du gegen die Gründung eines Betriebsrates bist?”, wollte Olaf wissen.
Sabine schwieg einen Moment.

Die Betriebsversammlung 37

Da es Freitag war, war das Loft schon am späten Nachmittag gut besucht. Eine bunte Menge bestehend aus den Angestellten der umliegenden Bürotürme füllte die Bar. Es wurde auf die erfolgreiche Woche oder das beginnende Wochenende angestoßen, Krawatten wurden gelockert, Kragenknöpfe geöffnet, es wurde leger.
Olaf Graf, Sabine Müller und Gregor Bauer standen etwas ungünstig in unmittelbarer Nähe der Bar, dort, wo die Bedienungen Getränke aufnahmen und leere Gläser abstellten. Gregor erfragte, was die beiden zu trinken haben wollten. Olaf nahm ein Bier, Sabine Müller wollte ein Mineralwasser, medium, ohne Eis, aber mit Zitrone. Statt eines Kommentars hob sich über Gregor Bauers rechtem Auge die Braue. Die Getränke kamen, Gregor zahlte. “Die nächste Runde geht dann auf dich, Olaf.”
“Ich dachte, du trinkst nur eins?”
“Ich habe das Gefühl, wenn ich das hier getrunken habe, geht es mir gleich viel besser.”
“Ihr geht wohl sehr oft zusammen weg?”, erkundigte sich Sabine Müller.
“Nein, eigentlich nicht. Eher sporadisch. Erst in den letzten Tagen hat sich das geändert.”
“Ihr habt bestimmt viel zu besprechen wegen der Betriebsversammlung. Das muss alles gut organisiert werden”, meinte Sabine Müller.
“Organisiert ist das alles schon. Da gibt es gar nichts mehr zu tun. Aber es passiert jetzt viel. Da gibt es dann auch viel zu bereden.”
Die drei wurden unsanft von einer Bedienung, die sich Platz an der Theke verschaffen wollte, zur Seite gedrängt.  
“Es ist total ungemütlich hier. Ich weiß gar nicht, warum alle immer ins Loft wollen.” Sabine Müller hatte einen Teil ihres Mineralwassers medium ohne Eis dafür aber mit Zitrone verschüttet. 
“Wir können auch einfach vor die Tür gehen. Da kann man auch besser reden”, schlug Olaf vor.
“Und eine rauchen”, fügte Gregor hinzu.
“Du rauchst wieder?”, fragte Olaf Graf auf dem Weg nach draußen.
“Höchstens ein oder zwei am Tag. Nach der Arbeit und nur zur Entspannung. Ich muss mir nur noch eben eine Schachtel ziehen. Geht ihr schon vor.”
Olaf stand kurz darauf mit Sabine Müller vor dem Loft. Für einen ausgedehnten Moment herrschte Schweigen.
“Warum wolltest du dich denn mit mir treffen”, fragte Olaf schließlich, um einen Anfang zu setzen. 
“Ich will mit dir über den Betriebsrat sprechen. Roland macht sich wirklich Sorgen. Könnt ihr euch das nicht nochmal überlegen?”
“Du wurdest von Roland geschickt, um uns das zu sagen?” 
“Nein, nicht direkt.”
“Du wurdest indirekt geschickt? Wie soll ich das denn verstehen?” 
“Um was geht es? Halt mal bitte”, sagte Gregor, der sich zu den beiden stellte und Olaf ein frisch gezapftes Glas Bier in die Hand drückte, um seine Schachtel Zigaretten öffnen zu können. 
“Sabine wurde von Roland geschickt, um uns zu sagen, wir sollen die Betriebsversammlung abblasen.”
“Echt jetzt?” Olaf sah Sabine fragend an.
“Nein, so kann man das nicht sagen”, wiederholte sie. 
“Wie kann man es denn dann sagen?”, fragte Olaf. 
“Der Roland tut doch wirklich viel für die Mitarbeiter und die Firma”, sagte Sabine. 
“Das wird ihm ein Betriebsrat nicht verbieten. Wo ist sein Problem?” Gregors Schlagfertigkeit hatte durch das erste Bier rapide zugenommen. 
“Ja, aber der Betriebsrat kontrolliert ihn dann. Da ist doch der Roland gar nicht der Typ für. Für Kontrolle und so, meine ich.”
“Aber wir, wir sind so der Typ für Kontrolle”, konterte Olaf und deutete dabei auf Sebastian Markus, der mit einem Bier in der Hand eben aus dem Loft trat. “Der rennt uns jetzt schon den zweiten Tag hinterher.”
Sabine beschloss, zu einer weiteren Argumentationshilfe Roland Schmidts zu greifen. “Der Roland überlegt, die Firma zu verkaufen, falls es einen Betriebsrat geben sollte. Ein Investor hat Interesse.” 
“Und das glaubst du?”, fragte Olaf.
Sabine Müller wurde rot.

Die Betriebsversammlung 36

Für einen Moment sah es so aus, als würde die Situation erneut in Gewalt umschlagen. Doch in dem Moment, in dem Sebastian Markus die Hand erhob und Olaf Graf eine schützende Haltung einnahm, wurden Schritte auf dem Gang laut. Sebastian ließ von Olaf ab, beide setzten sich und versuchten, Normalität darzustellen. Es war Sabine Müller, die kurz darauf vor Olafs Schreibtisch stand. Sie müsse jetzt zu Roland, sagte sie, würde dann aber auch bald Schluss machen. Ob es denn bei ihrer Verabredung bliebe, wollte sie erneut wissen.
“Garantiert!”, sagte Olaf und streckte den Daumen hoch. “Dauert es lange beim Chef? Ich würde hier gern bald raus”, fügte er an, denn er wollte der Situation mit Sebastian Markus entgehen.
“Ich weiß nicht, was er will. Ich denke aber, es geht zügig. Er bringt die Sachen ja immer schnell auf den Punkt.”
Es dauerte tatsächlich keine zehn Minuten und Sabine Müller stand wieder vor Olaf Grafs Schreibtisch.
“Das ging wirklich sehr flott”, merkte er an. “Um was ging es denn?”
Sabine druckste herum. Es sei um ganz allgemeine Themen gegangen. Um die Stimmung in der Firma zum Beispiel, fügte Sabine noch an. Das war nicht gelogen, entsprach aber auch nicht der Wahrheit. Als sie das Büro von Roland Schmidt betrat, war dieser gerade dabei, eine eingeschlagene Fensterscheibe provisorisch zu verkleben. Sabine Müller nahm an, sie solle den Glaser rufen. Doch während Roland Schmidt das Fenster mit Papier abdichtete, teilte er ihr mit, die Stimmung in der Firma sei ausgesprochen schlecht, weil Olaf Graf und sein Kreis einen Betriebsrat gründen wollten. Sabine Müller wagte nicht, zu widersprechen, auch wenn sie die Stimmung in der Firma in dieser Hinsicht ganz anders wahrgenommen hatte. Als sie gestern die Teilnehmerlisten für die Betriebsversammlung anfertigte, waren die Kollegen mehrheitlich begeistert. Heute fühlte sie eine etwas größere Zurückhaltung und vereinzelt Unsicherheit in Bezug auf das Thema, die sie auf das Wirken von Sonja Zand und Sebastian Markus zurückführte, aber von einer grundsätzlichen miesen Stimmung merkte sie nichts.
Er habe gehört, setzte Roland Schmidt seine kleine Rede fort, er habe gehört, sie sei auf der Seite der Gewinner und wäre bereit, ihren Beitrag zum Wohl der Firma zu leisten. Sie würde sich anschließend mit Olaf Graf treffen, habe er gehört. Er wolle ihr jetzt eine Argumentationshilfe mit auf den Weg geben, warum die Idee, bei SCHOW einen Betriebsrat zu installieren, der größte Schwachsinn sei, den man sich vorstellen könne. Roland Schmidt gab ihr einen handgeschriebenen Zettel, auf dem er aufgelistet hatte, was für Wohltaten er welchem Mitarbeiter wann angedeihen lassen hatte. Sabine Müller las es durch. Die Lektüre machte sie unangenehm betroffen. Als sie das Blatt zusammenfalten und mitnehmen wollte, meinte Roland Schmidt “das muss im kleinen Köpfchen haften bleiben. Das Blatt bleibt hier”.
Diese eben durchlebte Geschichte konnte sie Olaf freilich nicht erzählen. Sie beschloss, das Thema zu wechseln.
“Es war eigentlich nur so ganz allgemein, was Roland wollte. Ich mache jetzt auch Schluss für heute. Sollen wir uns gleich im Foyer treffen?”, fragte sie.
“Ja, machen wir.Ich rufe Gregor an und sage ihm Bescheid.”
Während Sabine sich zurückzog informierte Sebastian Markus Sonja Zand und in CC Roland Schmidt per Mail über die Abläufe.
‘Verfolgung aufnehmen’, mailte Sonja zurück.
‘Warum? Sabine ist doch dabei.’
‘Ich will wissen, was da los ist und wie sie sich macht’, schrieb Sonja in einer Mail an Sebastian Markus und Roland Schmidt zurück. ‘Außerdem sieht das Roland auch so. Oder Roland!’
‘Wenn Sonja sagt, du sollst dran bleiben, dann bleib dran’, war Rolands Antwort, die er beiden zukommen ließ.
Sebastian stöhnte.
“Ich bin gleich weg, keine Sorge”, sagte Olaf, der dachte, das Stöhnen sei an ihn gerichtet, da er von dem regen Emailverkehr nichts mitbekommen hatte.

