Schreibblockade

Ich kann nicht mehr. Es ist mir alles zu viel, ich kann nicht mehr! Es ist nicht so, dass ich ganz generell nicht mehr könnte, dass mir generell alles zu viel sei. Ich kann vor allem eins nicht mehr: schreiben. Denn es ist mir vor allem eins zu viel: der Andrang der Themen, das Tempo. Seit Wochen versuche ich täglich einen Anfang und versage von jedem Anfang an. Jeder neue Tag bringt neue Nachrichten, über die es Wert wäre, zu schreiben, die danach rufen, eingebaut zu werden in einen Text, doch dann kommt die nächste Nachricht, die noch viel deutlicher die Richtung weist, in die wir uns bewegen, an der noch klarer sichtbar wird, wie alles auseinanderfällt und auf welche Art es das tut, in einer Art nämlich, dass ich dafür kein Wort habe und keine Sätze, die das Einzigartige des Auseinanderfallens fassen könnte.
Ich will der Reihe nach erzählen, chronologisch die Themen und ihre Auswirkung auf mein Schreiben nennen, den Weg ins Verstummen beschreiben und mit der Beschreibung aus ihm ausziehen, wieder hinein in die Welt des λόγος, der Worte und der Vernunft.
Es begann am 25.1.2014. Ich war in den USA, genauer in Los Angeles, das sich gerade auf die Grammy-Verleihung vorbereitete. Glam-Glam und Glitzer, die Gespräche dominiert von den Fragen, wer wohl mit wem, wer wohl wie und warum. Pop-Kultur as its worst, in deprimierender Weise sinnbefreit und in ganz unguter Weise herrschaftsaffirmierend. Da könnte ich mal was drüber schreiben, dachte ich, es möglicherweise einbauen in eine Erzählung, einem meiner Charaktere eine Sehnsucht nach Boulevard unterschieben, während er dann Opfer des Politischen wird und es nicht mal merkt, weil er alles Politische für irrelavant hält.
Am Vorabend der Grammy-Verleihung hatte ich mit meinem amerikanischen Gastgeber einen Austausch über die Unterschiede des amerikanischen und des deutschen Hilfesystems. Ich gebe zu, ich jammerte ausgiebig darüber, dass die Mittel immer weniger würden, die Programme für Junkies, Obdachlose und Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen immer weiter gekürzt und die Notlagen dadurch vergrößert würden. Von meinem amerikanischen Gastgeber wurde mir angeboten, er könne mir schnell mal zeigen, wie man in Amerika mit derartigen Notlagen umginge. Ich zeigte mich interessiert. Kurz darauf stiegen wir in sein Auto und fuhren durch Los Angeles, in einen Stadtteil, der  mir deutlich vor Augen führen sollte, wie das amerikanische Hilfesystem funktioniert. Gar nicht. Nicht hunderte, nein, tausende Menschen lebten auf der Straße, in Pappkartons, Zelten, alten Autos, sämtliche Gehsteige besiedelt, die verbliebene Habe verstaut in Einkaufswagen. Ganz offensichtlich spielten hier Alkohol und Drogen eine zentrale Rolle. “Wie soll es auch anders sein?”, fragte mein Begleiter. “Wenn man hier gelandet ist, hat man garantiert kein Geld für einen Arztbesuch oder Medikamente aus der Apotheke. Heroin hilft einerseits gegen Zahnschmerzen, ist verfügbar, günstig und macht obendrein noch ein angenehmes Gefühl.” Geschätzte fünf Kilometer Luftlinie entfernt wurden gerade die roten Teppiche für die alljährliche Feier des Banalen ausgerollt. Ich nahm mir vor, über diesen Gegensatz zu schreiben. Ein spannendes Thema, ich würde es einfließen lassen.
Nicht nur die sogenannten Stars fieberten den nächsten Stunden entgegen, auch ich war ein bisschen aufgeregt, allerdings nicht wegen der Grammies. Ich interessierte mich für das Interview mit Edward Snowden, das angekündigt war. Der ndr hatte einen Coup gelandet. Inhaltlich war schon das ein oder andere durchgesickert, trotzdem wollte ich das Interview in voller Länge sehen. Wegen der Zeitverschiebung musst ich allerdings noch etwas warten und zunächst die Grammyverleihung bei meinen amerikanischen Gastgebern über mich ergehen lassen. Mir weitgehend unbekannte Menschen sangen mir weitgehend unbekannte Lieder und bekamen dafür einen Preis, den ich aufgrund vorgenannter Tatsache für weitgehend bedeutungslos halte. Ich wurde aufgeklärt, wer, wann, wo und warum vor allem aber mit wem. Es machte die Sache nicht interessanter. Ich nahm mir vor, über das Ausgeliefertsein an die Belanglosigkeitskultur zu schreiben. Die gesammelten Eindrücke würden sich gut verwenden lassen.
