Die Kynast-Dialoge. 3. Teil

Die steile These Kynasts war im voraufgegeangenen Tweet, Schwule und Lesben hätten in Russland keinen freien Zugang zu Kunst und Literatur. Spätestens hier muss auffallen, wie verschroben und absurd die Sicht Kynasts auf Russland ist. Hier wird deutlich, dass hier eben kein Journalist unabhängig und möglichst unvoreingenommen berichtet, sondern dass hier jemand für sich und sein Publikum eine virtuelle Realität zusammenzimmert, die einem ideologisch geformtem Weltbild entspringt, das sich aus Ressentiments speist und Ressentiments bedient.

Denn wie soll die Verweigerung eines Zugangs zu Kunst und Literatur für Schwule und Lesben funktionieren? Wird da die sexuelle Orientierung am Eingang des Bolschoi Theater abgefragt? Muss man einen Fragebogen zu sexuellen Präferenzen ausfüllen, wenn man in die Ermitage möchte? Das ist natürlich alles völliger Humbug.

Ein Blick in die russische Pop-Kultur genügt, um darüber hinaus zu erkennen, dass auch die Kunst- und Kulturschaffenden nicht nach möglichst heterosexueller Orientierung ausgewählt werden. Es ist viel ziemlich queer, was im russischen Pop passiert.

Es lohnt also ein weiterer Blick auf die vorgetragenen Thesen unseres Hauptstadtkorrespondenten. Natürlich stimmt es nicht, dass Schwulen und Lesben staatliche Schutz verwehrt wird. Richtig ist: Es wird ihnen kein besonderer Schutz in Form eines Antidiskrimnierungsgesetztes gewährt. Ich will hier nicht die besondere Problematik dieses Gesetzes diskutieren, auch nicht, ob es tatsächlich klug war, ein solches Gesetz zu verabschieden, ob man es überhaupt braucht. Zur Kenntnis nehmen sollte man jedoch, dass dieses Gesetzt vielfach diskutiert und aus guten Gründen nicht ausschließlich positiv bewertet wird.

Was aber für Russland genau wie für andere Rechtsstaaten auf jeden Fall gilt, ist, dass keine gesellschaftlichen Gruppen vom Schutz durch das Gesetz ausgenommen sind. Es ist grober Unfug, was Kynast hier behauptet.

Auch die Sorge um die Anerkennung der sexuellen Orientierung bei Kollegen ist merkwürdig verschroben. Ob das Verständnis für meine sexuelle Orientierung bei meinem Kollegen stark  oder weniger stark ausgeprägt ist, weiß ich in meinem eigenen Fall nicht zu sagen,. Ich informiere meine Kollegen im Allgemeinen darüber nicht, frage ihr Verständnis daher auch nicht ab.  Ich möchte auch von meinen Kollegen nicht im Detail über ihre sexuellen Orientierungen und Vorlieben informiert werden. Es gibt da Ausnahmen, die sich durch eine besondere persönliche Nähe ergibt. Allgemein gilt jedoch, dass ich mit den sexuellen Wünschen und Begehren meiner Kollegen und Kolleginnen bitte nicht belästigt werden möchte. Es könnte durchaus sein, dass ich dafür kein Verständnis habe, weil ich die sich daraus ergebende Lust nicht nachempfinden kann.

Sexualität ist privat und intim. Sexualität ist gerade das Element menschlichen Verhaltens, wodurch das Private vom Öffentlichen abgegrenzt wird. Das gilt in Russland ebenso wie bei uns. Es ist eine anthropologische Konstante, die sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte zieht.

Da hat Herr Kynast seinen Foucault entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Für das Vorhandensein dieser Grenze Putin oder den russischen Staat verantwortlich zu machen, zeugt daher entweder von einer völligen Verkennung und Verblendung gegenüber der Natur menschlicher Existenz oder ganz einfach von niedriger Absicht, davon von Russland etwas einzufordern, was gar nicht eingelöst werden kann.