Die Betriebsversammlung 35

Es gelang ihm kaum, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Olaf Graf saß an seinem Arbeitsplatz und versuchte einen originellen Werbetext für einen FKK-Club zu schreiben, aber es wollte ihm nicht gelingen. Zu groß war die Ablenkung durch die Ereignisse des heutigen und gestrigen Tages. Mal dachte er an Tietz, mal an Schmidt und zwischendurch immer wieder an Sebastian Markus. Dann fragte er sich, welche Rolle Sonja Zand in der ganzen Scharade wohl spielen würde. Wieder versuchte er, seine Gedanken zurück zum FKK-Club zu lenken, um in schönen aber nicht zu langen Sätzen die Vorteile eines erotischen Abenteuers an eben jenem Ort herauszuarbeiten. Er fragte sich, warum die Heterokultur die Prostitution bräuchte wie die Luft zum Leben. Bei den Schwulen und Lesben ginge es doch auch weitgehend ohne. Er dachte wieder an Sonja Zand. Er verbat sich, zwischen ihrer Anbiederei an Roland Schmidt und Prostitution eine Parallele zu ziehen, das schien ihm zu platt. Prostitution war eine professionelle Dienstleistung, das andere hausbackene Schleimerei. Aber vollständig zurückweisen konnte er den Gedanken auch nicht. War es Schmidt egal, dass sie mit Sebastian Markus rumvögelte? Oder wusste er es wirklich nicht? Jeder in der Firma wusste es. Warum war Sebastian Markus überhaupt so gegen den Betriebsrat? Falls sein Techtelmechtel mit der Zand aufflog, würde er eine Interessenvertretung dringend brauchen. Olaf Graf versuchte sich wieder auf den FKK-Club zu konzentrieren. In der vergangenen Woche hatte er auf Einladung des Geschäftsführers den Club besucht. Olaf hatte eine Führung bekommen, der Betreiber war von seinem Club überzeugt. Ganz neues Konzept, jenseits der Rotlicht-Klischees, schöne Frauen, alle auf freiberuflicher Basis, keine Zuhälter, kein Zwang, Kondome lagen überall aus, es gab sie umsonst, dezent hing ein Plakat einer Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten in einer schlecht ausgeleuchteten Ecke. Alles sollte offen und aufgeklärt wirken, selbstbewusst, lustvoll emanzipiert.
Jetzt an seinem Schreibtisch sitzend war das einzige, was Olaf Positives zum Club einfiel, dass er nicht allzu schmuddelig war. Der Eintrittspreis, den nur Männer zu entrichten hatten, schien ihm unangemessen hoch, der Sex war im Preis noch nicht mal mit drin. Als Schwuler hatte man es da einfacher und vor allem billiger.
Er dachte an Sebastian Markus und den gestrigen Abend in Tom’s Lounge. Wo war der eigentlich schon wieder? Olaf war im eigenen Interesse eigentlich sehr froh darüber, dass Sebastian selten an seinem Platz war, denn ihn so unmittelbar neben sich zu haben, bedeutete Stress und Ärger. Andererseits fühlte er die Ungerechtigkeit, denn andere hätten mit derart vielen Pausen und Arbeitsunterbrechungen schon längst eine Abmahnung oder einfach gleich die Kündigung erhalten.
Sebastian Markus würde einen guten Zuhälter abgeben. Fies und dämlich, dachte Olaf.
Olaf rief sich zur Ordnung. Er würde sich im Klischee verlieren, sagte er sich. Wie das mit der Zuhälterei jenseits der Krimi- und Thrillerphantasien von Schriftstellern und Filmproduzenten tatsächlich funktioniere, davon hatte er keine Ahnung, gab er sich gegenüber zu. Aber gut wäre das schon, wenn der Markus der Zand mal kräftig eine brettern würde. Kaum gedacht, irritierte Olaf die Brutalität seines Gedankens. Ihm wohnte die Idee der Rache inne, ein Konzept, an das Olaf nicht glaubte. Die Zand war ebenso fies wie Sebastian Markus, das stimmte. Zudem war sie eine Intrigantin, die in der Lage war, ihrem Gegenüber ins Gesicht zu lächeln, während sie ihm den Boden unter den Füßen wegzog. Sebastian Markus war nur primitiv. Er haute jemandem auf die Fresse, weil er dachte, das wäre eine angemessene Antwort auf ein Problem. Sonja Zand genoss es, Existenzen zu runinieren. Trotzdem. Einfach mit Gewalt und Brutalität auf Gewalt und Brutalität reagieren, verbiete sich, dachte Olaf.
Er ärgerte sich, er war schon wieder nicht beim Thema. Dabei sollte der Text für den Club heute fertig werden. Neuer Anlauf: ‘In gediegenem Ambiente verwöhnen attraktive Frauen den Mann, der weiß wie sich Qualitätserotik anfühlen muss.’
‘Qualitätserotik’! Eigentlich so bescheuert, dass es schon wieder gut war. Vielleicht war es aber auch einfach an der Zeit, Feierabend zu machen, dachte Olaf. Sinnvolle Texte waren unter Umständen am Montag wieder möglich. Es war jedoch noch zu früh, stellte er mit einem Blick auf die Uhr fest. Er würde dem Tietz nicht gönnen, ihn beim Verlassen der Firma vor der Zeit zu erwischen. Überhaupt der Tietz! Der sagt Sätze ohne S und ist vermutlich der gefährlichste Gegner von allen. Warum eigentlich Gegner? Das ganze Projekt war nie auf Gegnerschaft angelegt. Auf ein Korrektiv vielleicht, aber nicht auf Gegnerschaft. Sie hätten von Anfang an einen anderen Weg einschlagen sollen. Sie hätten über die Gewerkschaft gehen sollen, anonym, aus dem Verborgenen heraus. Es war ihnen aber unehrlich vorgekommen, da waren sie sich im Bruchteil einer Sekunde einig gewesen als der Vorschlag von Birgit der Gewerkschaftssekretärin in den Raum gestellt worden war, alles die Gewerkschaft machen zu lassen. Sie wollten die Gewerkschaft zur Unterstützung aber nicht als Motor. Mit der Gründung eines Betriebsrates wollten sie als allererstes etwas für die Firma und die Kollegen tun, nicht für die Gewerkschaft.
“Mist!”, sagte Olaf, als er bemerkte, schon wieder nicht beim Thema zu sein.
“Mist ist kein Ausdruck für die Scheiße, die du hier baust!” Sebastian Markus bog um die Ecke und warf sich in seinen Stuhl. “Was hat denn der Herr Betriebsrat so den ganzen Tag gemacht?” fragte er, wobei er mit seinem Stuhl auf Olaf Grafs Seite rollte und ihn zur Seite drängte.
“Der Herr Betriebsrat hat einen einzigen Satz geschrieben. In der ganzen Zeit! Da kann der Herr Betriebsrat aber stolz auf sich sein! Wieder die ganze Arbeit den Kollegen aufgedrückt.”
“Jetzt krieg dich mal wieder ein. Du warst heute doch noch keine fünf Minuten an deinem Schreibtisch.”
“Was geht dich kleine Schwuchtel das an? Ich arbeite für Roland. Nur dem bin ich Rechenschaft schuldig.”
“Wenigstens bekomme ich jetzt ein Ahnung davon, wie es sich für die Normalbegabten angefühlt haben muss, als 1933 die SA-Dumpfbacken Morgenluft witterten und prügelnd durch die Gassen zogen. Es sind immer die größten Idioten, die sich für den größten Dreck hergeben und sich dabei noch unendlich smart vorkommen.”
“Pass auf, was du sagst, Graf! Pass bloß auf!”

