Archiv der Kategorie: Kynast-Dialoge

Die Kynast-Dialoge. 8. und letzter Teil

Die hier aufgestellte These lautet, dass Kynast nur ein Symptom, eine Erscheinungsform ist, deren Ursache wesentlich tiefer liegt. Ja, Kynast ist ein schlechter Journalist. Er berichtet einseitig, glänzt durch breites Unwissen hinsichtlich der Themen zu denen er sich äußert, reagiert dagegen mit erstaunlicher Überheblichkeit, wenn man ihm das nachweist. All das, was man im Allgemeinen mit dem Wort Journalismus bezeichnet, erfüllt Kynast nicht. Er kann noch nicht einmal zuhören, sich selbst einen Moment zurücknehmen. Alles gerinnt ihm zu sich selbst.

Mit dieser durchweg narzistischen Struktur ist er allerdings nicht allein. Der deutsche Journalismus ist durchzogen von Personen, die Journalismus als Mittel zur Selbstdarstellung verstehen. Schlimmer noch, sie sehen sich in eine Hierarchie gestellt, fühlen sich gegenüber Zuschauern und Lesern überlegen, leiten aus ihrer Profession gar den pädagogische Auftrag der gesellschaftlichen Formung ab, wie uns Anja Reschke neulich wissen ließ.

Eine unglaubliche Anmaßung, die das journalistische Bemühen um Wahrheit durch Belehren im Sinne der Herrschenden und ihrer Narrative ersetzt. Reschke irrt, wenn sie meint, der aktuelle Journalismus würde die Vielfalt der Meinungen befördern. Im Gegenteil verengt er sie, denn das System, dem er sich verpflichtet fühlt, ist in einer tiefen Krise.  Das System zerfällt. Also macht der Mainstream das, was er in dieser Situation historisch immer gemacht hat: Er wird zur Propaganda. Er wähnt sich auf der richtigen Seite und wird entsprechend ein-seitig.

Der deutsche Mainstream-Journalismus ist als Journalismus gescheitert. Herausragendes Beispiel hierfür ist der neoliberale Umbau der Republik, der von den großen Verlagshäusern affirmativ begleitet wurde. Dabei war all das absehbar, was heute bittere Realität ist: Die Spaltung der Gesellschaft, der zunehmende Unterschied zwischen Arm und Reich, die Politikverdrossenheit der abgehängten Teile der Bevölkerung, die mit der vorgeblichen Alternativlosigkeit der neoliberalen “Reformen” gezüchtet wurde. Wenn Politik zu zentralen Themen wie der Ökonomie keine Alternativen bietet und der Journalismus das nicht infrage stellt, sondern sich als Mittler und Mediator versteht, der dem Rückbau sozialer Errungenschaften den Weg bereiten soll, dann ist er keiner. Es gibt natürlich Alternativen zur Alternativlosigkeit des Neoliberalismus. Wir verfügen über das Wissen, Ökonomie so zu steuern, dass sie weitgehend frei von Krisen zunehmenden Wohlstand für alle ermöglicht. Der deutsche Journalismus bildet den Diskurs hierzu nicht ab, sondern schlägt sich affirmativ auf die Seite des neoliberalen, gegenaufgeklärten Umbaus westlicher Gesellschaften.

Die Behauptung Kynast, dass Vertreter einer anderen Sichtweise kämen sehr wohl zu Wort, ist nicht völlig falsch. So durfte der Ökonom Heiner Flassbeck auf Deutschlandfunk ein wenige Minuten dauerndes Interview  zu deutschen Überschüssen und dem Handelskrieg mit den USA geben, bei dem der Redakteur offensichtlich parteiisch eine Sichtweise vertritt, während andererseits neoliberale Positionen und das Diktum der Austerität praktisch zur Dauerbeschallung durch den Mainstreams gehören.

Auch bei geopolitischen Themen ist der Mainstream an Einseitigkeit nicht zu überbieten. Daher ist der Begriff “Propaganda” durchaus gerechtfertigt. Es ist eben nicht so, dass einzelne Beiträge ein verzerrtes Bild zeichnen. Es ist der Mainstream in seiner Gesamtheit. Wie die aktuelle Auseinandersetzung um eine Sendelizenz für RT Deutsch zeigt, wird der Mainstream alles tun, damit dieses einseitige Bild erhalten bleibt. Der deutsche Journalismus selbst entwickelte sich damit zum Feind der Demokratie, denn ein breites Spektrum an Informationen und Meinungen ist zu deren funktionieren unabdinglich. Genau das aber wird von den Vertretern des deutschen Journalismus versucht zu verhindern.

Aktuell wird wieder mal Tschetschenien und die angebliche Verfolgung von Schwulen durch das mediale Dorf getrieben. Die Geschichte ist vorn und hinten nicht stimmig. Ich habe auf RT dazu ausführlich geschrieben. Das findet natürlich keine Beachtung, obwohl meine Recherchen dazu gründlich und sauber waren. Es findet schlicht keinen Eingang in die Berichterstattung. Dabei ist es eigentlich eine gute Nachricht die besagt: “Hey, freut euch. Es hat keine Opfer gegeben, die Geschichte ist falsch.”

Doch die Geschichte von den verfolgten und ermordeten Schwulen in Tschetschenien wird auf die Ebene der Giftgasangriffe Asaads gegen das eigene Volk gehoben. Beides findet alle paar Monate ausschließlich in den Medien statt und hat keinen Bezug zu den Fakten, dient lediglich der Beeinflussung und Lenkung der öffentlichen Meinung. Es wird Hass gezüchtet. 

