Die Betriebsversammlung 28

“Kann mich jetzt mal bitte jemand aufklären, was hier vor sich geht?” Caroline Gottschalk war gereizt. “Fangen wir beim Kaffee an. Wo ist die Kaffeemaschine?”
“Kaffee wurde gestrichen”, sagte Olaf Graf.
“Von wem wurde der Kaffee gestrichen und wieso?” Caroline legte fragend die Stirn in Falten.
“Wieso?” Sebastian Markus lachte abfällig. “Wegen euch Vollidioten. Tietz spart für euren Betriebsrat. Kaffee für alle gestrichen. Daran habt ihr Schuld und vor allem diese Oberschwuchtel hier neben mir mit seinen linken Ideen.”
“Was machst du denn jetzt Olaf so dumm an?” Caroline wurde jetzt ebenfalls laut.
“Der ist doch euer Anführer, oder etwa nicht? Die dreckige Schwuchtel möchte sich hier über die Gewerkschaft einen bequemen Arbeitsplatz sichern, während andere hier Leistung erbringen müssen.”
In den umliegenden Büros gingen die Türen auf. Neugierig steckten einige Mitarbeiter die Köpfe aus ihren Arbeitszimmern.
“Du glaubst doch selbst nicht, was du da erzählst”, meinte Gregor, der sich an der Wand abstützte.
“Die dreckige perverse Schwuchtel will einen sicheren Arbeitsplatz haben und sich dann nachts in den Bars rumtreiben und jedem x-beliebigen Ficker den Arsch hinhalten. Kinderficker!” Sebastian Markus machte ein abfällige Geste und streifte Olaf Graf dabei an der Schulter.
“Wieso ich? Du warst doch gestern mit Klaus im Darkroom. Hat er es dir nicht gut besorgt?”
Sebastian riss Olaf am Kragen aus dem Stuhl hoch und schlug seinen Kopf gegen die Wand. “Halt die Fresse du pervese Sau, oder ich mach dich alle!”
“Kann jetzt jemand mal die Polizei rufen!”, wandte sich Caroline an die neugierig umherstehenden Kollegen, woraufhin sich einige Türen wieder schlossen.
“Ich habe den Tietz angerufen. Er kommt gleich runter”, rief Marcel Kempker der aus einem der Grafikabteilung zugeteilten Büro auf die Szene zutrat. “Du hörst jetzt sofort auf, Sebastian! Das geht zu weit.”
Sebastian Markus ließ Olaf Graf los und trat einen Schritt zurück. “Ihr glaubt doch nicht, dass mir jetzt hier irgendwas passiert? Du bist hier Freiwild, Graf! Keinen Cent gebe ich für dein Leben.”
“Du hast doch einen massiven Knall!” Angesichts von Sebastian Markus’ Gewaltausbruch war in seinem Körper Adrenalin freigesetzt worden und Gregor Bauer war mit einem Schlag nüchtern.

Als Wolfram Tietz Marcel Kempkers Anruf erhalten hatte, versprach er, sofort zu kommen. Allerdings hatte er nicht die Absicht, das Versprechen auch zu halten. Da unten war die Situation aufgeheizt. Aus der Sicht von Wolfram Tietz war das nicht nur gut, sondern sogar gewünscht. Die Idee, den in seinen Augen recht primitiven Krawallmacher Sebastian Markus neben Olaf Graf zu setzen, zahlte sich viel schneller aus, als er gedacht hatte. Er holte sich noch einen Kaffee, denn für ihn und Schmidt gab es noch welchen, er wies Sabine Müller an, endlich die eingesammelten Kaffeemaschinen irgendwo zu verstauen, weil sonst noch jemand darüber fallen würde, zog sich wieder in sein Büro zurück, spielte eine runde Solitär am Computer während er seinen Kaffee genoss und machte sich dann ganz ganz langsam auf den Weg in die untere Etage zu den Arbeitsplätzen von Sebastian Markus und Olaf Graf. Als er eintraf kühlte Caroline Gottschalk gerade Olaf Grafs Stirn mittels improvisiertem Eisbeutel. Einige Mitarbeiter standen herum und diskutierten aufgeregt das Geschehene.
“Was haben wir denn hier für Probleme?”, fragte er in die Runde.
“Sebastian Markus wurde gewalttätig!”, rief Caroline Gottschalk, hob den improvisierten Eisbeutel von Olaf Grafs Stirn und deutete auf die darunter liegende Schwellung.
“Unglaublich! Wurde er denn vorab provokant angegangen?”, wollte Tietz wissen.
“Überhaupt nicht! Er hat Olaf beschimpft, hat ihn am Kragen hochgezogen und seinen Kopf gegen die Wand geknallt!” Carolines Stimme war kurz davor sich zu überschlagen.
“Furchtbar! Wo finde ich ihn?” Tietz machte ein besorgtes Gesicht und hoffte, diesen Ausdruck noch eine Weile aufrecht erhalten zu können, denn innerlich rieb er sich vor Freude die Hände.
“Er ist draußen. Eine rauchen.” Gregor Bauer wies in die Richtung, in die Sebastian Markus den Raum verlassen hatte.
“Ich kümmere mich um ihn. Sie drei kommen nachher zu mir ins Büro. Wir reden dann über die Vorfälle. Alle anderen: An die Arbeit!” Wolfram Tietz wandte sich zum Gehen, die Absicht, mit Sebastian Markus zu sprechen hatte er allerdings nicht.
Als er weg war, sagte Caroline zu Olaf: “Eigentlich ist der Tietz ganz süß. Immer wenn er aufgeregt ist, fängt er an zu lispeln.”
“Vermutlich lispelt der Tietz immer”, mischte sich Marcel Kempker ein. “Nur wenn er nervös ist, fallen ihm auf die Schnelle keine Worte ohne S ein.”
“Meinst du wirklich?” Caroline war erstaunt. “Muss ich mal drauf achten. Aber er kümmert sich um uns. Das muss man ihm lassen.”
Olaf stöhnte, wobei unklar blieb, ob vor Schmerz oder aus Verzweiflung über Carolines Mangel an Menschenkenntnis.

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