Die Betriebsversammlung 34

Während sich die drei zurück an ihre Arbeitsplätze begaben und Wolfram Tietz damit beschäftigt war, die von ihm als Bedrohung empfundene freie Zeit des Wochenendes zu verplanen, lief Roland Schmidt in seinem Büro auf und ab. Sonja saß bei ihm. Die Zeiten des Einblicke Gewährens waren allerdings vorbei. Sie saß auf der Fensterbank, die Arme vor der Brust verschränkt und blickte grimmig.
Roland Schmidt hatte sich in Wut geredet, Sonja Zand wurde nicht müde, Öl ins ohnehin lichterloh brennende Feuer zu gießen.
Roland Schmidt war außer sich, denn er fühlte etwas, das er in seinem Leben noch nicht sehr oft zu fühlen bekommen hatte: Widerstand. Da wagten es drei Menschen, auf die er gewohnt war, herabzublicken, sich ihm in den Weg zu stellen. Für Roland Schmidt ein unglaublicher Vorgang. Niemals würde er diesen drei dahergelaufenen Möchtegern-Chefs irgendeine Form von Rechenschaft ablegen. Niemals! Sonja pflichtete bei und unterstrich die Unverschämtheit des Projektes bei der SCHOW GmbH einen Betriebsrat gründen zu wollen. Frech sei es, ungezogen, die Regeln des Hauses würden nicht beachtet und ihre Kompetenz würden die drei weit überschreiten, der gesamte Friede würde gestört.
“Genau! Es läuft hier alles bestens! Wir brauchen keine Aufseher”, nahm Schmidt das Thema auf. “Ich kümmere mich gut um meinen Laden, da muss mir niemand dazwischenfunken.”
Sonja fand einige Beispiele, an denen Schmidts Fürsorge sichtbar wurde. So hatte er für eine Angestellte ein alternatives Zeigegerät anschaffen lassen, weil sie nach einem Sturz vom Fahrrad mit der verletzten Hand die Maus nicht gut bedienen konnte. Einer anderen hatte er hundert Euro zur Hochzeit spendiert. Das wäre doch total nett gewesen, denn er hätte das bisher noch nie gemacht. Außerdem sei es noch nie vorgekommen, dass er jemanden unbegründet rausgeworfen hätte. Immer hätte er sich Zeit genommen und seine Entscheidung transparent gemacht. ‘Du passt nicht in die Firma’ sei doch für alle Beteiligten verständlich und nachvollziehbar. Was braucht man da noch einen Betriebsrat?
Roland Schmidt hörte sich Sonjas Argumentation bis zu dem Moment an, an dem sich aus seinem Unterbewusstsein der Gedanke ins Bewusstsein zu schleichen drohte, all diese wohlwollenden Handlungen könnten anderen als reine Willkür erscheinen. Er unterbrach sie.
“Der Tietz macht nichts, du machst nichts, ihr seid genauso selbstsüchtige Arschlöcher wie alle anderen auch. Ihr wollten den Arsch im Warmen haben, aber nichts dafür tun.”
Jetzt war Sonja beleidigt. “Wie bitte?”, rief sie aus und fügte eine Aufzählung an, die darüber Auskunft gab, welch persönliche Entbehrungen sie schon erlitten, welches Engagement sie für ihn und die Firma schon aufgebracht habe. Die Aufzählung endete mit ihrer Schilderung, wie sie sich als einzig verlässliche Person die Tage, vor allem aber Nächte um die Ohren schlagen würde, um ihre im Geheimen arbeitenden Leute zu führen und deren Einsätze zu koordinieren. Schmidt wedelte mit den Händen und sagte „Jaja!“ Sie solle jetzt mal nicht übertreiben. Es wäre gerade mal eine Nacht gewesen, nämlich die gestrige. Und der sogenannte Einsatz sei auch vor elf schon zu Ende gewesen, hielt Roland Schmidt dem entgegen.
Nun entbrannte ein Streit über Sonjas Einsatzbereitschaft und Willen sich für die Firma aufzuopfern. Sie schätzte beide hoch, Roland Schmidt dagegen schätze sowohl das eine als auch das andere niedrig ein. Dann fing er an zu schreien. “Jetzt streiten wir. Dabei sind die Feinde da draußen! Da draußen hocken die Schmarotzer!” Mit großer Gebärde wies er auf die Tür. “Da draußen hocken sie und fressen auf meine Kosten. Ich gebe denen eine Aufgabe, einen Sinn, ich schenke denen ein lebenswertes Leben. Und was bekomme ich zurück? Einen fuck Betriebsrat!” Er war rasend. In seiner Wut packte er einen der beiden Monitore, die auf seinem Schreibtisch standen, riss ihn aus der Verkabelung und warf ihn gegen das Fenster, das zerbarst. Scherben und der Monitor landeten draußen, direkt neben dem Aschenbecher, der die Raucherecke markierte.
“Bist du verrückt!”, rief Sonja Zand, die beinahe am Kopf getroffen worden war.
Roland Schmidt starrte durch das zerbrochene Fenster, drei Raucher starrten zurück. Es war nicht Schmidts Absicht gewesen, das Fenster zu treffen. Jetzt, da es geschehen war, war er jedoch mit dem Effekt zufrieden. “Scheiß Betriebsrat”, rief er seinem Monitor hinterher. Er konnte sich sicher sein, seine Botschaft würde rasche Verbreitung finden.
Das letzte Mal, als Roland Schmidt derart außer sich war, war zu Zeiten seines Studiums gewesen. Er war durch eine Prüfung gefallen. Wie schon zu Schulzeiten machte er dafür nicht seine mangelnde Leistung, sondern seinen Professor verantwortlich, dem er eine persönliche Abneigung unterstellte. Er sei neidisch auf seine Fähigkeiten, meinte er gegenüber seinem Vater, den er dazu zwingen wollte, etwas zu tun. In der Schulzeit hat das gut geklappt, denn Rolands Vater hatte über den Tennisclub gute Verbindungen zu einigen von Rolands Lehrern. Da sich diese Verbindungen jedoch aufs Lokale beschränkten, sein Einfluss daher nicht bis zur Hochschulrektorenkonferenz reichte, sah sich Rolands Vater außerstande, etwas zu tun. Daraufhin zerlegte Roland Schmidt in einem Anfall rasender Wut die gesamte Wohnzimmereinrichtung, schmiss mit Geschirr, massakrierte einen original Klee, den sein Vater sehr schätzte und für viel Geld erworben hatte, und brach, nachdem das gewünschte Ergebnis ausblieb, wenige Tage darauf sein Studium ab.
Als Roland Schmidt einige Jahre später am Grab seines Vaters stand, war er sich ganz tief im Innern sicher, all die Krankheit, das Leid und der unwürdige Tod seines Vaters seien die gerechte Strafe für dessen damalige Weigerung, ihn in seinem Fortkommen zu unterstützen. Alles in ihm wollte seinem Vater ein einziges großes „Ätsch!“ ins Grab hinterherwerfen. Er tat ungeachtet dieser Schadenfreude trotzdem so, als wäre er voller Trauer. Es schien ihm, als müsste er eine Erwartung erfüllen, wodurch er im Verlauf der Feier der Trauergemeinde gegenüber einen tiefen Groll entwickelte, den er nur deshalb nicht auslebte, weil die Veranstaltung rechtzeitig zu Ende war.
Dank eines enormen Erbes, das noch etwas enormer gewesen wäre, hätte er damals den Klee nicht vernichtet, war der Zornesanfall im väterlichen Wohnzimmer für lange Zeit sein letzter richtiger Ausbruch. Roland Schmidt hatte sich eine Welt geschaffen, in der er Druck abgeben konnte, ohne selbst welchen aushalten zu müssen. So war es ihm gelungen, ein Selbstbild zu zeichnen, das ihn als weichen, warmherzigen, kreativen Menschen mit einer Vielzahl weiterer positiver Eigenschaften zeigte. Und mehr noch, sein Umfeld bestätigte ihm dieses Selbstbild. Die Zahl der zu Bruch geworfenen Gegenstände hielt sich in überschaubaren Grenzen, seine Firma prosperierte dank seiner Ideen, seine Angestellten fanden ihn toll und Sonja Zand himmelte ihn aufgrund seines Genies an.
Dass seine Firma auch heute noch Vorlagen via Fax an Zeitungsverlage schicken würde, wäre nicht einer seiner Angestellten auf die Idee mit der Onlinewerbung gekommen, interessiert Schmidt freilich nicht. Der angestellte kreative Geist und Roland Schmidt hatten sich kurz nach Aufkommen der Idee und kurz vor der Änderung des Firmennamens von Schmidt-Werbung in SCHOW – Schmidt-Online-Werbung ohnehin voneinander trennen müssen, da sie beide zu Überzeugung gelangt waren, sie würden nicht zueinander passen. Warum das Arschloch dann gegen die Firma vors Arbeitsgericht gezogen war, verstand Roland Schmidt bis heute nicht.
Roland Schmidt guckte nochmals durch das kaputte Fenster, die Raucher guckten erneut zurück. Er zeigte ihnen den Mittelfinger und riet ihnen, sich möglichst zügig an die Arbeit zu machen. Er überlegte, ob es im Sinne der Effizienzsteigerung sein könne, alle Raucher zu entlassen, nahm sich aber vor, sich zunächst auf die Verhinderung des Betriebsrates zu konzentrieren.

