Die Betriebsversammlung 35

Es gelang ihm kaum, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Olaf Graf saß an seinem Arbeitsplatz und versuchte einen originellen Werbetext für einen FKK-Club zu schreiben, aber es wollte ihm nicht gelingen. Zu groß war die Ablenkung durch die Ereignisse des heutigen und gestrigen Tages. Mal dachte er an Tietz, mal an Schmidt und zwischendurch immer wieder an Sebastian Markus. Dann fragte er sich, welche Rolle Sonja Zand in der ganzen Scharade wohl spielen würde. Wieder versuchte er, seine Gedanken zurück zum FKK-Club zu lenken, um in schönen aber nicht zu langen Sätzen die Vorteile eines erotischen Abenteuers an eben jenem Ort herauszuarbeiten. Er fragte sich, warum die Heterokultur die Prostitution bräuchte wie die Luft zum Leben. Bei den Schwulen und Lesben ginge es doch auch weitgehend ohne. Er dachte wieder an Sonja Zand. Er verbat sich, zwischen ihrer Anbiederei an Roland Schmidt und Prostitution eine Parallele zu ziehen, das schien ihm zu platt. Prostitution war eine professionelle Dienstleistung, das andere hausbackene Schleimerei. Aber vollständig zurückweisen konnte er den Gedanken auch nicht. War es Schmidt egal, dass sie mit Sebastian Markus rumvögelte? Oder wusste er es wirklich nicht? Jeder in der Firma wusste es. Warum war Sebastian Markus überhaupt so gegen den Betriebsrat? Falls sein Techtelmechtel mit der Zand aufflog, würde er eine Interessenvertretung dringend brauchen. Olaf Graf versuchte sich wieder auf den FKK-Club zu konzentrieren. In der vergangenen Woche hatte er auf Einladung des Geschäftsführers den Club besucht. Olaf hatte eine Führung bekommen, der Betreiber war von seinem Club überzeugt. Ganz neues Konzept, jenseits der Rotlicht-Klischees, schöne Frauen, alle auf freiberuflicher Basis, keine Zuhälter, kein Zwang, Kondome lagen überall aus, es gab sie umsonst, dezent hing ein Plakat einer Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten in einer schlecht ausgeleuchteten Ecke. Alles sollte offen und aufgeklärt wirken, selbstbewusst, lustvoll emanzipiert.
Jetzt an seinem Schreibtisch sitzend war das einzige, was Olaf Positives zum Club einfiel, dass er nicht allzu schmuddelig war. Der Eintrittspreis, den nur Männer zu entrichten hatten, schien ihm unangemessen hoch, der Sex war im Preis noch nicht mal mit drin. Als Schwuler hatte man es da einfacher und vor allem billiger.
Er dachte an Sebastian Markus und den gestrigen Abend in Tom’s Lounge. Wo war der eigentlich schon wieder? Olaf war im eigenen Interesse eigentlich sehr froh darüber, dass Sebastian selten an seinem Platz war, denn ihn so unmittelbar neben sich zu haben, bedeutete Stress und Ärger. Andererseits fühlte er die Ungerechtigkeit, denn andere hätten mit derart vielen Pausen und Arbeitsunterbrechungen schon längst eine Abmahnung oder einfach gleich die Kündigung erhalten.
Sebastian Markus würde einen guten Zuhälter abgeben. Fies und dämlich, dachte Olaf.
