Gentrifizierung des Denkens.

Gentrifizierung als soziologischer Begriff beschreibt ein Phänomen der Verdrängung. Es geht dabei zunächst um Wohnraum. Ganz kurz gesagt verdrängen wohlhabendere Schichten die angestammten ärmeren Bewohner und verändern dadurch die sozioökonomische Kultur eines Viertels. Der Prenzlauer Berg ist für jeden Berliner und regelmäßigen Besucher ein deutlich sichtbares Beispiel für Gentrifizierung. Erscheinung und Struktur haben sich in den vergangenen Jahren vollständig geändert.
Gentrifizierung beschreibt einen Verdrängungsprozess, der von Vielfalt weg, hin zu einem passgerechten, aber limitierten Angebot für eine begrenzte Schicht führt. Ich möchte anregen, diesen Begriff auf den politischen und ökonomischen Diskurs zu übertragen. Einer relativ überschaubaren Gruppe von Protagonisten ist es nämlich in den vergangenen Jahren gelungen, zentrale Begriffe durch ihre Person zu besetzen. Die Namen einiger weniger Volkswirtschaftler stehen für ökonomischen Sachverstand, die Parteispitzen der im Bundestag vertretenen Parteien stehen für die unterschiedlichen politische Meinungen, Michael Sommer und Frank Bsirske vertreten die Arbeitnehmerseite, Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband vertritt die Mittellosen, der Name Alice Schwarzer steht für Emanzipation und Frauenrechte. Man könnte diese Liste noch etwas differenzieren und fortsetzten, aber eben nicht beliebig lang. Sie ist relativ begrenzt.
Das heißt, die unterschiedlichen Themenfelder in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind durch einen relativ kleinen Kreis von Personen repräsentiert. Diese Talking Heads repräsentieren die Themenfelder allerdings übergreifend. Das heißt, Alice Schwarzer steht von BILD-Zeitung bis Neues Deutschland für Frauenrechte, mal affirmierend, mal kritisch beäugt, immer aber unangetastet in ihrer Repräsentation. Hans-Werner Sinn vom ifo-Institut repräsentiert von heute-journal bis Zeit die deutsche Nationalökonomie.  Er und wenige andere sind der Nukleus des Themas Volkswirtschaft, wobei den aus diesem inneren Kern gemachten Äußerungen zum Thema manche zustimmen,  manche kritisch kommentieren, der Kern selbst steht jedoch nicht in Frage. Vielfalt sieht anders aus.
In den vergangen Jahren hat eine Gentrifizierung in den Medien stattgefunden, die das Angebot an unterschiedlichen Meinungen auf einige wenige reduzierte und dieses reduzierte Angebot durch eine entsprechend kleine Anzahl an Talking Heads repräsentierte. Dies führte zu einer inzwischen deutlichen Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung.
Die Ursachen hierfür mögen vielfältig sein, auf eine evidente möchte ich jedoch hinweisen: Bedingt durch einen sich ausschließlich an ökonomischen Kriterien ausrichtenden Journalismus wurde Vielfalt, Recherche und das Durchdringen von Komplexität als journalistische Leistung aufgegeben und die Beleuchtung einzelner Fragestellungen den eben genannten Talking Heads überlassen, die zu spezifischen Themen immer die gleiche Position einnahmen und einnehmen durften. In den journalistischen Formaten tauschen seit Jahren die immer gleichen Vertreter die immer gleichen Positionen aus. Insbesondere im Hinblick auf den Bereich der Ökonomie und der damit verbundenen Politik haben sich die Positionen verfestigt und suggerieren so eine Alternativlosigkeit und ein Gefangensein zwischen maximal zwei Modellen: Neoliberalismus einerseits oder Keynes andererseits. Wir haben also die Auswahl zwischen einem Wachstumsmodell von dem ganz wenige, und einem Wachstumsmodell von dem einige mehr, bei weitem aber nicht alle profitieren. Beide Modelle basieren auf der Ausbeutung des Planeten und verschieben die Kosten hierfür auf zukünftige Generationen. Den einzelnen Protagonisten kann man nicht anlasten, den ihnen zur Verfügung gestellten Raum für die Darstellung ausschließlich ihrer eigenen Position eingenommen zu haben.
Es ist ein strukturelles Problem, das sich hier zeigt, denn der marktkonforme Journalismus wirkt verengend und diskriminiert Meinungsvielfalt. Alternative Modelle kommen nicht vor. Das funktioniert daher auch nur so lange, so lange alternative Formen der Informationsverbreitung eine kritische Schwelle nicht überschreiten.