Die Betriebsversammlung 33

Als sie an Sabine Müllers Schreibtisch vorbeikamen, griff sie nach Olafs Arm. “Es bleibt doch dabei? Rufst du mich an, bevor du gehst?”, fragte sie. Olaf hatte das Gefühl, etwas sei nicht in Ordnung, als sie an seinem Hemdsärmel zupfte. Obwohl noch immer mit der Szene in Tietz’ Büro beschäftigt beschlich ihn ein Gefühl von Mitleid.
“Ja, wir treffen uns wie verabredet. Gregor kommt auch mit.”
“Nur wir zwei fände ich schöner”, sagte Sabine.
“Gregor bleibt wahrscheinlich nicht lange. Alles, was die Betriebsversammlung betrifft, sollten wie aber mit ihm besprechen. Er sitzt schließlich mit im Boot. Caroline kann leider nicht. Sie hat eine Verabredung.”
Olaf fühlte sich komisch. Wollte Sabine Müller wirklich eine romantische Verabredung mit ihm? Er würde sie enttäuschen müssen. Aber er musste sich selbst gegenüber zugeben, bei Frauen Schwierigkeiten zu haben, deren Zeichen und Codes zu verstehen. Es hatte schon häufiger Situationen gegeben, bei denen es zu gravierenden Missverständnissen gekommen war, weil Olaf Signale nicht wahrgenommen hatte, die jedem heterosexuellen Mann als Wink mit dem Zaunpfahl erschienen wären. Die Zeichen und Codes jedenfalls, die Sabine Müller gerade aussandte, sahen für Olaf mehr nach Verzweiflung als nach sexuellem Begehren aus. Dennoch war er sich unsicher. Vielleicht war das bei Heteros eine verbreitete Masche, dachte er.
“Ich rufe dich an, sobald ich weiß, wann wir hier rauskommen”, versprach er. Er schloss zu Caroline und Gregor auf, die am Ende des Korridors auf ihn warteten.
“Du musst mir mal helfen”, sagte er zu Caroline.
“Willst du irgendwas Fieses drehen, um es dem Tietz schwer zu machen?”
“Nein, wegen was anderem. Sabine Müller will sich mit mir treffen und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.”
“Wie soll ich das verstehen?”, fragte Caroline
“Ich weiß nicht, ob sie was von mir will, oder ob sie mich einfach so treffen möchte.”
“Sie ist eine Frau. Du bist ein Mann. Sie will dich nicht einfach nur so treffen.”
“Dann will sie mich abschleppen?”
“Körperkontakt? Titten in Position gebracht? Hat sie dir den Hals gezeigt?”
“Nein, ich glaube nicht.”
“Hat sie irgendwas Auffälliges mit den Beinen gemacht? Sich im Haar rumgefummelt?”
“Weiß nicht, habe ich nicht so drauf geachtet. Ich glaube nicht.”
“Augenaufschlag? Auf die Lippen gebissen oder sonst irgendwas mit dem Mund gemacht?”
“Sie hat gesprochen.”
“Sie will dich nicht abschleppen. Sie will irgendwas anderes.”
“Und was?”
“Das weiß ich nicht. Finde es raus. Aber du musst wirklich völlig schwul sein, um solche Zeichen nicht zu verstehen.”
“Bin ich”, sagte Olaf das Gespräch abschließend.

