Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden.

Vorbemerkung

Ziemlich sauer auf meinen Sportverein habe ich diesem den Rücken gekehrt. Dadurch habe ich jetzt wieder deutlich mehr freie Zeit, die gefüllt werden will. Es kam daher sehr gelegen, dass ein Freund, den ich noch aus Frankfurt kenne, und der inzwischen nach Berlin gezogen ist, Interesse hatte, unseren Lesekreis wieder aufleben zu lassen. Ich hatte das hier immer mal wieder eigenständig versucht, aber es dümpelte so leidlich vor sich hin, ohne wirklich befriedigend zu sein.
Damals dort in Frankfurt trafen wir uns mit drei weiteren Freunden alle zwei Wochen zum Lesen komplexer Texte. Darunter waren Texte von Martin Heidegger, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Immanuel Kant, Slavoj Zizek, Jacques Derrida, Elmar Altvater, Theodor W. Adorno, und noch einige andere Autoren. Mit anderen Worten,  unseren kleinen philosophischen Salon gab es einige Jahre.

Es war unser ganz privat geführter Kampf gegen die Verblödung.

Genau das lassen wir wieder aufleben. Wir lesen gleichzeitig in zwei deutschen Städten philosophische Texte und tauschen uns darüber aus. Das Internet macht’s möglich. Wir behalten auch den Ablauf bei. Der ist gut erprobt und fruchtbar. Neunzig Minuten Textarbeit, danach Bier. Ob die größeren Erkenntnisse vor oder nach dem Bierkonsum stattfinden, darüber führen wir keine Statistik, aber ich habe eine Vorstellung.  

Den Anfang macht wiederum ein Text von Immanuel Kant. Wir beschäftigen uns nun in den nächsten Monaten alle zwei Wochen mit der kleinen Schrift “Zum ewigen Frieden”.

Ich hoffe, dadurch vermeiden zu können, was den sportlichen Herren in meinem Verein passiert ist. Die blieben nämlich in einer Struktur aus Idiosynkrasie, Vorurteil, schlichtem Denken und ganz plumpem Rassismus stecken und behaupten mit Vehemenz die Wahrheit ihrer Torheiten. Deutsche Mittelschicht eben. Den einen ist es der Moslem, der Angst einflößt, über Juden dürfen wir nicht mehr herziehen, was viele schade finden und es daher nur noch hinter vorgehaltener Hand tun; in meinem Fall war es das Vorurteil gegenüber dem primitiven Russen, dem ewig schreckliche Ivan, der mich aus dem Sportverein trieb. Russophobie wird in Deutschland seit nunmehr hundert Jahren von Generation zu Generation vererbt und ist fester Bestandteil deutscher Vorurteilskultur, völlig resistent gegen Fakten, Entwicklungen und historische Veränderungen. So Resistent wie deutsche Austeritätspolitik gegen die Fakten ihres Scheiterns ist.

Sei’s drum.

Ich werde versuchen, hier jeweils eine Zusammenfassung unserer Lektüre einzustellen. Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Reclamausgabe.  

 

Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Erster Abschnitt welcher die Präliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten enthält (S. 3-9)

In diesem einleitenden Teil benennt Kant sechs Vorbedingungen, die die Grundlage für einen ewigen Frieden bilden, wobei er anfügt, ewiger Friede sei ein Pleonasmus, also eine Doppelung. So etwas wie der Ausdruck “ein großer Riese” oder “blonde Blondine”. Frieden, einmal hergestellt könne nur ewig sein, denn alles andere wäre eben kein Zustand des Friedens, sondern höchstens eine Waffenruhe.

