Die Betriebsversammlung 24

Deutlich früher als geplant war Wolfram Tietz zu Hause. Er hatte wie zuvor telefonisch vereinbart Herrin Katharina einen Besuch abgestattet. Doch der Besuch hatte sich in eine ungewollte Richtung entwickelt. Zwar war Tietz ursprünglich sehr in Stimmung, doch das Setting, das Tietz gewählt hatte, war zu nah an seiner Wirklichkeit. Das Szenario “Die herrische Betriebsratsvorsitzende” hatte Tietz zwar schon im Büro nach ganz kurzer Überlegung verworfen. Doch der Gedanke, Caroline Gottschalk in seine Phantasien einzubauen, hatte in einer übersprungsartigen Handlung zur Auswahl einer arbeitsnahen Inszenierung geführt. “Die strenge Chefin” stand so auf Tietz’ heutigem Spielplan. Es hatte auch alles ganz gut angefangen. In Herrin Katharinas Studio war ein Arbeitsplatz improvisiert worden. Eine Schreibmaschine stand auf einem Tisch, daneben Block und Bleistift. Geraume Zeit hatte er dort gesessen, nackt, nur mit einem Schurz um die Lenden, bis schließlich Herrin Katharinas strenge Stimme “Tietz zum Diktat!” rief. Es kam dann das Übliche: Runter auf die Knie, dann auf alle Viere, Lackstiefeletten lecken, und so weiter und so fort. Bis hier war für Wolfram Tietz alles so stimulierend und erregend wie immer. Doch als Herrin Katharina zum wiederholten Male Büroschwein, Vorzimmersau und Sachbearbeitersackgesicht zu ihm gesagt hatte, war ihm das erotische Empfinden für die Situation abhanden gekommen. Er fühlte, als würde er sich selbst vorgeführt. Nicht, dass er derartiges zu seinen Angestellten jemals gesagt hätte, das war mehr der Stil von Schmidt. Aber gedacht hatte er es schon und nicht eben selten. Außerdem schien im “Sachbearbeitersackgesicht” viel zu lang und kompliziert für ein richtiges Schimpfwort. Manchmal kam Herrin Katharina auf abstruse Ideen.
“Ich will abbrechen”, hatte Tietz zu Herrin Katharina gesagt, die zunächst nicht richtig verstand.
“Auf die Knie, du kleines Assistentendreckstück”, hatte sie erwidert.
“Nein! Heute nicht!” Tietz wollte sich anziehen.
“Was hast du denn?”, fragte Herrin Katharina und schaltete die Deckenbeleuchtung ein.
Tietz versuchte sich zu erklären. Er sei nicht in Stimmung, er wisse selbst nicht warum, obwohl er eine ziemlich klare Idee hatte, was seinen Stimmungsumschwung ausgelöst hatte. Herrin Katharina bedauerte. Er soll sich jederzeit wieder melden, sie sei gerne für ihn da, das könne jedem Mann mal passieren.
Tietz zog sich an und wollte gehen. Zu seinem Erstaunen gab es dann ein kleines Wortgefecht wegen Herrin Katharinas Honorar. Tietz war sich darüber im Klaren, nichts erstattet zu bekommen, nur weil er früher ging. Doch Herrin Katharina forderte zum eingangs gezahlten Betrag eine, wie sie es nannte, “Abbruchgebühr”. Das sei üblich, meinte sie. Hätte er noch nie gehört, erwiderte Tietz, das läge an seinem geringen Erfahrungsschatz in diesen Dingen, gab Herrin Katharina zurück.  Schließlich sagte Tietz: “Bei Geld werden alle Frauen Nutten”, was zu einem Ausbruch Herrin Katharinas führte, der Tietz nicht gespielt zu sein schien. Sie sei keine Prostituierte, was er sich einbilde. Sie sei eine Domina, sie würde sexuelle Dienstleistungen auf höchstem Niveau anbieten, bei ihr würden Träume war. Er soll sich zum Teufel scheren und nie wieder blicken lassen, aber zuvor die Kohle bitte!
Schließlich zahlte er, es ging ihm nicht ums Geld. Aber seine Besuche hier waren vorläufig gestrichen. Was eine dumme Kuh Katharina im Grunde doch war, dachte er bei sich. Bei dieser Gelegenheit fiel ihm seine Frau Claudia ein. Wo war die eigentlich, die müsste doch auch langsam mal wieder nach Hause kommen.
Als er sein Heim betrat schien ihm dies erstaunlich leer. Etwas fehlte. Wieder dachte er an Claudia. Er streifte die Schuhe ab, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und legte sich aufs Sofa vor den Fernseher. Auf Porno hatte er keine Lust. Ob Claudia morgen wohl käme? Vielleicht gab es ja was Interessantes auf dem Sportkanal. Vielleicht sollte er versuchen, sie telefonisch zu erreichen. Aber würde das nicht aussehen, als würde er sie vermissen? Diese Blöße wollte er sich auf keinen Fall geben. Es wurde ein trister Abend. Er langweilte sich, dachte viel an Claudia, das Missliche an seiner Arbeit und sehnte sich nach einem anderen, echteren Leben. Drei Bier später döste er ein und träumte unruhig.

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