Die Betriebsversammlung 30

Sebastian Markus, der sich durch die eben gemachte Unterstellung tief in seiner Männlichkeit gekränkt fühlte, wurde laut. Was das hier für ein Scheißladen sei, wollte er wissen. Er würde für die Firma rund um die Uhr arbeiten, würde ohne zu zögern selbst schwierigste und kniffligste Probleme lösen, wie jetzt zum Beispiel das Problem des Betriebsrates. Doch dann würde er von Tietz und Schmidt hintergangen. Irgendwann würden sie ihm seinen rechtmäßigen Anteil zahlen müssen.
Schmidt und Tietz sahen sich an. “Deinen rechtmäßigen Anteil bekommst du jeweils zum Ersten aufs Konto”, meinte Schmidt.
“Das ist ein bisschen wenig für das, was ich für die Firma tue.”
“Über eine Lohnerhöhung können wir reden, wenn durch ihre Aktionen keine Arbeitnehmervertretung gewählt wurde”, sagte Tietz. Es war eine dieser merkwürdigen Situationen, die Tietz nicht schätzte. Roland Schmidt duzte alle Mitarbeiter, er bevorzugte das Sie. Er fühlte sich unwohl, wenn sie zusammen mit Mitarbeitern sprachen. Er fühlte sich dann, als wäre er der spießige Alte. Dass es bei ihm in der Regel um den Themenkreis Geld verhandeln, Löhne drücken und Kündigungen aussprechen ging, störte ihn dagegen nicht.
“Ich könnte die Seiten wechseln, schließlich bin ich auch Arbeitnehmer! Dann habt ihr ein Problem. Und wenn ich Betriebsrat werde, erst recht!”, drohte Sebastian Markus.
“Hast du einen Schuss? Was redest du da für einen Schwachsinn?” Sonja schaltete sich in die Unterhaltung ein.
“Ich denke, wir brechen hier ab”, warf Tietz ein, denn er hatte das Gefühl, die Situation würde ihm entgleiten. Er würde jedoch Sebastian Markus als Kandidaten für eine Kündigung im Gedächtnis behalten, da ihm offensichtlich etwas zu Kopf gestiegen war. “Wir benötigen einen Moment allein” fügte Tietz hinzu und deutete mit der Hand zunächst auf Schmidt, dann auf sich.
Nun waren es Sebastian Markus und Sonja Zand, die Blicke tauschten. Sebastian nickte Richtung Tür und gab Sonja zu verstehen, sie habe ihm zu folgen, was sie auch bereitwillig tat.