Die sechs Vorbedingungen formuliere ich hier in zeitgenössischer Sprache:

  1. Kein Friedensabkommen darf auf ein Wiederaufflammen von Konflikten angelegt sein.
  2. Kein Staat kann von einem anderen durch einen ökonomischen Vorgang erworben werden.
  3. Stehende Söldnerheere, also Armeen wie die Bundeswehr oder die Armee der Vereinigten Staaten müssen abgebaut und mit der Zeit aufgelöst werden.
  4. Staatsschulden dürfen nur im Hinblick auf den Erhalt, Auf- und Ausbau von Infrastruktur jedweder Art und Abfederung von Krisen, nicht aber zur Aufrüstung gemacht werden.
  5. Kein Staat darf sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates einmischen.
  6. Im Falle eines Krieges muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden, um durch übergroße Grausamkeit nicht jedes Vertrauen in einen künftigen Friedensschluss unmöglich zu machen.

Interessant ist, dass Kant dem Staat den Status eines Subjektes zuschreibt. Für den Staat gilt damit der von Kant in seinem  mit „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ überschriebenem Vorwort zur “Kritik der praktischen Vernunft” entwickelte kategorische Imperativ. Dieser lautet in seiner grundlegenden Fassung: “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.” Der Staat ist demzufolge ein vernunftbegabtes Subjekt, denn nur für vernunftbegabte Subjekte besitzt das höchste moralische Gesetz, der kategorische Imperativ Gültigkeit.

Mit dieser kurzen Einleitung ist auch unmittelbar deutlich, wie aktuell dieser Text Kants auch nach über zweihundert Jahren noch ist. Wenn man den Begriff Leitkultur benutzen möchte, dann sind hier mit Sicherheit die Schriften Kants  und des Deutschen Idealismus mit einzuordnen. In ihnen findet sich die Gedanken- und Vorstellungswelt, die für uns heute Gültigkeit hat und an der wir uns messen wollen und messen lassen müssen.

Daher ist es nur legitim Kant als Maßstab an die aktuelle Politik anzulegen. Da ist dann auch hier nach dieser kleinen Einleitung unmittelbar offensichtlich: Die Politik der Bundesregierung verstößt gleich Mehrfach gegen alle sechs der hier genannten Vorbedingungen.
Und es geht sogar noch weiter. In einer schon wirklich dreist zu nennenden Verkehrung benutzt der CDU-Abgeordnete und Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses Norbert Röttgen Kants Schrift “Zum ewigen Frieden” für die Legitimation des Einsatzes der Bundeswehr in Syrien. Entweder er hat Kant grundlegend nicht verstanden, oder Röttgen ist grundlegend zynisch.

 

Fortsetzung folgt.

 

3 Gedanken zu „Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden.

  1. Behrens Joerg

    Hallo Gert , habe zwar viel zu tun aber vielleicht kann man eurem Kreis beitreten , habe Ideen und würde gerne darüber reden oder mal sehen ob es harmoniert Liebe Grüße Jörg / schön von Dir wieder mal zu hören .

    Antwort
  2. wolfgang

    Sehr geehrter Herr Ungar!

    Seit einiger Zeit bin ich stiller Leser auf Ihrem Blog. Dieser Aufsatz zu Kant und Röttgen macht mich ganz zappelig, ich kann nicht ruhig bleiben, muss meinen Beitrag los werden. Zumal er den Zustand unserer Welt in vielfältiger Weise berührt. Und auch zeigt, dass sich geschichtliche Prozesse so lange in den immergleichen destruktiven Bahnen abspulen, bis wir Menschen unser Fehlverhalten endlich gelernt haben und unser Verhalten dementsprechend anpassen.

    Die Problematik mit den Medien ist so neu nicht. Einer der wichtigsten Kritiker von Presse und Journalismus kommt in der heutigen Debatte eigentlich nicht vor: Karl Kraus.

    Ihre Lesegruppe und deren Intention finde ich großartig. Ja, auch der Text von Kant hat nichts von seiner Aktualität verloren.

    Und dann erinnerte ich mich an meine Suhrkampausgabe von Karl Kraus von 1988, dem Band „Weltgericht II“. Dort schreibt er auf S. 92 – 93 „Ein Kantianer“ – „Kant“. Sie sehen, Röttgen hat keinen Anspruch auf Originalität.

    Antwort

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