Die Betriebsversammlung 32

Von Sabine Müller wurden sie gebeten, noch einen Augenblick zu warten. “Herr Tietz ist gleich für euch da”, meinte sie. Dann nahm sie allen Mut zusammen. “Ich habe es schon einmal angesprochen. Ich würde mich gerne mal mit dir treffen, Olaf.”
“Einfach so?”, fragte er erstaunt. “Das überrascht mich nach wie vor.”
“Ja, einfach so. Sich mal näher kennen lernen. Nur ein bisschen plaudern, über die Firma, den Betriebsrat und so.”
“Ach so, du möchtest über die Betriebsversammlung sprechen?”, fragte Olaf.
“Nicht nur, aber auch.” Sabine Müller konnte nicht lügen, auch wenn Sonja Zand ihr den Auftrag erteilt hatte, genau das zu tun. Sonja hatte Sabine aufgefordert, ‘mit den Waffen einer Frau zu kämpfen’, wie sie es ausdrückte. Das meint übersetzt, zum Mittel der Lüge und Intrige greifen, dabei Brust und Dekolleté zeigen. Sabine Müller jedoch konnte zur Not die Wahrheit ein bisschen beugen. Zu mehr war sie nicht in der Lage.
“Wie wäre es direkt nach der Arbeit heute?”
“Ja, das geht. Freut mich.”
“Da sind wir doch schon verabredet”, flüsterte Gregor Olaf zu.
“Macht doch nichts, dann hören wir uns eben zu zweit an, was sie zu sagen hat”, flüsterte Olaf zurück.
“Ich kann aber wirklich nur auf ein Bier. Ich fühle mich am Ende meiner Kräfte.”
“Das schaffst du schon, glaub mir”, gab Olaf zurück als Wolfram Tietz die Tür zu seinem Büro öffnete.
“Immer herein die Herren und die Dame!”
Sie standen auf. Caroline  fühlte sich, als würde sie sich in die Höhle des Löwen begeben. Gregor hatte das Bild Siegfrieds des Drachentöters im Kopf. Olaf dagegen fühlte nichts. Bisher kein S, dachte er, denn er hatte sich vorgenommen, Marcel Kempkers These zu überprüfen.
“Kann ich ihnen einen Kaffee anbieten? Oder vielleicht ein Kaltgetränk?”, fragte Tietz.
Dieses Mal lehnten alle ab. Olaf ließ das eben Gesagte vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen, suchte nach einem S, wurde aber nicht fündig.
“Wir reden heute nochmal über ihre Idee der Arbeitnehmervertretung. Und über den Effekt, den die Idee auf die Firma und Mitarbeiter hat”, fügte Tietz nach einem kurzen Moment an.
Olaf suchte nach dem S, fand aber wieder keins. “Unglaublich”, flüsterte er.
“Bitte?”, meinte Tietz.
“Nichts, Entschuldigung. Ich war einen Moment abgelenkt.”
“Wir wollen vor allem über Sebastian Markus und sein Verhalten sprechen”, meinte Caroline Gottschalk, schlug ihre Beine übereinander und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
“Nehmen wir mit rein”, sicherte Tietz lächelnd zu und sah auf Carolines Beine.
Sie saßen dann eine ganze Weile zusammen. Tietz beschrieb die Firma als in Aufruhr. Alle Mitarbeiter wären verunsichert. Durch ihren Aushang hätten sie dem Betriebsfrieden und der Effizienz der Firma keinen Gefallen getan. Sich selbst auch nicht, denn die Mehrheit der Mitarbeiter wäre gegen einen Betriebsrat.
Es würde ihn nicht überraschen, dass Tietz das denke, gab daraufhin Olaf Graf zurück. Sein Eindruck über die Haltung der Kollegen in Bezug auf eine Arbeitnehmervertretung wäre jedoch nur gefühlt und nicht belegt. Um tatsächlich herauszufinden, ob die Mitarbeiter keinen Betriebsrat wollten, wäre die Betriebsversammlung das geeignete Mittel, denn dort könnten sich die Kollegen auch gegen die Wahl eines Wahlvorstandes und damit gegen die Einleitung der Wahl eines Betriebsrates entscheiden.