In Bezug auf die Berichterstattung über die Ukraine wurde diese Schwelle nun offensichtlich überschritten. Irritiert nehmen die im Denken gentrifizierten Medienanstalten und Verlagshäuser zur Kenntnis, dass ihre Repräsentanten in keiner Weise die Vielfalt der Positionen und die Vielfalt der Weltzugänge zu erklären in der Lage sind, die sich auf den Mahnwachen für Frieden finden. In den etablierten Medien ist diese Vielfalt nicht kanonisiert. Keiner der Redner und auch der Initiator Lars Mährholz passt in das gängige Raster, das seitens der Mainstreammedien als Paradigma zur Erläuterung und Kommentierung von politischen Ereignissen zur Verfügung gestellt wird. Hier passiert etwas außerhalb der von den etablierten Medien erfassten und repräsentierten Struktur. Der etablierte Journalismus steht vor einem mit seinen Werkzeugen nicht erklärbaren Phänomen, er flüchtet sich daher in Stereotype, die die entsprechenden Talking Heads gerne bedienen.
Für den etablierten Journalismus kommt die schnelle Überprüfbarkeit von Behauptungen durch das Internet als zusätzlich erschwerende Belastung hinzu. Während vor wenigen Jahren noch Nachrichtensendungen, Zeitungen und Zeitschriften selbst die Quelle der Information waren, steht heute mit dem Internet ein Instrument zur Verfügung, mit dem die bisherigen Quellen auf ihren Gehalt und ihre Ausgewogenheit überprüft werden können. Und das Ergebnis ist für viele erschreckend. Allzu holzschnittartig wird da eingeteilt, zu einseitig, zu abhängig und zu unterwandert von interessierten Seiten wie den Transatlantikern und anderen Lobbyistengruppen erweisen sich die klassischen Medien.
Mittels Internet in der Lage, Informationen nachprüfen zu können, wird einer immer größer werdenden Zahl von Bürgern deutlich, wie der von klassischen Medien dargebotene Content journalistische Standards verletzt, da er eben nicht Komplexität aufbereitet und verständlich macht, sondern allzu sehr vereinfacht, zuspitzt und manipuliert. Das erste wäre im Sinne der Aufklärung, das zweite rückt sich schnell in die Nähe von Propaganda. Aufklärenden und aufgeklärten Journalismus benötigt eine demokratische Gesellschaft zum Fortbestehen, das zweite, manipulierende Meinungsmache, ist Signifikant für undemokratische Strukturen und das Überleiten dahin.
Doch an die Seite des über weite Strecken privat finanzierten oder mit der Politik verbundenem und damit Interesse geleiteten Mainstream-Journalismus gesellten sich in den vergangen Jahren zunehmend die unabhängigen Blogs, die vielfach mit erstaunlich kritischen und vielschichtigen Beiträgen und Kommentaren dort einspringen, wo guter Journalismus marktkonformem, postdemokratischen Journalismus Platz gemacht hatte.
Sicherlich, nicht alles, was im Internet veröffentlicht wird, ist automatisch fundiert und sachverständig. Aber es ist eben diese Vielfalt, die die Rezipienten auch zum kritischen Lesen erziehen kann. Den Talking Heads der tradierten Meinungsmache stößt das freilich auf, verlieren sie einerseits die Deutungshoheit über zentrale Themen. Ihnen droht die Margnialisierung.
Andererseits bedeutet die Vielfalt eben auch, dass nicht alle dargebotenen Themen einen tradierten Diskursverlauf nehmen, daher auch in Extreme ausschlagen können.
Das Vertrauen in die Selbstkorrektur solcher Ausschläge durch Meinungsvielfalt ist allerdings Bedingung, die gegenüber demokratischen Diskursen mitzubringen ist. Es sind erstaunlicherweise die Repräsentanten des sonst so Talkshow affinen Diskursjournalismus und die Verfechter der Demokratie von Gauck bis Ditfurth, die genau diesem Prozess des Diskutierens und Balancierens misstrauen und ein im Herzen antidemokratisches Meinungsführertum für sich beanspruchen.
Dass diese diskursive Selbstkorrektur auch ohne die Meinungskorsette etablierter Repräsentanten funktioniert, ist im Moment allerdings mehr als offensichtlich. Denn diese Fähigkeit zur kritischen Rezeption schlägt jetzt auf die etablierten Medien zurück. Eine im Grunde positive Entwicklung, die hoffentlich dazu führt, den Standard zu heben und die Gentrifizierung des Denkens zugunsten pluraler Diskurse aufzubrechen.

 

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