Am darauffolgenden Morgen versuchte, ich auf das Snowden-Interview zuzugreifen. Aus irgendeinem Grund funktionierten alle Videos auf tagesschau.de, nur das Snowden-Interview lud nicht. Die Berichterstattung über die Verleihung der Grammys konnte ich ohne Probleme laden, Snowden blieb bei allen Versuchen unzugänglich. Ich suchte auf youtube nach Snowden. Irgendjemand würde es sicherlich hochgeladen haben. Tatsächlich! Da war es. Noch ein Klick und … “Dieses Video ist in deinem Land leider nicht verfügbar” wurde mir angezeigt. Wie ich herausfand hatte der ndr das Video nur für Anfragen mit deutschen IP-Adressen zugelassen. Man kann nur spekulieren warum, aber ich bin mir inzwischen sicher, keine Verschwörungstheorie ist so verrückt wie das wahre Leben. Auf jeden Fall ein wirklich spannendes Thema, über das ich schreiben wollte. Auf dem Rückflug hätte ich dafür Zeit und für all die anderen Themen auch. Allerdings war da schon die Auswahl so groß, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich für eins zu entscheiden. Ich verschob die Schreiberei daher auf einen späteren Zeitpunkt. Ich würde erstmal die Folgen der Zeitverschiebung über mich ergehen lassen. Zudem war ich von einer Freundin zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Sie hatte wohl ein bisschen Furcht es käme niemand, weshalb ich mich einzustellen hatte. Die Furcht war unbegründet. Juanita sitzt einem Verein vor, der sich für die sozialen und politischen Rechte von Prostituierten einsetzt. Der Verein heißt Dona Carmen. Ich hatte Juanita kennen gelernt, als ich in einer Werbeagentur arbeitete, die überwiegend mit dem Bewerben von sexuellen Dienstleistungen ihre Einnahmen erzielte. Ich schätze Juanita für ihre Weitsicht und ihren Kampf und unbedingtes Eintreten für Aufklärung und gegen Ressentiments. Aus diesem Grund legt sie sich auch regelmäßig mit Alice Schwarzer an, denn Alice Schwarzer ist sowohl antiaufklärerisch und schürt darüber hinaus jede Art von Vorurteil. Jedenfalls erreichte Juanita, dass Schwarzer in den kommenden Auflagen ihres Buches über Prostitution nicht mehr behaupten darf, der Verein Dona Carmen würde aus dubiosen Kanälen finanziert. Weitere Klagen gegen Alice Schwarzer seitens des Vereins sind anhängig.
Juanita zog eine Parallele zwischen dem russischen Gesetz, das Propaganda für nicht traditionelle Lebensformen verbietet, und den hier bei uns zur Diskussion stehenden Gesetzesverschärfungen im Hinblick auf Prostitution, Menschenhandel und Sexualdelikte. In beiden Fällen wäre es so, dass eine Minderheit dazu benutzt würde, einen normativen Druck auf die Mehrheitsgesellschaft aufzubauen. Ich solle darüber doch mal was schreiben, meinte sie, meine Artikel wären in der Vereins eigenen Zeitung “La muchacha” immer willkommen. Eine gute Idee, ich hatte da schon seit längerer Zeit nichts mehr beigetragen. Wir plauderten dann noch so ein bisschen vor uns hin, vor allem über normativen Druck, auf Freiheit und queeres Selbstverständnis, erinnerten uns an zahlreiche Einschränkungen von Freiheit, die in den letzten Jahren so ganz ohne Widerspruch in der Zivilgesellschaft über die Bühne gegangen waren. Egal ob Menschenhandelsparagraf oder Kinderpornografie: Überall wurden Freiheiten ohne Not eingeschränkt und ohne öffentlichen Widerspruch abgebaut. Um nach dem Menschenhandelsparagrafen verurteilt zu werden, muss man nicht mit Menschen gehandelt haben. Der Name des Gesetzes ist eher so etwas wie eine Werbemaßnahme, der vom genauen Blick auf den Inhalt ablenkt. Und dieser komische Kinderpornoparagraf wurde so schwammig gehalten, dass er sich mehr zur Erpressung als zur Straftatbekämpfung eignet. Wir wussten noch, dass der damalige Vorsitzende des Innenausschusses, irgendein SPD-Mann, dessen Name weder mir noch Juanita einfiel, die gummimäßige Ausdehnung der Begriffe Pornografie und Kind in dümmlichster Weise rechtfertigte. Überhaupt: Opferschutz mit dem Strafgesetz – ein ziemlich neuer aber auch ziemlich dämlicher Ansatz, da waren wir uns wie immer einig. Funktioniert garantiert nicht, wie man am amerikanischen “War against Drugs” gründlich studieren kann. Macht nur die Gefängnisse voll.
