Javier 9

Javier verschickte eine Email und rieb sich anschließend die Hände. Mit dem Absenden hatte er ein Bild von Daniel Mersiowsky verkauft. Innerhalb eines Jahres war der Wert seiner Bilder um beinahe dreißig Prozent gestiegen.
Javier beglückwünschte sich zu seinem guten, treffsicheren Geschmack. Dabei hatte er gar keinen. Die Künstler und Werke, die er in den vergangenen Jahren gezeigt hatte, waren ausgesprochen heterogen. Eine Linie, eine für Javier typische Ästhetik, ein eigener Blick, all das fehlte Javier. Durch seine jahrzehntelange Kokserei hatte er lediglich sein Auge für Perfektion geschärft. Komplexität und Vielschichtigkeit waren ihm jedoch unzugänglich.
Javies Erfolg als Galerist hatte überhaupt nichts mit seinem ästhetischen Empfinden zu tun. Dieses fehlte ihm gänzlich, seine ganz rudimentäre Anlage hierzu hatte er im Lauf der Jahre im Alkohol ertränkt. Javier kannte das Gefühl des Ergriffenseins ebenso wenig wie das erfurchtsvolle Erstaunen über das Erhabene. Er hatte keinen Zugang zu all jenem, was man mit Kunst verbindet. Sein Erfolg wurzelte in ganz anderen Zusammenhängen. So wie Javier kein Empfinden für Kunst hatte, so ausgeprägt war sein Gespür für Märkte und deren Bedürfnisse.
Mangel war zum Beispiel ein Wert, den Javier bereitwillig im Überfluss zur Verfügung stellte. Die von ihm vertretenen Künstler hatten viel freie Zeit, denn die Anzahl ihrer Werke musste knapp gehalten werden. So ließ sich das Interesse und damit der Wert steigern. Für die Auswahl der Käufer zählte für Javier nur deren Bedeutung in der Kunstszene. Diese Sammler genannten Käufer konnten sich auf die Arbeit von Javier verlassen, denn er war ein beinahe sicherer Garant für Wertsteigerungen. Mit anderen Worten, sobald Javier ein Werk der Kunst in die Hände bekam, ergriff das Kunsthafte darin so schnell wie möglich die Flucht. Übrig blieb ein Investmentool. Wie die marktkonforme Demokratie der Demokratie, der marktkonforme Sport dem Sport, so schadete diese marktkonforme Kunst freilich auch der Kunst, würdigte sie herab zu einem Mittel zum Zweck und dieser Zweck war die Vermehrung von Geld.
Javier war kein Kunsthändler. Er war mit dem, was er tat, ein kleines Rädchen in einer großen Maschine der Umverteilung von unten nach oben. Er schuf kleine Investmentblasen, die alle drei bis vier Jahre platzten. Dann waren die Werke plötzlich nichts mehr Wert, hatten aber ihren Zweck bis dahin sehr gut erfüllt. Sie hatten Leuten, die Zugang zu billigen Geld hatten, exorbitante Gewinne gebracht. Man musste nur wissen, wann es Zeit war, abzuspringen. Den inneren Kreis seiner Kunden versorgte Javier mit den entsprechenden Informationen. Wenn er die Lust an einem Künstler verlor, wusste er das zu lancieren. Davor wurde der ganze Kram aus seinem schlecht organisierten Lager schnell noch verscherbelt und dann rief Javier zum nächsten Hype.
All dies unternahm Javier ganz unbewusst. Ihm war, als ergäbe es sich so, weshalb er sich gegenüber auch problemlos die Illusion von seinem untrüglichen Gespür und guten Geschmack aufrecht erhalten konnte. Doch selbst wenn Javier diese Mechanismen alle durchschaut hätte, Skrupel hätte er keine bekommen, denn er fand, er verdiene mehr als alle anderen. Javiers Gier war unermesslich. Damit war er der perfekte Handlanger in einer Zeit, die die Gier zur Tugend erklärt hatte. Javier war ein Emporkömmling aus der dritten Welt, der sich den Reichen der ersten Welt zur Vermehrung von deren Wohlstand ohne Würde und Stolz andiente. Im Geiste würde er immer arm bleiben. Das Materielle war alles für ihn, auch wenn er nicht wusste, wie man Geld in Lebensqualität wandelte. Das Ausmaß von Javiers geistiger Armut war erschreckend. Der Kunstmarkt und einige gewiefte Akteure profitierten davon.

 

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