Bevor es zu dem Gespräch zwischen Olaf und Sabine gekommen war, hatte diese mit Sonja Zand telefoniert. Sabine Müller informierte Sonja in diesem Gespräch, darüber, dass Olaf Graf einem Treffen mit ihr zugestimmt hätte, bevor er zu Tietz ins Büro gegangen sei. Sie ginge daher davon aus, dass die Verabredung wahrscheinlich zustande kommen würde.
Sie würde nicht wahrscheinlich zustande kommen, gab Sonja Zand daraufhin zurück. Sie würde ganz sicher zustande kommen, weil Sabine Müller sonst ganz sicher sein könne, dass am kommenden Montag jeder Mitarbeiter in seiner elektronischen Post ein wundervolles Foto von einer sehr glücklichen aber auch sehr nackten Sabine Müller vorfinden würde.
Wie Roland Schmidt ging auch Sonja Zand davon aus, Menschen würden dann herausragenden Leistungen erbringen, wenn ihnen die Angst im Nacken säße und der Druck ihnen die Luft zum Atmen nähme. Öffentliche Bloßstellungen und deren Androhungen schienen ihr geeignete Mittel, diesen Druck aufzubauen.
Sie hatte diese Methode von Roland Schmidt abgeschaut, der sie häufiger anwandte. Vor vier Jahren, beispielsweise, bei der ersten und letzten Betriebsfeier der SCHOW GmbH wurden zu Beginn des Abends drei Mitarbeiter auf die Bühne gebeten. Diese drei, sagte Schmidt damals, seien die Zugpferde der Firma. Effizient, leistungsorientiert, produktiv. Jeder, der jetzt nicht auf dieser Bühne stehen würde, solle sich ein Beispiel an den Dreien nehmen. Sonja war unter den nach undurchsichtigen Kriterien Ausgewählten und nahm ihren Parfümeriegutschein aus der Hand von Roland Schmidt mit einem Knicks und einem kecken Blick ins Publikum entgegen.
Zu vorgerückter Stunde jedoch, Schmidt war schon ein bisschen betrunken, griff er nochmals zum Mikrofon. Er bat sieben Mitarbeiter auf die Bühne. “Das sind sie!”, begann er seine Rede. “Das sind die sieben Knalltüten, die wir alle mit durchfüttern müssen. Die größten Loser, die Last der Firma.” Lediglich sein soziales Gewissen würde ihn davon abhalten, diese sieben Schmarotzer zu feuern. “Aber jeder in diesem Raum muss wissen, wir schleppen diese sieben Parasiten mit unserer Hände Arbeit durch. Jeder von euch da unten gibt einen Stück vom eigenen Kuchen ab, damit diese hier nicht auf der Straße sitzen.” Und sich zu den sieben drehend sagte er “Bedankt euch bei euren Kollegen!” Und tatsächlich stammelte jeder ein “Danke” in das vor das Gesicht gehaltene Mikrofon, bevor er gedemütigt von der Bühne stieg.
Sonja hatte diese Szene zum Schreien komisch gefunden. Später hatte Roland Schmidt ihr seinen didaktischen Überlegungen zu seinem Vorgehen verraten. Dies würde alle derart anspornen, dass die Umsätze in die Höhe schnellen würden. Denn mit Sicherheit wollte niemand im nächsten Jahr auf der Bühne stehen, um dort als größter Verlierer der Firma dem versammelten Kollegium präsentiert zu werden.
Die Betriebsfeier im kommenden und auch in den Folgejahren fiel jedoch mangels Interesse aus, denn nahezu niemand wollte teilnehmen. Roland Schmidt verstand das übrigens nicht. Er war sogar beleidigt, denn er fühlte sein Engagement für das Wohl der Mitarbeiter durch deren mangelnden Willen, ein bisschen private Zeit für ein gemütliches Beisammensein im Kollegenkreis aufzubringen, nicht ausreichend gewürdigt.
Sonja Zand hatte in ihrem Telefonat mit Sabine Müller freilich nicht versäumt, auf eben diese Betriebsfeier hinzuweisen und eine Parallele zur gegenwärtigen Situation zu ziehen. Sabine Müller würde bestimmt genauso blöd gucken, wie die sieben Kollegen damals auf der Bühne, wenn ihr Foto auf allen Monitoren der Firma aufleuchten würde. Sie gab noch einige Anweisungen, was Sabine Müller bei ihrem Treffen herauszufinden habe, und entließ sie anschließend aus dem Telefonat. Sabine Müller war eingeschüchtert. Entsprechend angstvoll bettelte Sabine Müller daher bei Olaf Graf um eine verlässliche Zusage, wobei sie keinen einzigen erotisch motivierten Hintergedanken hatte.

Die Betriebsversammlung 32

Von Sabine Müller wurden sie gebeten, noch einen Augenblick zu warten. “Herr Tietz ist gleich für euch da”, meinte sie. Dann nahm sie allen Mut zusammen. “Ich habe es schon einmal angesprochen. Ich würde mich gerne mal mit dir treffen, Olaf.”
“Einfach so?”, fragte er erstaunt. “Das überrascht mich nach wie vor.”
“Ja, einfach so. Sich mal näher kennen lernen. Nur ein bisschen plaudern, über die Firma, den Betriebsrat und so.”
“Ach so, du möchtest über die Betriebsversammlung sprechen?”, fragte Olaf.
“Nicht nur, aber auch.” Sabine Müller konnte nicht lügen, auch wenn Sonja Zand ihr den Auftrag erteilt hatte, genau das zu tun. Sonja hatte Sabine aufgefordert, ‘mit den Waffen einer Frau zu kämpfen’, wie sie es ausdrückte. Das meint übersetzt, zum Mittel der Lüge und Intrige greifen, dabei Brust und Dekolleté zeigen. Sabine Müller jedoch konnte zur Not die Wahrheit ein bisschen beugen. Zu mehr war sie nicht in der Lage.
“Wie wäre es direkt nach der Arbeit heute?”
“Ja, das geht. Freut mich.”
“Da sind wir doch schon verabredet”, flüsterte Gregor Olaf zu.
“Macht doch nichts, dann hören wir uns eben zu zweit an, was sie zu sagen hat”, flüsterte Olaf zurück.
“Ich kann aber wirklich nur auf ein Bier. Ich fühle mich am Ende meiner Kräfte.”
“Das schaffst du schon, glaub mir”, gab Olaf zurück als Wolfram Tietz die Tür zu seinem Büro öffnete.
“Immer herein die Herren und die Dame!”
Sie standen auf. Caroline  fühlte sich, als würde sie sich in die Höhle des Löwen begeben. Gregor hatte das Bild Siegfrieds des Drachentöters im Kopf. Olaf dagegen fühlte nichts. Bisher kein S, dachte er, denn er hatte sich vorgenommen, Marcel Kempkers These zu überprüfen.
“Kann ich ihnen einen Kaffee anbieten? Oder vielleicht ein Kaltgetränk?”, fragte Tietz.
Dieses Mal lehnten alle ab. Olaf ließ das eben Gesagte vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen, suchte nach einem S, wurde aber nicht fündig.
“Wir reden heute nochmal über ihre Idee der Arbeitnehmervertretung. Und über den Effekt, den die Idee auf die Firma und Mitarbeiter hat”, fügte Tietz nach einem kurzen Moment an.
Olaf suchte nach dem S, fand aber wieder keins. “Unglaublich”, flüsterte er.
“Bitte?”, meinte Tietz.
“Nichts, Entschuldigung. Ich war einen Moment abgelenkt.”
“Wir wollen vor allem über Sebastian Markus und sein Verhalten sprechen”, meinte Caroline Gottschalk, schlug ihre Beine übereinander und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
“Nehmen wir mit rein”, sicherte Tietz lächelnd zu und sah auf Carolines Beine.
Sie saßen dann eine ganze Weile zusammen. Tietz beschrieb die Firma als in Aufruhr. Alle Mitarbeiter wären verunsichert. Durch ihren Aushang hätten sie dem Betriebsfrieden und der Effizienz der Firma keinen Gefallen getan. Sich selbst auch nicht, denn die Mehrheit der Mitarbeiter wäre gegen einen Betriebsrat.
Es würde ihn nicht überraschen, dass Tietz das denke, gab daraufhin Olaf Graf zurück. Sein Eindruck über die Haltung der Kollegen in Bezug auf eine Arbeitnehmervertretung wäre jedoch nur gefühlt und nicht belegt. Um tatsächlich herauszufinden, ob die Mitarbeiter keinen Betriebsrat wollten, wäre die Betriebsversammlung das geeignete Mittel, denn dort könnten sich die Kollegen auch gegen die Wahl eines Wahlvorstandes und damit gegen die Einleitung der Wahl eines Betriebsrates entscheiden.
Tietz erwiderte, er wolle dem Ergebnis keinesfalls vorgreifen, allerdings wäre es im Interesse der Firma, das ganze Vorhaben möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, denn es würde die Firma finanziell schädigen je länger es dauere. Die Produktivität ließe nach, da alle nur noch über die Betriebsversammlung reden würden. Er hätte daher eine kleine, repräsentative Liste erstellt. Man könnte die kleine Auswahl an Mitarbeitern heute noch befragen, ob sie einen Betriebsrat wollen und dann das Ganze entweder abblasen oder eben durchziehen. Je nach Ausgang der Befragung. Er sei da ganz ergebnisoffen.
Dabei präsentierte er den dreien die Liste, auf die sich die Mitarbeiter eingetragen hatten, die nicht zur Betriebsversammlung gehen wollten. Ganz oben standen die Namen Sonja Zand und Sebastian Markus. Caroline und Olaf sahen sich an, Gregor sank in seinen Stuhl zurück.
Während Olaf auffiel, dass bei den Ausführungen von Tietz inzwischen einige S dabei gewesen waren, erwiderte Caroline, mit repräsentativen Umfragen wäre das so eine Sache. Es sei relativ aufwändig, eine wirkliche repräsentative Auswahl zu erstellen.
Er wäre auch mal auf einer Uni gewesen, entgegnete Tietz. Das ginge alles schon mit rechten Dingen zu.
Olaf schlug daraufhin vor, die Dinge einfach laufen zu lassen. So lange sei es bis zur Betriebsversammlung auch nicht mehr hin, dann hätte man Klarheit. Sie würden die Geschäftsführung nur bitten, die ganze Situation nicht absichtlich eskalieren zu lassen. Sie wollten der Firma keinen Schaden zufügen. Es wäre sicher auch im Sinne der Geschäftsführung und der Produktivität, wenn alle eine etwas ruhigere, gelassenere Gangart einschlagen würden. Beschattungsaktionen wie die gestern von Sebastian Markus durchgeführte, würden nicht gerade Vertrauen aufbauen.
Es täte ihm sehr Leid, was er da zu hören bekäme, entgegnete wiederum Tietz. Allerdings handele es sich dabei wohl um eine von Sebastian Markus eigenständig geplante und durchgeführte Aktion. Tietz hätte sie nicht veranlasst und er würde so etwas auch nicht unterstützen. Jedoch könnte er den Mitarbeitern nicht vorschreiben, wie sie ihre Freizeit zu verbringen hätten. Man könne an der Handlung von Sebastian Markus aber auch ablesen, wie groß die Irritationen seien, die sie ausgelöst hätten.
“Sebastian Markus kann doch zumindest wieder woanders sitzen, oder?”, meinte Caroline.
“Aus Raumgründen im Moment unmöglich”, antwortete Tietz. “Leider”, fügte er hinzu.
„Und was ist mit dem Kaffee?“, fragte Caroline weiter.
„Kaffee? Gar nicht gut für den Blutdruck. Behalten wir daher ein“, gab Tietz zurück.
Sie verabredeten in Kontakt zu bleiben, Tietz wünschte allen ein erholsames Wochenende und entließ die drei an ihre Arbeitsplätze.
Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, sagte Olaf: “Das war wohl eine Kriegserklärung.”
“Ich fürchte ja”, stimmte Caroline zu.
“Wieso? War doch eigentlich ein ganz nettes Gespräch”, wandte Gregor ein. „Bis auf das mit dem Kaffee. Das fand ich ziemlich kleinlich.“
“Olaf erklärt es dir später”, sagte Caroline zu Gregor.