Der Rechtsstaat kann Gesetze machen, die seine Bürger schützen. Er kann keine Gesetze machen, die Verständnis erzwingen.  Die Gedanken sind frei. Tut er es doch, bewegt er sich ganz zügig Richtung Totalitarismus und Diktatur.  Aber genau das fordert Kynast. Der russische Staat soll sicherstellen, dass alle Bürger Russlands für die sexuellen Begehren aller anderen Bürger Verständnis haben müssen. Mit Verlaub – so eine Forderung ist an Schwachsinnigkeit, vor allem aber an Freiheitsfeindlichkeit nicht zu überbieten. Kynast fordert Gedankenpolizei und Gesinnungskontrolle.

Diese Forderung eignet sich aber auch, gerade weil sie auf ewig unerfüllbar bleiben muss, wunderbar zur Agitation und Propaganda. An der vollständigen Kontrolle der Gedanken ihrer Bürger ist noch jede Diktatur gescheitert. 

Es muss freilich jeder für sich selbst entscheiden, wo er Kynast einordnen möchte. Ist er einfach nur nicht gerade das hellste Gestirn am Journalisten-Firmament oder ist er ein ausgemachter Propagandist? Alle Mischungsverhältnisse dieser beiden Varianten sind natürlich ebenfalls denkbar.

4 Gedanken zu „Die Kynast-Dialoge. 3. Teil

  1. Thom Ram

    SIE ziehen derzeit alle Register, um die Bevoelkerung des sogenannten Westens gegen Russland aufzuhetzen. SIE, damit meine ich die dort ganz oben, die Treiber, die Gigaprofitierenden (in Sachen Geld und sogenannter Macht).

    Was mich immer noch erstaunt, ist die Anzahl derer, welche sich fur SIE prostituieren. Das faengt an mit Tuersteher beim Bundestag und Chefmechaniker fuer die schwarzen Karossen, und endet beim General und Bundesjurist und Obergeheimdienstler, und Showmaster und Bundessprecher (der immerhin permanent roten Hals hat, wenn er wie gewohnt luegt wie gedruckt) der Lug Trug Ausbeutung durch sein Tun weiter funktionieren laesst. So n kuehner Ast gehoert dazu.

    Ach, in all ihren Haeuten moechte ich nicht stecken.

    Praeg ma n Wort.

    Ehrenvoll im Knast ist bess’res Los
    als IHNEN dienen mit voll Hos‘.

    Womit ich nicht dem Kampf GEGEN das Wort spreche.
    Es gibt ein Bild. Die Menschen, unten in der Pyramide, sie gehen einfach weg. Alles, was oben war, kracht zusammen.

    Das Weggehen vollzieht sich aeusserlich mit zeitlicher Verschiebung. Vorausgehen muss das innerliche Weggehen. Das bedeutet Verzicht in vielerlei Hinsicht. Das bedeutet Bereicherung in vielerlei Hinsicht.

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  2. Thom Ram

    Vergass.
    Gerd. Ich wuensch dir ein feurig gutes 07 (2019). Und allen Lesern hier auch. Ich wuensche es auch denen, welche als Feinde auftreten, ihnen im Sinne von…kommt zu Besinnung und kommt zu vitaler Lebensfreude, innerlich gegeben.

    Antwort
  3. Frau Katrin

    Eine Trennung zwischen Öffentlichem und Privatem, insbesondere sexuellen entwickelt sich in Deutschland ja schon langsam wieder zu einem erstrebenswerten Ziel. Wenn Eltern nicht mehr bestimmen dürfen, wann ihre Kinder mit sexuellen Themen in Berührung gebracht werden (sexuelle Früherziehung in der Grundschule) sehe ich diese Trennung in Deutschland leider aufgehoben. Danke Gert für deine Arbeit! Und dabei ist es nun doch gut von deinen Vorlieben zu wissen. Deine Entgegnungen auf diese vermeintlichen „Freiehitskämpfer“ sind dann eben doch ganz besonders glaubwürdig.

    Antwort

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