Der Strohhalm

Wenn ich mich richtig erinnere war ich 15 oder höchstens 16 als ich mich entschloss, aktiv zu werden und etwas gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu tun. Zu diesem Zweck wollte ich Kontakt mit einer lokalen Gruppe von amnesty international aufnehmen. Meine Eltern waren dagegen, ich solle mich lieber mehr um die Schule kümmern, war deren Meinung. Dieser Widerstand bestärkte mich in meinem Vorhaben, ich griff daher schließlich zum Telefonhörer und wählte die Nummer, die ich mir besorgt hatte. Eine Stimme meldete sich am anderen Ende der Leitung mit “Ja!” Ich fragte, ob ich mit Frau Sowieso sprechen könnte. “Am Apparat!” Ich schilderte mein Anliegen, bekam gesagt, wegen sowas bräuchte man nicht anrufen. Sie würde das alles ehrenamtlich machen, ihre Zeit wäre kostbar. Ich solle beim nächsten Treffen der Gruppe vorbei kommen. Außerdem sollte ich mit dem Siezen aufhören, das wäre bourgeois. Ich fühlte mich klein, mickrig und blöd, weil ich irgendwelche Regeln nicht eingehalten hatte, von denen ich nicht mal wusste, das sie existierten. Ich ging trotzdem hin, kam pünktlich, traf vor dem Eingang des Dritte-Welt-Ladens noch zwei andere Personen, die mit mir lange warten mussten, denn Irmgard, so hieß Frau Sowieso mit Vornamen, war so mit Ehrenamt beschäftigt, dass sie unmöglich Zeiten und Absprachen einhalten konnte. Schließlich kam sie doch, entschuldigte sich nicht und ließ uns ein. Was dann in den folgenden neunzig Minuten passierte, war schlimmer als jede Doppelstunde Mathe. Irmgard sprach von AGs, AKs, P-Aktionen, K-Aktionen und Orgas. Sie erläuterte keine der Abkürzungen, die ihr so flüssig über die Lippen gingen. Sie sprach von Paul, Manfred und Benny, die ich nicht kannte, die ich aber dem Sprachduktus von Irmgard zufolge zu kennen hatte.
Irgendwann stellte ich dann eine Frage zu Nicaragua. Irmgard lächelte ziemlich überheblich, bewies mir, wie wenig ich wusste und dass ich noch viel zu lernen hatte, ließ die Frage aber unbeantwortet. Irmgard benutzte Sprache nicht zur Vermittlung, sondern zur Ausgrenzung. Mir wurde damit auch klar, warum wir nur zu dritt in dem schlecht geheizten Laden saßen und nicht viel mehr waren, obwohl die Sache an sich doch gut war. Es war einfach alles unangenehm, es fühlte sich scheiße an, dort zu sein. Ich ging noch ein paar Mal hin, weil ich dachte, es könnte besser werden, ich könnte mich in die merkwürdige Geheimsprache von Irmgards ai-Gruppe einarbeiten. Aber auch die nächsten Male bekam ich immer wieder nur nachgewiesen, dass ich ein kleiner Bourgeois war, der keine Ahnung hatte und ständig gegen irgendwelche ungeschriebene Regeln verstieß. Irmgards Welt war ziemlich eng, dafür aber ganz angefüllt mit ihr selbst, mein Unterwerfungswille war hingegen nur schwach ausgeprägt. So trennten sich unsere Wege recht zügig wieder und mein Engagement für Menschenrechte und politische Gefangene verlief zur Freude meiner Eltern zunächst im Sande.
Was ich damals nicht erahnte, war, wie sehr es sich bei diesem Vorgang um ein Schlüsselerlebnis handeln sollte, das sich in meinem Leben noch viele Male wiederholen würde. Immer, wenn ich mich politisch engagieren wollte, machte ich ähnliche Erfahrungen. Während Irmgard nur das “Du” als Anrede duldete und von jedem “Sie” auf eine feindliche, nicht grüne und daher kriegshetzende (grün und Krieg passten damals noch nicht zusammen) Gesinnung schloss, waren in anderen Strukturen “Genosse” oder “Kollege” die einzig geduldeten Formen der Anrede. Alles andere war nicht nur falsch, sondern ließ ganz tief auf mangelndes oder ein falsches politisches Bewusstsein schließen.
Ich bekam auch schon das Attribut “Massenmörder” angeklebt, weil ich gesagt hatte, dass ich auf Grapefruit verzichten würde, wenn es im Supermarkt nur welche aus Israel gebe. Erstaunlicherweise kenne ich Leute, denen ähnliche Attribute für genau die gegenteilige Haltung, wenn auch in Bezug auf anderes Obst zugesprochen wurden.
Ich hätte noch zahlreiche Beispiele dafür, was linke Bewegungen in Deutschland so ausgesprochen unattraktiv macht. Es ist dieses besserwisserische von oben herab Behandeln von Menschen mit guten Intentionen und Willen zum Engagement.
Lenin wird zugesprochen, gesagt zu haben, wenn deutsche Revolutionäre einen Bahnhof stürmen wollen, lösen sie vorher eine Bahnsteigkarte. Da ist was dran. Das, was sich die deutsche Linke nennt, ist durch und durch domestiziert und sie domestiziert jeden, der ihr nahe kommt mit den anachronistischen pädagogischen Mitteln: schulmeistern, anbrüllen, diffamieren und auf die Finger hauen. Mit dieser Haltung ändert man allerdings nichts, man vergrault nur die Leute.