Olaf rief sich zur Ordnung. Er würde sich im Klischee verlieren, sagte er sich. Wie das mit der Zuhälterei jenseits der Krimi- und Thrillerphantasien von Schriftstellern und Filmproduzenten tatsächlich funktioniere, davon hatte er keine Ahnung, gab er sich gegenüber zu. Aber gut wäre das schon, wenn der Markus der Zand mal kräftig eine brettern würde. Kaum gedacht, irritierte Olaf die Brutalität seines Gedankens. Ihm wohnte die Idee der Rache inne, ein Konzept, an das Olaf nicht glaubte. Die Zand war ebenso fies wie Sebastian Markus, das stimmte. Zudem war sie eine Intrigantin, die in der Lage war, ihrem Gegenüber ins Gesicht zu lächeln, während sie ihm den Boden unter den Füßen wegzog. Sebastian Markus war nur primitiv. Er haute jemandem auf die Fresse, weil er dachte, das wäre eine angemessene Antwort auf ein Problem. Sonja Zand genoss es, Existenzen zu runinieren. Trotzdem. Einfach mit Gewalt und Brutalität auf Gewalt und Brutalität reagieren, verbiete sich, dachte Olaf.
Er ärgerte sich, er war schon wieder nicht beim Thema. Dabei sollte der Text für den Club heute fertig werden. Neuer Anlauf: ‘In gediegenem Ambiente verwöhnen attraktive Frauen den Mann, der weiß wie sich Qualitätserotik anfühlen muss.’
‘Qualitätserotik’! Eigentlich so bescheuert, dass es schon wieder gut war. Vielleicht war es aber auch einfach an der Zeit, Feierabend zu machen, dachte Olaf. Sinnvolle Texte waren unter Umständen am Montag wieder möglich. Es war jedoch noch zu früh, stellte er mit einem Blick auf die Uhr fest. Er würde dem Tietz nicht gönnen, ihn beim Verlassen der Firma vor der Zeit zu erwischen. Überhaupt der Tietz! Der sagt Sätze ohne S und ist vermutlich der gefährlichste Gegner von allen. Warum eigentlich Gegner? Das ganze Projekt war nie auf Gegnerschaft angelegt. Auf ein Korrektiv vielleicht, aber nicht auf Gegnerschaft. Sie hätten von Anfang an einen anderen Weg einschlagen sollen. Sie hätten über die Gewerkschaft gehen sollen, anonym, aus dem Verborgenen heraus. Es war ihnen aber unehrlich vorgekommen, da waren sie sich im Bruchteil einer Sekunde einig gewesen als der Vorschlag von Birgit der Gewerkschaftssekretärin in den Raum gestellt worden war, alles die Gewerkschaft machen zu lassen. Sie wollten die Gewerkschaft zur Unterstützung aber nicht als Motor. Mit der Gründung eines Betriebsrates wollten sie als allererstes etwas für die Firma und die Kollegen tun, nicht für die Gewerkschaft.
“Mist!”, sagte Olaf, als er bemerkte, schon wieder nicht beim Thema zu sein.
“Mist ist kein Ausdruck für die Scheiße, die du hier baust!” Sebastian Markus bog um die Ecke und warf sich in seinen Stuhl. “Was hat denn der Herr Betriebsrat so den ganzen Tag gemacht?” fragte er, wobei er mit seinem Stuhl auf Olaf Grafs Seite rollte und ihn zur Seite drängte.
“Der Herr Betriebsrat hat einen einzigen Satz geschrieben. In der ganzen Zeit! Da kann der Herr Betriebsrat aber stolz auf sich sein! Wieder die ganze Arbeit den Kollegen aufgedrückt.”
“Jetzt krieg dich mal wieder ein. Du warst heute doch noch keine fünf Minuten an deinem Schreibtisch.”
“Was geht dich kleine Schwuchtel das an? Ich arbeite für Roland. Nur dem bin ich Rechenschaft schuldig.”
“Wenigstens bekomme ich jetzt ein Ahnung davon, wie es sich für die Normalbegabten angefühlt haben muss, als 1933 die SA-Dumpfbacken Morgenluft witterten und prügelnd durch die Gassen zogen. Es sind immer die größten Idioten, die sich für den größten Dreck hergeben und sich dabei noch unendlich smart vorkommen.”
“Pass auf, was du sagst, Graf! Pass bloß auf!”

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