Die Betriebsversammlung 33

Als sie an Sabine Müllers Schreibtisch vorbeikamen, griff sie nach Olafs Arm. “Es bleibt doch dabei? Rufst du mich an, bevor du gehst?”, fragte sie. Olaf hatte das Gefühl, etwas sei nicht in Ordnung, als sie an seinem Hemdsärmel zupfte. Obwohl noch immer mit der Szene in Tietz’ Büro beschäftigt beschlich ihn ein Gefühl von Mitleid.
“Ja, wir treffen uns wie verabredet. Gregor kommt auch mit.”
“Nur wir zwei fände ich schöner”, sagte Sabine.
“Gregor bleibt wahrscheinlich nicht lange. Alles, was die Betriebsversammlung betrifft, sollten wie aber mit ihm besprechen. Er sitzt schließlich mit im Boot. Caroline kann leider nicht. Sie hat eine Verabredung.”
Olaf fühlte sich komisch. Wollte Sabine Müller wirklich eine romantische Verabredung mit ihm? Er würde sie enttäuschen müssen. Aber er musste sich selbst gegenüber zugeben, bei Frauen Schwierigkeiten zu haben, deren Zeichen und Codes zu verstehen. Es hatte schon häufiger Situationen gegeben, bei denen es zu gravierenden Missverständnissen gekommen war, weil Olaf Signale nicht wahrgenommen hatte, die jedem heterosexuellen Mann als Wink mit dem Zaunpfahl erschienen wären. Die Zeichen und Codes jedenfalls, die Sabine Müller gerade aussandte, sahen für Olaf mehr nach Verzweiflung als nach sexuellem Begehren aus. Dennoch war er sich unsicher. Vielleicht war das bei Heteros eine verbreitete Masche, dachte er.
“Ich rufe dich an, sobald ich weiß, wann wir hier rauskommen”, versprach er. Er schloss zu Caroline und Gregor auf, die am Ende des Korridors auf ihn warteten.
“Du musst mir mal helfen”, sagte er zu Caroline.
“Willst du irgendwas Fieses drehen, um es dem Tietz schwer zu machen?”
“Nein, wegen was anderem. Sabine Müller will sich mit mir treffen und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.”
“Wie soll ich das verstehen?”, fragte Caroline
“Ich weiß nicht, ob sie was von mir will, oder ob sie mich einfach so treffen möchte.”
“Sie ist eine Frau. Du bist ein Mann. Sie will dich nicht einfach nur so treffen.”
“Dann will sie mich abschleppen?”
“Körperkontakt? Titten in Position gebracht? Hat sie dir den Hals gezeigt?”
“Nein, ich glaube nicht.”
“Hat sie irgendwas Auffälliges mit den Beinen gemacht? Sich im Haar rumgefummelt?”
“Weiß nicht, habe ich nicht so drauf geachtet. Ich glaube nicht.”
“Augenaufschlag? Auf die Lippen gebissen oder sonst irgendwas mit dem Mund gemacht?”
“Sie hat gesprochen.”
“Sie will dich nicht abschleppen. Sie will irgendwas anderes.”
“Und was?”
“Das weiß ich nicht. Finde es raus. Aber du musst wirklich völlig schwul sein, um solche Zeichen nicht zu verstehen.”
“Bin ich”, sagte Olaf das Gespräch abschließend.