Den Initiatoren der Mahnwachen passiert in diesen Tagen genau das. Anstatt zu unterstützen, zu helfen und zu beraten, wird jeder Klick, bei Facebook von den Wächtern über den linken Anstand in die moralische Waagschale geworfen. Es wird geschrien, gebrüllt und diffamiert was das Zeug hält. Auch und gerade von Autoren, die ich eigentlich sehr schätze. Ich muss sagen, dass ich mich dafür schäme.
Ich verstehe einfach nicht, was das soll! Das ist doch total schlechter Stil, was ihr da macht. Könnt ihr nicht einfach mal die Unschuldsvermutung gelten lassen. Was wäre so schlimm daran, Ralf Schurig, Ken Jebsen, Lars Mährholz und all den anderen Protagonisten der Bewegung zunächst mal zu unterstellen, dass sie keine Antisemiten und Nazis sind, sondern von der Entwicklung in der Urkaine und über die Konfrontation zwischen NATO und Russland zutiefst besorgt sind? Ich jedenfalls bin zutiefst besorgt, weswegen ich glaube, andere Menschen könnten es auch sein.
Wenn ich die Aktivitäten von Lars Mährholz richtig verfolge, schläft er vermutlich kaum noch, ist nahezu rund um die Uhr damit beschäftigt, eine Bewegung zu koordinieren, die es vor wenigen Wochen noch gar nicht gab. Das verdient doch Applaus und Unterstützung! Das verdient nicht, dass jeder Satz von ihm unter das Brennglas eines zutiefst narzistischen linken Entlarvungsdranges gelegt wird. Das ist einfach zutiefst gestört, was einige hier machen.
Wenn ich es richtig verstehe, sind die meisten Unterstützer der Mahnwachen Anfänger im Hinblick auf politische Arbeit. Was wäre so schlimm daran, sie dann auch als Anfänger zu behandeln, sie also nicht wegen einer unglücklichen Wortwahl oder einem merkwürdigen Link sofort als Nazis zu verunglimpfen?
Seid doch mal realistisch! Wir haben im Deutschen Bundestag vier Parteien. Drei davon sind für Krieg und eine Partei ist gerade am Umkippen und stimmt Bundeswehreinsätzen nun doch zu, nachdem sie sich lange geweigert hat.
Deutschland unterstützt die NATO mit Jets und einem Kriegsschiff und eskaliert damit die ohnehin angespannte Situation.
Die Medien berichten einseitig, überwiegend russlandfeindlich und unterstützen die Kriegsvorbereitungen.
Das Grundgesetz soll geändert werden, damit ein gekapertes Flugzeug abgeschossen, oder, um es klarer auszudrücken, die Bundeswehr auch im Innern eingesetzt werden kann.
Die Ostermarschbewegung ist tot. In Berlin versammelten sich laut RBB heute etwa 1000 Menschen. Vermutlich doppelt so viele standen vergangenen Montag im Regen bei der Mahnwache am Brandenburger Tor. Zum Durchschnittsalter der Demonstranten bei den Ostermärschen wird bei RBB nichts gesagt, aber das Bildmaterial lässt auf um die siebzig schließen. Das ist nicht als Diffamierung gemeint, sondern dazu, ein Lagebild abzugeben.
Kleiner reality check: Wir haben in Deutschland keine nennenswerte Opposition gegen einen heraufziehenden Krieg, gegen eine gewollte Eskalation des aktuellen Konflikts mit Russland. Außer die Mahnwachen!
Die muss man daher doch als Strohhalm begreifen, als letzte Chance! Da hat man doch gar keine andere Möglichkeit, als die Mahnwachen zu unterstützen. Das kann man doch nicht in Grund und Boden diffamieren, nur weil man denkt, „den Link da, den hätte der Lars aber mal früher löschen müssen.“ Das ist doch kleingeistig und spießig, wie es spießiger und kleingeistiger gar nicht geht.
„Der Ken Jebsen, der ist mir irgendwie suspekt, da war mal was mit Henryk Broder und Antisemitismus und so. Und jetzt sagt auch noch die Jutta ….  Ich weiß nicht, ob ich den unterstützen soll.“ Mensch Leute! Was sind denn die Alternativen? Zu Hause bleiben, nichts tun, ist die Alternative. Es gibt keine weitere Friedensbewegung und Opposition in Deutschland. Da ist nichts, weit und breit. Nur die Mahnwachen!
Ich will keine Eskalation gegenüber Russland. Ich will aber eine vernünftige Berichterstattung. Ich will so einen obrigkeitshörigen Mist nicht als Qualitätsjournalismus verkauft bekommen. Ich muss nicht unbedingt mit Genosse oder Kollege angeredet werden. Die Anrede “Hallo ihr Lieben” reicht mir völlig, denn es geht mir um den Inhalt. Deswegen gehe ich auch am Montag wieder zur Mahnwache. Und ich hoffe, ihr tut es auch und hört mit diesem Bashing auf. In Deutschland haben wir zur Zeit nichts anderes als Mährholz, Jebsen und co. Schlecht ist das nicht, denn die derzeitige Alternative dazu ist: Wir haben nichts.

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