Die Betriebsversammlung 31

Er ließ das Telefon lange klingeln. ‘Tietz’ stand auf dem Display. Er war nicht in Stimmung. Schließlich griff Olaf Graf doch zum Hörer und meldete sich.
“Bitte mal in mein Büro kommen”, sagte Tietz am anderen Ende der Leitung. “Und die anderen beiden mitbringen. In fünf Minuten. In Ordnung?”
“Es könnte etwas länger dauern”, sagte Olaf, um einfach aus Prinzip nicht sofort zuzustimmen. Diese Kleingeistigkeit, die er sonst an sich nicht wahrnahm, war ihm sofort unangenehm.
“Einfach möglich machen und nicht lange reden”, erwiderte Tietz.
Während Olaf Graf auflegte, um sofort erneut zum Hörer zu greifen und Caroline Gottschalks Nummer zu wählen, überlegte er, ob an Marcel Kempkers Theorie in Bezug auf das Lispeln von Wolfram Tietz etwas dran sein könnte. War in dem, was Tietz eben gesagt hatte, wirklich kein Wort mit S dabei gewesen? Klang es deswegen oft so geschraubt und verdreht, fragte er sich.
“Wir sollen hoch zum Tietz”, sagte er, als Caroline abgenommen hatte und so seinen Gedankengang unterbrach. “Er hat jetzt Zeit für uns.”
“Wann?”, fragte sie.
“Jetzt sofort.”
“Ich bin gerade mitten in einer Sache, ich brauche noch zehn Minuten.”
“Er wollte uns gleich sehen. Erledige das nachher. Und gibt Gregor Bescheid. Wir treffen uns dann gleich im Foyer.” Olaf war im Stress. Er merkte es in diesem Moment selbst. Was sonst könnte der Grund sein, fragte er sich, Caroline in einer Weise unter Druck zu setzten und zur Eile aufzufordern, gegen die er sich vor noch nicht einmal einer Minute zur Wehr gesetzt hatte. Er diagnostizierte ein tiefes Bedürfnis nach Erholung bei sich. Daher nahm er sich vor, das Wochenende ganz ruhig anzugehen.
Als er sich auf den Weg ins Foyer machen wollte, kam Sebastian Markus aus seiner Unterredung mit Sonja zurück. Als er sich setzte, meinte er zu Olaf: “Aha! Der Herr Betriebsrat gönnt sich eine Pause und lässt wieder andere für sich arbeiten. Sauber! Der Herr Betriebsrat macht es richtig. Bloß nicht die Hände schmutzig machen.”
“Nein, ich gönne mir keine Pause. Ich muss zum Tietz. Wo warst du denn in der vergangenen Stunde?”
“Darauf bin ich dir keine Antwort schuldig. Wir sind hier nicht in der DDR! Noch nicht zumindest. Ich werde euren STASI-Betriebsrat verhindern, komme, was da wolle!”
“Sebastian, du hast echt einen Knall!” Olaf Graf wandte sich zum Gehen, drehte sich dann noch einmal um, stützte sich mit beiden Händen auf Sebastians Schreibtisch und blickte über dessen Monitore. “Jeder Klick, jeder Telefonanruf, jede Spur von Information, die wir im System hinterlassen wird von Schmidt ausgewertet. Und wenn die Statistik mal nicht in Richtung Wachstum und gesteigerter Leistung deutet, dann kannst du beim Tietz auftanzen, der dir, je nachdem wie er geschlafen hat, einen Vortrag über den Erfolg der Firma hält, zu dem jeder beitragen müsse, oder er drückt dir gleich die Kündigung in die Hand. Aber diese Form der Überwachung findest du wohl in Ordnung.”
“Es ist Schmidts Firma, er kann hier tun und lassen was er will. Er hat die Kohle!”
“Wir bringen ihm die Kohle, mit der er dann uns gegenüber geizt. Mensch Sebastian, lass dich doch nicht so benutzen! Es geht nur um ein bisschen mehr Gerechtigkeit.”
“Nimm deine dreckigen Finger von meinem Schreibtisch! Ihr seid einfach nur rote Schwuchteln!”
Olaf richtete sich auf, zuckte mit den Schultern und ging.
Im Foyer warteten Gregor und Caroline bereits. “Wo bleibst du denn?”, wollte sie wissen.
“Sebastian hat noch mit mir gesprochen.”
“Hat er sich entschuldigt?”, fragte Gregor, der inzwischen etwas besser aussah und nicht mehr ganz so intensiv nach Alkohol roch.
“Nein. Wir sind alles rote Schwuchteln. Besonders Caroline.”
“Klingt plausibel”, meinte Caroline lachend.
“Es stresst mich schon”, gab Olaf zu. “Ich bin froh, hier in ein paar Stunden raus zu sein. Sonst werde ich selbst noch ausfallend. Das wäre vermutlich genau das, worauf Tietz und Schmidt warten.”
“Dich trifft es auch besonders hart. Das verteilt sich ab Montag hoffentlich gleichmäßig auf uns alle drei. Dann ist es einfacher zu ertragen.”
“Ich hoffe eher, es lässt nach. Wir haben erst ein paar Tage hinter uns. Wenn das bis zur Betriebsversammlung so bleibt, wird es ziemlich hart. Sollen wir uns nach der Arbeit nochmal treffen und überlegen, auf was wir uns noch einstellen müssen?”, fragte Olaf in die Runde.
“Ich muss nachher zum Bahnhof. Ich fahre übers Wochenende zu meinem Freund”, antwortete Caroline. “Bei mir wird es leider nichts.”
“Ich bin total erledigt. Wenn, dann nur ganz kurz. Höchstens ein Bier”, kam von Gregor.
“Wann bist du denn wieder zurück?” wandte sich Olaf an Caroline.
“Sonntag Nachmittag. Ihr geht nachher auf ein Bier und haltet mich auf dem Laufenden, okay? Wir können uns am Sonntag Abend treffen, wenn es notwendig sein sollte.”
“Alles klar, dann gehen wir jetzt mal zum Tietz”, sagte Olaf.
“Was sollen wir da eigentlich?”, fragte Gregor.
“Du bist immer noch nicht ganz wach, oder? Wir wollen ihn dazu bringen, dass er Sebastian Markus davon abhält, uns zu bespitzeln”, antwortete Olaf.
“Und gewalttätig zu sein”, fügte Caroline hinzu.
“Gut, dann los. Aber ihr müsst sprechen. Ich kann immer noch nicht. Ich würde Mist erzählen” sagte Gregor einsichtig.

