Die Betriebsversammlung 25

Auch bei Gregor Bauer und Olaf Graf war es inzwischen drei Bier später geworden. Sie unterhielten sich ganz angeregt mit einem Freundespaar, das Olaf gut kannte. Gregor fühlte sich ausgesprochen wohl. Er berichtete davon, wie es sei, einen Betriebsrat zu gründen, gab Tipps, worauf zu achten sei und mit welchen Hindernissen man zu rechnen habe. Olaf relativierte zwischendurch ein bisschen, wenn Gregor seiner Ansicht nach zu sehr übertrieben hatte. Allerdings war Olaf abgelenkt, denn er beobachtete im Spiegel über der Bar die Geschehnisse an der Tür zum Darkroom. Klaus, den Olaf aus anderen Zusammenhängen kannte, belagerte dort Sebastian Markus. Klaus war ziemlich geradeaus und immer auf der Suche nach Sex. Das wusste Olaf aus jenen anderen Zusammenhängen, von denen eben die Rede war. Olaf amüsierte sich köstlich darüber, wie Sebastian Markus nun genau das Verhalten zu spüren bekam, das er gegenüber seinen Kolleginnen an den Tag legte. Sebastian wurde von Klaus zum Objekt gemacht. Vermutlich erzählte ihm Klaus schon seit geraumer Zeit, was er alles mit ihm  anstellen wird und wie geil das für Sebastian würde, weil es ihm noch nie jemand so gründlich und gut besorgt hätte. Er würde die Glocken läuten hören, er würde schreien vor Geilheit und all das Blabla. Sebastian sah ziemlich angepisst aus, konnte sich der Situation jedoch nicht entziehen, denn Klaus stand direkt vor ihm, eine Hand am Türrahmen, die andere am Tresen. Damit war der Fluchtweg versperrt, der einzige Weg, den Klaus für Sebastian offen gelassen hatte, war der Weg in den Darkroom. Obwohl es ihn amüsierte, glaubte Olaf nicht an einen Lerneffekt. Sebastian würde auch morgen wieder die Kolleginnen anhand ihrer Tittengröße bewerten und ebenso wie Klaus jede Zurückweisung als Aufforderung zu noch plumperen Offerten werten.
Kurz nach zehn schlug Olaf vor, zu gehen. Morgen würde sicherlich wieder ein anstrengender Tag. Der letzte dieser Arbeitswoche, aber auch der müsse bewältigt werden. Gregor willigte ein, sie verabschiedeten sich von Olafs Bekannten, wobei Gregor sowohl dem einen als auch dem anderen einen langanhaltenden Zungenkuss aufnötigte. “Dein Heterofreund ist aber ganz schön schwul unterwegs”, flüsterete daraufhin einer der beiden Olaf ins Ohr. Olaf zuckte mit den Schultern, denn er wusste das Ereignis nicht einzuordnen.
“Was eine coole Bar”, meinte Gregor als sie vor dem Lokal standen, “da muss ich mal mit Anna rein.”
“Wer ist Anna?”, wollte Olaf wissen.
“Meine Freundin. Ihr müsst euch unbedingt demnächst kennen lernen.”
“Du hast eine Freundin? Warum steckst du dann anderen Männern die Zunge in den Hals?”
“Die waren doch total nett. Ich dachte, die mögen das.”
“Ja, klar. Die mögen das. Das ist natürlich ein Grund.” Olaf war irritiert.

Einen gänzlich unerotischen Abend verbrachten dagegen Roland Schmidt und Sonja Zand. Roland Schmidt war zunächst mit seinem Computer beschäftigt. Internetrecherche nannte er es, sich die Webseiten anderer Agenturen und deren Werbeerzeugnisse anzugucken. Später spielten sie zusammen Autorennen auf der Playstation. Sonja langweilten diese Spiele zutiefst. Sie spielte ohne Ehrgeiz und verlor entsprechend häufig. Roland machte sich bei jedem Sieg über sie lustig. Sonja verzog das Gesicht.
Was Roland jedoch über alle Maßen störte, waren die häufigen Unterbrechungen, weil Sonja auf ihrem Handy schreiben musste.
“Was machst du da eigentlich?”, fragte er sie schließlich.
“Ich schreibe, das siehst du doch.”
“Und wem? … Hast Du das gesehen? Mit Vollgas durch die Kurve!”
“Ja, toll.”
“Du bist dran. Jetzt hör doch mal auf mit Schreiben. Wem schreibst du da?”
“Sebastian.”
“Jetzt mach schon. Fahr los! … Warum schreibst du dem so spät noch? Was Dienstliches?”
“Der ist in einer Schwulenbar und meldet sich nicht mehr. Ich will nur wissen, ob alles in Ordnung ist.”
“Du hast die Karre schon wieder voll gegen die Wand gesetzt!” Roland lachte hämisch. “Ich wusste gar nicht, dass der schwul ist. Der macht immer so auf Weiberheld.”
“Der ist bi. Er braucht manchmal anale Erotik.” In dem Moment, in dem sie es ausgesprochen hatte, fragte sich Sonja, warum sie so einen Unsinn erzählte. Sie war aber inzwischen auch ziemlich sauer, denn seit geraumer Zeit war keine Nachricht von Sebastian eingegangen. Das Gerücht, das sie eben in die Welt gesetzt hatte, war einfach ihre Art der Strafe für Sebastians Schweigen.
Kurz vor halb elf traf dann doch noch eine Nachricht ein. “Auftrag beendet, bin auf dem Weg nach Hause. Alles Weitere morgen.”
Sonja setzte an diesem Abend noch zahlreiche Nachrichten an Sebastian ab, die im Ton immer ungehaltener und schließlich ausfallend und aggressiv wurden. Schließlich rief sie ihn an, es antwortete jedoch nur die Mailbox. „Wenn du das hörst, ruf mich sofort zurück, du blöder Wichser! Ich will wissen, was da heute los war“, hinterließ sie ihm. Eine Antwort erhielt sie an diesem Abend jedoch nicht mehr.

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