Tietz erwiderte, er wolle dem Ergebnis keinesfalls vorgreifen, allerdings wäre es im Interesse der Firma, das ganze Vorhaben möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, denn es würde die Firma finanziell schädigen je länger es dauere. Die Produktivität ließe nach, da alle nur noch über die Betriebsversammlung reden würden. Er hätte daher eine kleine, repräsentative Liste erstellt. Man könnte die kleine Auswahl an Mitarbeitern heute noch befragen, ob sie einen Betriebsrat wollen und dann das Ganze entweder abblasen oder eben durchziehen. Je nach Ausgang der Befragung. Er sei da ganz ergebnisoffen.
Dabei präsentierte er den dreien die Liste, auf die sich die Mitarbeiter eingetragen hatten, die nicht zur Betriebsversammlung gehen wollten. Ganz oben standen die Namen Sonja Zand und Sebastian Markus. Caroline und Olaf sahen sich an, Gregor sank in seinen Stuhl zurück.
Während Olaf auffiel, dass bei den Ausführungen von Tietz inzwischen einige S dabei gewesen waren, erwiderte Caroline, mit repräsentativen Umfragen wäre das so eine Sache. Es sei relativ aufwändig, eine wirkliche repräsentative Auswahl zu erstellen.
Er wäre auch mal auf einer Uni gewesen, entgegnete Tietz. Das ginge alles schon mit rechten Dingen zu.
Olaf schlug daraufhin vor, die Dinge einfach laufen zu lassen. So lange sei es bis zur Betriebsversammlung auch nicht mehr hin, dann hätte man Klarheit. Sie würden die Geschäftsführung nur bitten, die ganze Situation nicht absichtlich eskalieren zu lassen. Sie wollten der Firma keinen Schaden zufügen. Es wäre sicher auch im Sinne der Geschäftsführung und der Produktivität, wenn alle eine etwas ruhigere, gelassenere Gangart einschlagen würden. Beschattungsaktionen wie die gestern von Sebastian Markus durchgeführte, würden nicht gerade Vertrauen aufbauen.
Es täte ihm sehr Leid, was er da zu hören bekäme, entgegnete wiederum Tietz. Allerdings handele es sich dabei wohl um eine von Sebastian Markus eigenständig geplante und durchgeführte Aktion. Tietz hätte sie nicht veranlasst und er würde so etwas auch nicht unterstützen. Jedoch könnte er den Mitarbeitern nicht vorschreiben, wie sie ihre Freizeit zu verbringen hätten. Man könne an der Handlung von Sebastian Markus aber auch ablesen, wie groß die Irritationen seien, die sie ausgelöst hätten.
“Sebastian Markus kann doch zumindest wieder woanders sitzen, oder?”, meinte Caroline.
“Aus Raumgründen im Moment unmöglich”, antwortete Tietz. “Leider”, fügte er hinzu.
„Und was ist mit dem Kaffee?“, fragte Caroline weiter.
„Kaffee? Gar nicht gut für den Blutdruck. Behalten wir daher ein“, gab Tietz zurück.
Sie verabredeten in Kontakt zu bleiben, Tietz wünschte allen ein erholsames Wochenende und entließ die drei an ihre Arbeitsplätze.
Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, sagte Olaf: “Das war wohl eine Kriegserklärung.”
“Ich fürchte ja”, stimmte Caroline zu.
“Wieso? War doch eigentlich ein ganz nettes Gespräch”, wandte Gregor ein. „Bis auf das mit dem Kaffee. Das fand ich ziemlich kleinlich.“
“Olaf erklärt es dir später”, sagte Caroline zu Gregor.

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