Die Betriebsversammlung 30

Sebastian Markus, der sich durch die eben gemachte Unterstellung tief in seiner Männlichkeit gekränkt fühlte, wurde laut. Was das hier für ein Scheißladen sei, wollte er wissen. Er würde für die Firma rund um die Uhr arbeiten, würde ohne zu zögern selbst schwierigste und kniffligste Probleme lösen, wie jetzt zum Beispiel das Problem des Betriebsrates. Doch dann würde er von Tietz und Schmidt hintergangen. Irgendwann würden sie ihm seinen rechtmäßigen Anteil zahlen müssen.
Schmidt und Tietz sahen sich an. “Deinen rechtmäßigen Anteil bekommst du jeweils zum Ersten aufs Konto”, meinte Schmidt.
“Das ist ein bisschen wenig für das, was ich für die Firma tue.”
“Über eine Lohnerhöhung können wir reden, wenn durch ihre Aktionen keine Arbeitnehmervertretung gewählt wurde”, sagte Tietz. Es war eine dieser merkwürdigen Situationen, die Tietz nicht schätzte. Roland Schmidt duzte alle Mitarbeiter, er bevorzugte das Sie. Er fühlte sich unwohl, wenn sie zusammen mit Mitarbeitern sprachen. Er fühlte sich dann, als wäre er der spießige Alte. Dass es bei ihm in der Regel um den Themenkreis Geld verhandeln, Löhne drücken und Kündigungen aussprechen ging, störte ihn dagegen nicht.
“Ich könnte die Seiten wechseln, schließlich bin ich auch Arbeitnehmer! Dann habt ihr ein Problem. Und wenn ich Betriebsrat werde, erst recht!”, drohte Sebastian Markus.
“Hast du einen Schuss? Was redest du da für einen Schwachsinn?” Sonja schaltete sich in die Unterhaltung ein.
“Ich denke, wir brechen hier ab”, warf Tietz ein, denn er hatte das Gefühl, die Situation würde ihm entgleiten. Er würde jedoch Sebastian Markus als Kandidaten für eine Kündigung im Gedächtnis behalten, da ihm offensichtlich etwas zu Kopf gestiegen war. “Wir benötigen einen Moment allein” fügte Tietz hinzu und deutete mit der Hand zunächst auf Schmidt, dann auf sich.
Nun waren es Sebastian Markus und Sonja Zand, die Blicke tauschten. Sebastian nickte Richtung Tür und gab Sonja zu verstehen, sie habe ihm zu folgen, was sie auch bereitwillig tat.

Kaum hatte Sonja die Tür hinter sich geschlossen fragte Sebastian: “Was hast du Roland erzählt?”
“Nichts! Nur dass du für die Firma unterwegs bist.”
“Und wie kommt er dann auf den Arschfick-Mist? Du hast ihm doch irgendeine Scheiße erzählt!”
Sonja fühlte sich in der Defensive. Sie beschloss zum Angriff überzugehen. “Ich habe ihm keine Scheiße erzählt. Du hast eben Scheiße erzählt! Von wegen Jungfrau!”, sagte sie und streckte bedeutsam ihren Zeigefinger in die Luft und ließ ihn kreisen.
“Du vergleichst Äpfel mir Birnen.”
“Wieso? Du stehst drauf. Gib es einfach zu.”
“Ich bin keine Schwuchtel!”
“Aber auch keine Jungfrau! Wie machen wir jetzt weiter?” Sonja fühlte, die Zeit sei reif für einen Themenwechsel.
“Lass uns in dein Büro gehen und alles bereden”, schlug Sebastian vor. “Hier auf dem Gang kann ja jeder mithören. Vor allem aber hör auf, Scheiße über mich zu erzählen!”
„Hab dich nicht so. Ist doch nichts passiert.“ Sonja öffnete die Tür zu ihrem Arbeitszimmer. Mehr jedoch als gemeinsam das künftige Vorgehen zu planen war sie daran interessiert, im Detail von den gestrigen Ereignissen in ‘Tom’s Lounge’ berichtet zu bekommen. Während sie mit großer voyeuristischer Lust Sebastian ausquetschte und ihn dazu brachte, selbst die kleinste und im Grunde völlig unbedeutende Einzelheit zu erzählen, berichtete Tietz Roland Schmidt über die Szene, die sich zwischen Sebsastian Markus und Olaf Graf zugetragen hatte. Zwar war er selbst nicht anwesend gewesen, das hielt ihn nun jedoch nicht davon ab, das Ereignis in seinem Sinne auszuschmücken. Roland Schmidt bekam den Eindruck, die Absage der Betriebsversammlung durch Olaf Graf, ja sein ganz offizieller Widerruf, das Übernehmen der Verantwortung für die Unruhe der vergangenen Tage und ein Schuldeingeständnis stünden unmittelbar bevor.
Dass Olaf Graf so weit gebracht werden konnte, war wiederum sein persönlicher Verdienst, wurde Tietz nicht müde zu betonen. Es war schließlich seine Idee gewesen, Sebastian Markus unten bei Graf in der Nische zu platzieren. Es sei seine Absicht gewesen, die Situation eskalieren, ja, explodieren zu lassen.
“Alles klar, Tietz. Ich hab es kapiert. Du bist der Held der Stunde”, sagte Roland Schmidt, nachdem er den Bericht gehört hatte.
Tietz kam sich veralbert und daher herabgesetzt vor.
“Ich sag dir was, Tietz. Das Thema Betriebsrat ist spätestens am Montag zu Ende. Das geht mir mit jeder Sekunde mehr auf den Zeiger. Wir haben andere Aufgaben, als uns mit so einem Scheiß zu beschäftigen. Wie und mit welchen Mitteln du das erledigst, ist mir egal. Greif auf Sonja zurück, die hat gute Ideen. Aber vor allem, bring es zu Ende. Sonst es es dein Stuhl, der hier wackelt.”
Tietz fühlte sich nun nicht nur herabgesetzt, sondern wie ein getretener Hund. So hatte Schmidt noch nie mit ihm geredet. Er wusste zwar, dass Schmidt wusste, was er alles über ihn und die Firma wusste, seine Drohung daher nur dem Moment und seiner Erregung geschuldet war. Dennoch fühlte sich Tietz tief getroffen. Wortlos zog er sich zurück.
Kurz bevor er sein Büro erreicht hatte, hielt ihn Sabine Müller auf. Sie habe gute Nachrichten, meinte sie. Sie hätte die Kreditkarte wie gewünscht sperren lassen. Und jetzt käme die gute Nachricht: “In den letzten sieben Tagen wurde keine Buchung vorgenommen. Toll, nicht?”
“Ja, wirklich wunderbar”, antwortete Tietz und fragte sich, warum die Müller immer zu völlig falschen Einschätzungen kommen würde? Einfach behämmert, die Frau. Die wirklich wichtige Frage war jedoch, warum die Kreditkarte nicht belastet wurde? Wie finanziert sich Claudia?
Tietz fühlte sich nun noch schlechter. Schmidt nahm sich heraus, ihn runter zu machen, Claudia nahm sich raus, selbstständig zu werden. Es war zum Kotzen. Tietz sehnte sich nach dem Wochenende. Doch in dem Moment, in dem er an die viele freie, unverbaute Zeit dachte, überfiel ihn auch so etwas wie Angst. Wie würde er die Zeit füllen? Claudia war nicht da, Herrin Katharina war tabu. Sollte er die Kinder von den Schwiegereltern holen und mit ihnen in den Zoo? Er fühlte Tränen in sich aufsteigen. Und Schuld an der ganzen Misere hatten Graf, Bauer und ein bisschen auch die Gottschalk. Hätte man ihn gefragt, worin diese Schuld läge, wäre Tietz die Absurdität seiner rein auf Gefühlen basierenden Verknüpfung aufgefallen. Allerdings fragte niemand.