Das könnte man alles mal so in die nächsten Texte einfließen lassen, dachte ich mir. Das ist alles ausnehmend spannend, weil es unsere Gemeinschaft unter Druck setzt, jeden einzelnen. Druck baut sich auf und, wenn es kein Ventil gibt, das Dampf ablässt, knallt es irgendwann und alles fliegt einem um die Ohren. Da funktionieren menschliche Psyche und soziale Gemeinschaften wie jeder andere Dampfkessel auch. Alice Schwarzer jedenfalls, das konnten wir beide bestätigen, sorgte mit ihrem öffentlich vorgetragenen Anliegen dafür, dass der Druck zunahm. Der Druck auf die Frauen in der Prostitution, der Druck auf Politik ‘hart durchzugreifen’, das heißt, mit dem Strafgesetz wild um sich zu schlagen, der Druck auf die Kunden der Huren, der Druck auf kleine Gruppen, der dann an die Mehrheitsgesellschaft weitergegeben wird. Warum immer alle behaupteten, Schwarzer sei Feministin, konnten wir uns nicht erklären. Für uns war sie nur rechts außen. Dass man kein Mann sein muss, um schräge Ideen zu haben, war uns auch ohne Schwarzer klar. Alles Themen, über die ich demnächst mal was schreiben werde. Aber heute nicht, dachte ich bei mir.
Zwei Tage später, mein Jetlag war am Abklingen, verfolgte ich mit einer gewissen Wonne das Crescendo eines Shitstorms, der immer weiter und heftiger anschwoll und über Alice Schwarzer hereinbrach. Sie hatte Steuern hinterzogen, konnte den Hals nicht vollkriegen, gerierte sich aber in der Öffentlichkeit als moralische Instanz. Entsprechend hoch waren die Wellen, die jetzt über ihrem Kopf zusammen schlugen. Schwarzer reagierte wie sie immer reagiert. Sie sei Opfer. Naja. Nicht überzeugend.
Überzeugender waren da schon die konkreten Zahlen. Es erstaunte mich, wie viel Geld man mit dem Rumhocken in Talkshows, der journalistisch unwürdigen Vorverurteilung von Wetterfröschen in Boulevardzeitungen und dem Publizieren von schlecht recherchierten Büchern offensichtlich machen konnte. Ich recherchierte ein bisschen für mich zum Spaß und erstaunte, wie viel Geld Schwarzer für ihren Frauenmediaturm aus öffentlichen Mitteln bekam. Und weil ich schon am recherchieren war, sah ich mich auf der Webseite des Frauenmediaturms mal um. Die Stiftung, die hinter dem Projekt steht bekommt relativ viel Geld für den Aufbau eines Archivs, das sich mit feministischen Themen beschäftigt. Ich suchte mal nach emanzipatorischen Zeitschriften. Was soll ich sagen. Weder “La muchacha” von Dona Carmen noch die von mir sehr hoch geschätzte, leider aber eingestellte Zeitschrift “Gigi. Zeitschrift für sexuelle Emanzipation” waren im Online-Katalog verzeichnet. Dafür lagen aber sämtliche Emma-Ausgaben digitalisiert vor. Frau Schwarzer bekommt öffentliche Gelder, um sich selbst ein digitales Denkmal zu setzen und alles, was ihr nicht ins theoretische Weltbild passt, im wahrsten Sinne des Wortes links liegen zu lassen? Wie kann man das verantworten? Eigentlich gar nicht! Wenn Schwarzer ihre Zeitschrift digitalisiert haben möchte, kann sie das doch auf eigene Kosten tun. Sie hat doch genug Geld, was muss das öffentlich gefördert werden? Der Welt gehen die Ergüsse von Schwarzer auch so nicht verloren, schließlich lagert von der “Emma” wie von jedem anderen Druckerzeugnis in Deutschland ein Pflichtexemplar in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt.