Kaum hatte Sonja die Tür hinter sich geschlossen fragte Sebastian: “Was hast du Roland erzählt?”
“Nichts! Nur dass du für die Firma unterwegs bist.”
“Und wie kommt er dann auf den Arschfick-Mist? Du hast ihm doch irgendeine Scheiße erzählt!”
Sonja fühlte sich in der Defensive. Sie beschloss zum Angriff überzugehen. “Ich habe ihm keine Scheiße erzählt. Du hast eben Scheiße erzählt! Von wegen Jungfrau!”, sagte sie und streckte bedeutsam ihren Zeigefinger in die Luft und ließ ihn kreisen.
“Du vergleichst Äpfel mir Birnen.”
“Wieso? Du stehst drauf. Gib es einfach zu.”
“Ich bin keine Schwuchtel!”
“Aber auch keine Jungfrau! Wie machen wir jetzt weiter?” Sonja fühlte, die Zeit sei reif für einen Themenwechsel.
“Lass uns in dein Büro gehen und alles bereden”, schlug Sebastian vor. “Hier auf dem Gang kann ja jeder mithören. Vor allem aber hör auf, Scheiße über mich zu erzählen!”
„Hab dich nicht so. Ist doch nichts passiert.“ Sonja öffnete die Tür zu ihrem Arbeitszimmer. Mehr jedoch als gemeinsam das künftige Vorgehen zu planen war sie daran interessiert, im Detail von den gestrigen Ereignissen in ‘Tom’s Lounge’ berichtet zu bekommen. Während sie mit großer voyeuristischer Lust Sebastian ausquetschte und ihn dazu brachte, selbst die kleinste und im Grunde völlig unbedeutende Einzelheit zu erzählen, berichtete Tietz Roland Schmidt über die Szene, die sich zwischen Sebsastian Markus und Olaf Graf zugetragen hatte. Zwar war er selbst nicht anwesend gewesen, das hielt ihn nun jedoch nicht davon ab, das Ereignis in seinem Sinne auszuschmücken. Roland Schmidt bekam den Eindruck, die Absage der Betriebsversammlung durch Olaf Graf, ja sein ganz offizieller Widerruf, das Übernehmen der Verantwortung für die Unruhe der vergangenen Tage und ein Schuldeingeständnis stünden unmittelbar bevor.
Dass Olaf Graf so weit gebracht werden konnte, war wiederum sein persönlicher Verdienst, wurde Tietz nicht müde zu betonen. Es war schließlich seine Idee gewesen, Sebastian Markus unten bei Graf in der Nische zu platzieren. Es sei seine Absicht gewesen, die Situation eskalieren, ja, explodieren zu lassen.
“Alles klar, Tietz. Ich hab es kapiert. Du bist der Held der Stunde”, sagte Roland Schmidt, nachdem er den Bericht gehört hatte.
Tietz kam sich veralbert und daher herabgesetzt vor.
“Ich sag dir was, Tietz. Das Thema Betriebsrat ist spätestens am Montag zu Ende. Das geht mir mit jeder Sekunde mehr auf den Zeiger. Wir haben andere Aufgaben, als uns mit so einem Scheiß zu beschäftigen. Wie und mit welchen Mitteln du das erledigst, ist mir egal. Greif auf Sonja zurück, die hat gute Ideen. Aber vor allem, bring es zu Ende. Sonst es es dein Stuhl, der hier wackelt.”
Tietz fühlte sich nun nicht nur herabgesetzt, sondern wie ein getretener Hund. So hatte Schmidt noch nie mit ihm geredet. Er wusste zwar, dass Schmidt wusste, was er alles über ihn und die Firma wusste, seine Drohung daher nur dem Moment und seiner Erregung geschuldet war. Dennoch fühlte sich Tietz tief getroffen. Wortlos zog er sich zurück.
Kurz bevor er sein Büro erreicht hatte, hielt ihn Sabine Müller auf. Sie habe gute Nachrichten, meinte sie. Sie hätte die Kreditkarte wie gewünscht sperren lassen. Und jetzt käme die gute Nachricht: “In den letzten sieben Tagen wurde keine Buchung vorgenommen. Toll, nicht?”
“Ja, wirklich wunderbar”, antwortete Tietz und fragte sich, warum die Müller immer zu völlig falschen Einschätzungen kommen würde? Einfach behämmert, die Frau. Die wirklich wichtige Frage war jedoch, warum die Kreditkarte nicht belastet wurde? Wie finanziert sich Claudia?
Tietz fühlte sich nun noch schlechter. Schmidt nahm sich heraus, ihn runter zu machen, Claudia nahm sich raus, selbstständig zu werden. Es war zum Kotzen. Tietz sehnte sich nach dem Wochenende. Doch in dem Moment, in dem er an die viele freie, unverbaute Zeit dachte, überfiel ihn auch so etwas wie Angst. Wie würde er die Zeit füllen? Claudia war nicht da, Herrin Katharina war tabu. Sollte er die Kinder von den Schwiegereltern holen und mit ihnen in den Zoo? Er fühlte Tränen in sich aufsteigen. Und Schuld an der ganzen Misere hatten Graf, Bauer und ein bisschen auch die Gottschalk. Hätte man ihn gefragt, worin diese Schuld läge, wäre Tietz die Absurdität seiner rein auf Gefühlen basierenden Verknüpfung aufgefallen. Allerdings fragte niemand.

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