Javier 5

Javier saß an seinem Schreibtisch in seiner Galerie, das Telefon lag vor ihm, die Tür war geschlossen. Seit drei Stunden schon versuchte er, anzurufen und schaffte es nicht. Das Telefon war wie der Kopf einer Schlange. Javier fürchtete sich, zuzugreifen. Jedes Klopfen der Assistenten an seiner Tür wurde mit einem barschen “Jetzt nicht” beantwortet. Er kaute an den Nägeln, fiktive Gesprächsfetzen schossen ihm durch den Kopf, Konjunktive in großer Zahl stürzten auf ihn ein. Was würde er sagen, wenn …, was würde der andere erwidern auf…, was, wenn der andere hart bliebe, unhöflich würde. Er war sich sicher, genau das würde passieren. Der andere würde ihn anschreien, ihn auslachen, demütigen. Er presste die Nägel seiner Finger in den Unterarm bis es schmerzte. Das verschaffte ihm einen Hauch von Erleichterung. Die Panik ließ nach. Früher, vor einem Jahr, da hatte er in solchen Situationen Pulver parat. In die Nase hochgezogen und in kurzer Zeit wäre das Selbstvertrauen da. Ein paar Pillen, und die Angst wäre wie weggeblasen, Bier und Wodka machten die Welt sanft. Bei einem dieser Exzesse wäre er fast gestorben. Er hat dann entzogen, für einen kurzen Moment eingesehen, er sei ein Junkie. Sucht! Gier! Maßlosikgkeit! Das waren die zentralen Themen seines Lebens. Die Panik kroch wieder in ihm hoch, unter der Haut, war sie, sie kam den Nacken entlang. Er griff zum Hörer, wählte eine Nummer und sagte “Hey Markus, ich bin’s Javier. Wie läuft’s bei dir?” Javier war ein guter Schauspieler, der meist selbst nicht wusste, wann er spielte und wann nicht.
Er telefonierte mit Markus Spiegel, einem der Organisatoren einer großen Kunstmesse in einem kleinen Land, in dem kaum Steuern zu bezahlen sind, die Steuerlast darüber hinaus mit der Höhe des Vermögens immer weiter abnimmt. Um der Fiktion Genüge zu tun, sagen wir mal, es handelt sich dabei um Liechtenstein. Als Aussteller blieben Javier bisher die Türen zu dieser Messe des großen Geldes verschlossen. Er durfte bisher gelegentlich zum Rahmenprogramm beitragen, in einer kleinen Begleitmesse für “Junge Kunst” die Werke seiner Künstler zeigen. Doch er wollte in die große Halle, wollte seinen Namen dort angeschrieben sehen, wollte den ihm gebührenden Platz, denn dort war der Kunstmarkt der Superlative, die wirklich wichtigen Kontakte. Das war es, was er verdiente, fand Javier. Markus Spiegel fand das nicht.
Markus Spiegels Aufgabe war es,  rund um den Globus zu fliegen, um die Liechtensteiner Messe für zeitgenössische Kunst zu bewerben, ihr ein Gesicht zu geben. Der Job war auf den ersten Blick spannend, in der Realität jedoch eintönig und langweilig. Auch ihm halfen Pulver und Substanzen über Jetlags hinweg, machten langweilige Partys interessanter, nahmen ihm seine Schüchternheit, denn er litt seit kleines Kind unter seiner Haarfarbe und gaben ihm das Gefühl einer weltmännischen Eloquenz.
Javier und er unterhielten sich zunächst geraume Zeit über maßgeschneiderte Anzüge und wo sie besser zu ordern seien. Javier hatte ganz gute Erfahrungen in Bangkok gemacht, als er aber merkte, Markus Spiegels Vorliebe tendiere nach Hong Kong schloss er sich an. Im Anschluss wurde die Frage erörtert, ob Sushi noch ein zeitgemäßes Gericht sei, da inzwischen jeder Sushi aß. In Ermangelung exotischer kulinarischer Alternativen, die den beiden auch genießbar schienen, einigten sie sich darauf, man müsse damit leben, in Sushi-Restaurants auch einfachen Menschen zu begegnen. Sie fanden ihre Arroganz lustig.
Javier empfahl ein gutes griechisches Restaurant.
Markus Spiegel lachte. “Du ist griechisch? Hätte ich nicht gedacht.”
Javier fühlte sich persönlich beleidigt. Wut kochte in ihm hoch. Er lachte mit, knabberte dann an seinem Nagelbett bis es anfing zu bluten. Markus Spiegel führte aus, warum er griechisches Essen nicht mochte. Javier stimmte schließlich zu. Er versuchte das Thema zu wechseln und kam auf Liechtenstein.
“Das wird ein ganz großes Ding dieses Jahr, fantastisch!” Fünf Minuten dauerte es, bis Markus Spiegel ausgeführt hatte, warum die große Kunstmesse in Liechtenstein just in diesem Jahr ein noch größeres Ereignis werden würde als die vom letzten Jahr, die auch schon als Singularität im Kosmos angekündigt worden war. Weitere drei Minuten brauchte es, und Javier hatte verstanden, er wäre auch dieses Jahr nicht mit von der Partie.
Markus Spiegel hatte während ihres Gespräches mehrfach die Nase hochgezogen. Javier wusste warum. Und er wusste auch, warum er sich so unterlegen fühlte.

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