Die Betriebsversammlung 29

Wolfram Tietz hatte gerade die Tür zu seinem Büro geöffnet, da klingelte das Telefon. Er nahm an, es sei Schmidt.
“Ja, bitte”, sprach Tietz in den Hörer. Aus nachvollziehbaren Gründen meldete er sich nie mit seinem Namen.
“Was war da eben los?”, wollte Roland Schmidt wissen. “Komm sofort runter und berichte!”
Tietz rollte mit den Augen. “Ich bin in drei Minuten unten. Einen kleinen Moment, bitte.”
Er setzte sich, betrachtete seinen Posteingang und nahm einen Schluck Kaffee, der inzwischen kalt geworden war. Tietz störte das nicht, er hatte zu Hause auch schon den Kaffee vom Vortrag getrunken. Es ging ihm mehr um die Wirkung als um den Geschmack. In seiner Abwesenheit waren fünf neue Mails eingegangen. Zu seiner Überraschung war eine von seiner Frau Claudia dabei. Normalerweise rief sie einfach an, um ihm mitzuteilen, wie sehr sie zwar immer noch enttäuscht von ihm sei, dass sie ihm aber dennoch verziehen, er sie daher um soundsoviel Uhr vom Flughafen abzuholen habe.
Tietz war unschlüssig. Sollte er klicken und die Nachricht jetzt lesen oder erst zu Schmidt? Er entschied sich, zuerst zu Schmidt zu gehen, klickte dann aber versehentlich beim Aufstehen doch auf die Betreffzeile. Die Mail öffnete sich. Tietz stach das Wort “Yogaschule” in die Augen, was seine Neugier weckte. Er begann im Stehen zu lesen, setzte sich dann aber schnell.
In ihrer Email teilte Claudia ihm mit, sie benötige noch länger Abstand zu ihm, denn sie sei in einer Phase der Selbstfindung.  Es ginge ihr gut hier auf Djerba, die Menschen seien sehr nett, ausgesprochen höflich und einfühlsam, so ursprünglich und natürlich. Sie hätte in ihrem Resort wirklich interessante Menschen kennen gelernt, die ihr die Augen geöffnet hätten, es wäre gleichsam Kismet. In Deutschland würde sie sich nicht entfalten können, würde nie zu sich selbst finden. Hier im schönen Tunesien sei ihr das möglich. Sie könne hier in einer Yogaschule arbeiten. Es sei ihr ein Vertrag für ein halbes Jahr angeboten worden und sie wolle das Angebot annehmen. Er, Tietz, solle versuchen sie zu verstehen. Die Tristesse und der Alltag in Deutschland, jeder Tag die Wiederholung des vorhergegangenen …
“Aber du kannst doch gar kein Yoga, du blöde Kuh!”, entfuhr es Tietz, woraufhin Sabine Müller klopfte und nachfragte, ob alles in Ordnung sei.
“Ja!”, rief Tietz, und in dem Moment, in dem Sabine Müller die Tür wieder schließen wollte, rief er “Nein! Reinkommen!”
Tietz bat Sabine Müller, bei seiner Bank anzurufen. Seine Kreditkarte sei ihm vermutlich gestohlen worden. Vielleicht habe er sie auch nur verlegt. Sicherheitshalber solle sie aber gesperrt werden. Ob sie das erledigen könne, wollte Tietz wissen.
“Kein Problem! Wird sofort erledigt.”
Auf dem Weg zu Schmidts Büro konnte Tietz ein Grinsen nicht unterdrücken. Es würde Claudia sicherlich überraschen, wie alle Einfühlung und Natürlichkeit ihrer neuen Freunde plötzlich dahinschwinden würde, wenn ihre VISA-Karte nicht mehr funktioniere und sie tatsächlich von einem lokalen Gehalt leben müsse. Er war sich ganz sicher, die Yoga-Schule sei nur eine Erfindung und eine ausgesprochen dämliche noch obendrein. Sie würde vermutlich am Strand rumlungern, Caipirinha in sich reinschütten, sich von irgendwelchen Tunesiern aufreißen lassen und allen Ernstes erwarten, er solle für diese moderne Form der Selbstfindung zahlen. Aber nicht mit ihm.
Als er an Olaf Grafs Arbeitsplatz vorbei kam, stand da immer noch Caroline Gottschalk und inzwischen auch wieder Gregor Bauer, die weiterhin über den Vorfall mit Sebastian Markus diskutierten.
So ginge das nicht, ließ er die drei in gereiztem Ton wissen. Auch wenn sie zur Gründung eines Betriebsrates aufrufen würden, wären sie trotzdem vorrangig noch zum Arbeiten hier. Sie sollten daher jetzt an ihre Arbeitsplätze gehen und sich sputen.
“Und Sebastian Markus darf rauchen so lange er will?”, fragte Caroline Gottschalk.
“Anderer Fall, gehört hier nicht her. An die Arbeit!”, entgegnete Tietz.
Als er schließlich in Roland Schmidts Büro ankam, war er für einen Moment überrascht, dort auch Sonja Zand und Sebastian Markus anzutreffen. Tietz ahnte dann aber, die ‚Zelle des Widerstandes‘ hätte sich gegenüber Roland Schmidt zu erkennen gegeben.
“Tietz, das geht mir alles nicht schnell genug”, sagte Roland Schmidt. “Das ist jetzt schon der dritte Tag und die Sache mit dem Betriebsrat ist immer noch nicht aus der Welt. Das macht mich fertig. Sonja hat ein paar gute Ideen zum Thema.” Dann erzählte Schmidt die ganze Geschichte nochmal, die Tietz schon von Sonja kannte. Beschatten, verfolgen, berichten, den ganzen unausgereiften Kindergartenkram. Die Wiederholung aus Schmidts Mund machte die Sache für Tietz nicht plausibler.
Er sagte zu Schmidt, wie sehr er die Unterstützung seitens Sonja Zand und Sebastian Markus schätzen würde, allein aus rechtlichen Gründen solle man sich hier jedoch vorsichtig verhalten. Es wäre besser, dies liefe als private Initiative weiter ohne eine weitergehende Unterstützung oder auch nur das Wissen darum durch einen Vertreter der GmbH.
“Das heißt, ich soll mir die Nächte in Schwulenbars um die Ohren schlagen ohne jede Anerkennung und Unterstützung?”, fragte Sebastian.
“Ich dachte, du gehst da …, Sonja hilf mir, wie hast du es ausgedrückt? Ach ja, Ich dachte, du gehst da wegen der analen Erotik hin, oder etwa nicht?”, antwortete Roland Schmidt mit einer Gegenfrage. Sonja wurde rot und Sebastian warf ihr einen zunächst fragenden, dann verstehenden und schließlich hasserfüllten Blick zu.
“Nein, ich gehe da für die Firma hin. Damit es hier keinen Betriebsrat gibt. Mein Arsch ist Jungfrau und bleibt es auch!”

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