Die Betriebsversammlung 29

Wolfram Tietz hatte gerade die Tür zu seinem Büro geöffnet, da klingelte das Telefon. Er nahm an, es sei Schmidt.
“Ja, bitte”, sprach Tietz in den Hörer. Aus nachvollziehbaren Gründen meldete er sich nie mit seinem Namen.
“Was war da eben los?”, wollte Roland Schmidt wissen. “Komm sofort runter und berichte!”
Tietz rollte mit den Augen. “Ich bin in drei Minuten unten. Einen kleinen Moment, bitte.”
Er setzte sich, betrachtete seinen Posteingang und nahm einen Schluck Kaffee, der inzwischen kalt geworden war. Tietz störte das nicht, er hatte zu Hause auch schon den Kaffee vom Vortrag getrunken. Es ging ihm mehr um die Wirkung als um den Geschmack. In seiner Abwesenheit waren fünf neue Mails eingegangen. Zu seiner Überraschung war eine von seiner Frau Claudia dabei. Normalerweise rief sie einfach an, um ihm mitzuteilen, wie sehr sie zwar immer noch enttäuscht von ihm sei, dass sie ihm aber dennoch verziehen, er sie daher um soundsoviel Uhr vom Flughafen abzuholen habe.
Tietz war unschlüssig. Sollte er klicken und die Nachricht jetzt lesen oder erst zu Schmidt? Er entschied sich, zuerst zu Schmidt zu gehen, klickte dann aber versehentlich beim Aufstehen doch auf die Betreffzeile. Die Mail öffnete sich. Tietz stach das Wort “Yogaschule” in die Augen, was seine Neugier weckte. Er begann im Stehen zu lesen, setzte sich dann aber schnell.
In ihrer Email teilte Claudia ihm mit, sie benötige noch länger Abstand zu ihm, denn sie sei in einer Phase der Selbstfindung.  Es ginge ihr gut hier auf Djerba, die Menschen seien sehr nett, ausgesprochen höflich und einfühlsam, so ursprünglich und natürlich. Sie hätte in ihrem Resort wirklich interessante Menschen kennen gelernt, die ihr die Augen geöffnet hätten, es wäre gleichsam Kismet. In Deutschland würde sie sich nicht entfalten können, würde nie zu sich selbst finden. Hier im schönen Tunesien sei ihr das möglich. Sie könne hier in einer Yogaschule arbeiten. Es sei ihr ein Vertrag für ein halbes Jahr angeboten worden und sie wolle das Angebot annehmen. Er, Tietz, solle versuchen sie zu verstehen. Die Tristesse und der Alltag in Deutschland, jeder Tag die Wiederholung des vorhergegangenen …
“Aber du kannst doch gar kein Yoga, du blöde Kuh!”, entfuhr es Tietz, woraufhin Sabine Müller klopfte und nachfragte, ob alles in Ordnung sei.
“Ja!”, rief Tietz, und in dem Moment, in dem Sabine Müller die Tür wieder schließen wollte, rief er “Nein! Reinkommen!”
Tietz bat Sabine Müller, bei seiner Bank anzurufen. Seine Kreditkarte sei ihm vermutlich gestohlen worden. Vielleicht habe er sie auch nur verlegt. Sicherheitshalber solle sie aber gesperrt werden. Ob sie das erledigen könne, wollte Tietz wissen.
“Kein Problem! Wird sofort erledigt.”
Auf dem Weg zu Schmidts Büro konnte Tietz ein Grinsen nicht unterdrücken. Es würde Claudia sicherlich überraschen, wie alle Einfühlung und Natürlichkeit ihrer neuen Freunde plötzlich dahinschwinden würde, wenn ihre VISA-Karte nicht mehr funktioniere und sie tatsächlich von einem lokalen Gehalt leben müsse. Er war sich ganz sicher, die Yoga-Schule sei nur eine Erfindung und eine ausgesprochen dämliche noch obendrein. Sie würde vermutlich am Strand rumlungern, Caipirinha in sich reinschütten, sich von irgendwelchen Tunesiern aufreißen lassen und allen Ernstes erwarten, er solle für diese moderne Form der Selbstfindung zahlen. Aber nicht mit ihm.
Als er an Olaf Grafs Arbeitsplatz vorbei kam, stand da immer noch Caroline Gottschalk und inzwischen auch wieder Gregor Bauer, die weiterhin über den Vorfall mit Sebastian Markus diskutierten.
So ginge das nicht, ließ er die drei in gereiztem Ton wissen. Auch wenn sie zur Gründung eines Betriebsrates aufrufen würden, wären sie trotzdem vorrangig noch zum Arbeiten hier. Sie sollten daher jetzt an ihre Arbeitsplätze gehen und sich sputen.
“Und Sebastian Markus darf rauchen so lange er will?”, fragte Caroline Gottschalk.
“Anderer Fall, gehört hier nicht her. An die Arbeit!”, entgegnete Tietz.
Als er schließlich in Roland Schmidts Büro ankam, war er für einen Moment überrascht, dort auch Sonja Zand und Sebastian Markus anzutreffen. Tietz ahnte dann aber, die ‚Zelle des Widerstandes‘ hätte sich gegenüber Roland Schmidt zu erkennen gegeben.
“Tietz, das geht mir alles nicht schnell genug”, sagte Roland Schmidt. “Das ist jetzt schon der dritte Tag und die Sache mit dem Betriebsrat ist immer noch nicht aus der Welt. Das macht mich fertig. Sonja hat ein paar gute Ideen zum Thema.” Dann erzählte Schmidt die ganze Geschichte nochmal, die Tietz schon von Sonja kannte. Beschatten, verfolgen, berichten, den ganzen unausgereiften Kindergartenkram. Die Wiederholung aus Schmidts Mund machte die Sache für Tietz nicht plausibler.
Er sagte zu Schmidt, wie sehr er die Unterstützung seitens Sonja Zand und Sebastian Markus schätzen würde, allein aus rechtlichen Gründen solle man sich hier jedoch vorsichtig verhalten. Es wäre besser, dies liefe als private Initiative weiter ohne eine weitergehende Unterstützung oder auch nur das Wissen darum durch einen Vertreter der GmbH.
“Das heißt, ich soll mir die Nächte in Schwulenbars um die Ohren schlagen ohne jede Anerkennung und Unterstützung?”, fragte Sebastian.
“Ich dachte, du gehst da …, Sonja hilf mir, wie hast du es ausgedrückt? Ach ja, Ich dachte, du gehst da wegen der analen Erotik hin, oder etwa nicht?”, antwortete Roland Schmidt mit einer Gegenfrage. Sonja wurde rot und Sebastian warf ihr einen zunächst fragenden, dann verstehenden und schließlich hasserfüllten Blick zu.
“Nein, ich gehe da für die Firma hin. Damit es hier keinen Betriebsrat gibt. Mein Arsch ist Jungfrau und bleibt es auch!”