Und noch eine Zahl war interessant: 26.000. So viele haben sich im letzten Jahr selbst wegen Steuerhinterziehung angezeigt. Angeblich gehen durch Steuerhinterziehung jedes Jahr 65 Milliarden verloren, die man in Straßenbau, Bildung, die Versorgung und in soziale und emanzipatorische Projekte stecken könnte. 800 Euro die der Staat pro Bürger mehr investieren könnte. Und was macht das deutsche Feuilleton. Es verweist darauf, dass doch jeder schon mal seiner Putzfrau einen Zehner zugesteckt hätte. Dem deutschen Feuilleton entgeht ganz offensichtlich, dass die Mehrheit in diesem Land, keine Putzfrau hat.
Es fällt wirklich alles auseinander. Die Talkshowrumsitzer machen einen auf moralisch, rufen nach Reformen und meinen massive Einschnitte, profitieren von Steuersenkungen und öffentlichen Zuwendungen und hintergehen die Gemeinschaft. Ein geiles Thema, da muss ich dringend mal was drüber schreiben. Nichts ist so spannend wie die Realität. Würde es in einem Roman stehen, würde man denken, der Autor habe maßlos übertrieben. Ein Land in der Mitte Europas mit einer durch und durch korrupten Elite, die sich gegenseitig mit Posten und Geldern versieht, die Bürger mit einer Moral belehrt, an der diese Elite selbst gründlich scheitert, es aber nicht einmal bemerkt, weil sie jede Bodenhaftung, jede Fähigkeit zur Reflexion verloren hat. Das soll Deutschland sein? Irgendwie schon. Vor lauter Korruption schaffen wir es hierzulande nicht mal mehr, einen Flughafen zu bauen. Eröffnungstermin erneut verschoben, Mehdorn beleidigt. Haben wir wirklich keine andere Krisenmanager?
Einige Tage später ist mir dann auch plötzlich der Name des SPD-Mannes wieder eingefallen, der als Vorsitzender des Innenausschusses mit dünnen Argumenten die Verschärfung des Kinderpornografie-Paragrafen vorangetrieben hatte. Stimmt! Sebastian Edathy war sein Name. Doch während ich eine wonnige Hähme fühlte, als der Shitstorm über Schwarzer hereinbrach, fühlte ich nun nur Mitleid mit Edathy. Dieser Mann ist erledigt. Das Getratsche im Regierungsviertel und mit den Kriminalämtern hat ihn um einen gerechten Prozess gebracht. So ist er verurteilt für immer. Der große Verlierer im Intrigenspiel der Politik ist in diesem Fall neben Edathy der Rechtsstaat. Zutiefst widerlich. Dieser Fall ist so vielschichtig, dachte ich bei mir, da müsste ich unbedingt mal was drüber schreiben. Man könnte das auch mit der Schwarzer verknüpfen. Die hält von der Unschuldsvermutung nichts, Gabriel und Konsorten scheinen ihre besten Schüler. Spannend, spannend, spannend.
Man könnte über so vieles schreiben! Ich müsste nur endlich aus dieser Schockstarre herausfinden, die diese Themenflut mit sich bringt, und die andeutet, wie viel in diesem Land schief läuft. Die Chaoten und Hacker vom Chaos Computer Club verklagen die  Bundesregierung und die Kanzlerin, damit die endlich wieder ihre Aufgabe wahrnehmen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Und sie zwingen den Bundesstaatsanwalt dazu, endlich Ermittlungen in der NSA-Affäre aufzunehmen. Der hat seit drei Monaten geprüft, ob ein Anfangsverdacht vorliegt. Liest Herr Range keine Zeitung? Das sind doch Auflösungserscheinungen, oder nicht? Ich schließe hier, auch wenn ich noch längst nicht fertig bin.

2 Gedanken zu „Schreibblockade

  1. Pingback: Steppen, furzen, sterben | kreuzberg süd-ost

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