Bevor es zu dem Gespräch zwischen Olaf und Sabine gekommen war, hatte diese mit Sonja Zand telefoniert. Sabine Müller informierte Sonja in diesem Gespräch, darüber, dass Olaf Graf einem Treffen mit ihr zugestimmt hätte, bevor er zu Tietz ins Büro gegangen sei. Sie ginge daher davon aus, dass die Verabredung wahrscheinlich zustande kommen würde.
Sie würde nicht wahrscheinlich zustande kommen, gab Sonja Zand daraufhin zurück. Sie würde ganz sicher zustande kommen, weil Sabine Müller sonst ganz sicher sein könne, dass am kommenden Montag jeder Mitarbeiter in seiner elektronischen Post ein wundervolles Foto von einer sehr glücklichen aber auch sehr nackten Sabine Müller vorfinden würde.
Wie Roland Schmidt ging auch Sonja Zand davon aus, Menschen würden dann herausragenden Leistungen erbringen, wenn ihnen die Angst im Nacken säße und der Druck ihnen die Luft zum Atmen nähme. Öffentliche Bloßstellungen und deren Androhungen schienen ihr geeignete Mittel, diesen Druck aufzubauen.
Sie hatte diese Methode von Roland Schmidt abgeschaut, der sie häufiger anwandte. Vor vier Jahren, beispielsweise, bei der ersten und letzten Betriebsfeier der SCHOW GmbH wurden zu Beginn des Abends drei Mitarbeiter auf die Bühne gebeten. Diese drei, sagte Schmidt damals, seien die Zugpferde der Firma. Effizient, leistungsorientiert, produktiv. Jeder, der jetzt nicht auf dieser Bühne stehen würde, solle sich ein Beispiel an den Dreien nehmen. Sonja war unter den nach undurchsichtigen Kriterien Ausgewählten und nahm ihren Parfümeriegutschein aus der Hand von Roland Schmidt mit einem Knicks und einem kecken Blick ins Publikum entgegen.
Zu vorgerückter Stunde jedoch, Schmidt war schon ein bisschen betrunken, griff er nochmals zum Mikrofon. Er bat sieben Mitarbeiter auf die Bühne. “Das sind sie!”, begann er seine Rede. “Das sind die sieben Knalltüten, die wir alle mit durchfüttern müssen. Die größten Loser, die Last der Firma.” Lediglich sein soziales Gewissen würde ihn davon abhalten, diese sieben Schmarotzer zu feuern. “Aber jeder in diesem Raum muss wissen, wir schleppen diese sieben Parasiten mit unserer Hände Arbeit durch. Jeder von euch da unten gibt einen Stück vom eigenen Kuchen ab, damit diese hier nicht auf der Straße sitzen.” Und sich zu den sieben drehend sagte er “Bedankt euch bei euren Kollegen!” Und tatsächlich stammelte jeder ein “Danke” in das vor das Gesicht gehaltene Mikrofon, bevor er gedemütigt von der Bühne stieg.
Sonja hatte diese Szene zum Schreien komisch gefunden. Später hatte Roland Schmidt ihr seinen didaktischen Überlegungen zu seinem Vorgehen verraten. Dies würde alle derart anspornen, dass die Umsätze in die Höhe schnellen würden. Denn mit Sicherheit wollte niemand im nächsten Jahr auf der Bühne stehen, um dort als größter Verlierer der Firma dem versammelten Kollegium präsentiert zu werden.
Die Betriebsfeier im kommenden und auch in den Folgejahren fiel jedoch mangels Interesse aus, denn nahezu niemand wollte teilnehmen. Roland Schmidt verstand das übrigens nicht. Er war sogar beleidigt, denn er fühlte sein Engagement für das Wohl der Mitarbeiter durch deren mangelnden Willen, ein bisschen private Zeit für ein gemütliches Beisammensein im Kollegenkreis aufzubringen, nicht ausreichend gewürdigt.
Sonja Zand hatte in ihrem Telefonat mit Sabine Müller freilich nicht versäumt, auf eben diese Betriebsfeier hinzuweisen und eine Parallele zur gegenwärtigen Situation zu ziehen. Sabine Müller würde bestimmt genauso blöd gucken, wie die sieben Kollegen damals auf der Bühne, wenn ihr Foto auf allen Monitoren der Firma aufleuchten würde. Sie gab noch einige Anweisungen, was Sabine Müller bei ihrem Treffen herauszufinden habe, und entließ sie anschließend aus dem Telefonat. Sabine Müller war eingeschüchtert. Entsprechend angstvoll bettelte Sabine Müller daher bei Olaf Graf um eine verlässliche Zusage, wobei sie keinen einzigen erotisch motivierten Hintergedanken hatte.

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