Leute wie Kynast machen da munter mit. Sie wären gar nicht da, wo sie sind, würden sie sich dem verweigern oder auch nur korrigieren wollen. Der deutsche Journalismus hat ein strukturelles Problem und ist in sich auch nicht reformfähig. Er verengt die Meinungen und Sichtweisen, wo er sie doch erweitern sollte.   

Was kann man tun? Nun man sollte sich selbst vertrauen. Gibt es in der eigenen Erfahrungswelt irgendetwas, das dem entspricht, was der Mainstream einem Glauben machen möchte?  Sind die Informationen konsistent, passen sie zueinander? Sind sie logisch? Was ist das Motiv? Dient die Information tatsächlich der Information oder der Emotionalisierung?

Dann sind wir wieder bei den Werten der Aufklärung, von denen sich der deutsche Journalismus weitgehend verabschiedet hat. Wie Kant sagte: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.” Leute wie Kynast werden das für uns nicht besorgen. Wir müssen es selbst tun. Jeder Medienkonsument für sich.  

Die Kynast-Dialoge. 7. Teil

Es geht in dieser kleinen Reihe zwar vornehmlich um den ZDF-Hauptstadtkorrespondenten Kynast, allerdings ist er lediglich ein Symptom. Dass ich mich ausgerechnet mit ihm auf Twitter zu einigen Themen gestritten habe, ist eher Zufall. Es liegt zum Teil daran, dass er sich meiner Themen angenommen hat. Er sprang auf Diskussionen auf, an denen ich teilgenommen hatte oder er kommentierte Texte, die ich geschrieben und RT Deutsch veröffentlicht hatte.

So gesehen hätte es auch jeder andere Journalist des Mainstreams sein können, denn Kynast ist natürlich nur ein Erscheinungsform einer Problematik, genauso wie Atai, Lielischkies, wie Claus Kleber Ausdrucksformen einer Krise sind.

“Die Berichterstattung des ZDF ist zu zentralen Themen einseitig und grottenschlecht”, schrieb ich in einem Thread und prompt sprang Kynast uneingeladen in das Thema hinein. Das darf er freilich tun, Twitter ist genau dafür da. Später war er mir dann allerdings vor, ich würde ihn stalken. Nun ja, das sind dann so die kleinen Unterschiede zwischen Eigenwahrnehmung und Fakten, mit denen man sich wohl abfinden muss.

Sei’s drum. Die Berichterstattung des ZDF ist zu zentralen Themen einseitig und grottenschlecht, wiederhole ich hier gerne noch einmal. Und nicht nur die des ZDF. Die gesamten GEZ-finanzierten Sender versagen regelmäßig zu den großen Themen. Bei Geopolitik und ökonomischen Themen sind sie durchzogen von Ideologie getragener Einseitigkeit. Das ist inzwischen gut belegt und dokumentiert. Die Publikumskonferenz hat das für unter anderem die Themenbereiche Griechenland, Ukrainekrise, Syrien und dankenswerterweise hier zusammengetragen. Die Literatur zum Versagen und der Einseitigkeit von Medien wird immer größer und umfangreicher. Die Analyse eines Phänomens ist in vollem Gange, das eigentlich gar nicht auftreten sollte, schließlich ist das System der öffentlich-rechtlichen Medien aufgrund der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus entstanden. Es sollte die Unabhängigkeit der Berichterstattung gewährleisten und Einseitigkeit und Propaganda verhindern. Das ist offenkundig nicht gelungen.

Es reicht eben nicht, die Rechtsform zu ändern, es bedarf mehr. Tatsächliche Repräsentation der Zuschauer in den Rundfunkräten. Berichtspflichte Rundfunkräte, welche die kritische Begleitung des Programms zu dokumentieren haben, sowie die vollständige Trennung der Sendeanstalten von der Einfluss-Sphäre der Politik sind nur einige Maßnahmen, die notwendig erscheinen, um dem Ideal einer tatsächlich unabhängigen Berichterstattung etwas näher zu kommen.

Der derzeitige Journalismus benutzt verbindlich Begrifflichkeiten, die er vielfach direkt aus der Politik übernimmt. Wer sich nicht daran hält, hat keine Chance auf die Publikation seiner Texte. Wer nicht von Annexion der Krim spricht, ist draußen. Dabei ist es völkerrechtlich mehr als nur fraglich, ob die Krim tatsächlich von Russland annektiert wurde. Journalistisch richtig müsste es daher immer heißen: “Die Eingliederung der Krim in die russische Föderation, die aus politischen Gründen von zahlreichen Ländern als Annexion bezeichnet wird.” Das ist natürlich ein bisschen lang, aber einfach immer und vor allem durch alle Publikationen des Mainstreams hindurch gleichförmig von Annexion zu sprechen ist… nun ja: Propaganda. Man könnte das für zahlreiche andere Begriffe nachzeichnen: Regime, Reform, Generationengerechtigkeit, Staatsschuldenkrise, und und und. Es herrscht eine gleichförmige, unkritische Verwendung von Begriffen,  oftmals direkt direkt aus der Diktion der Politik oder von einflussreichen Lobbygruppen übernommen, die dadurch höchst fragwürdig und somit Ausdruck einer journalistischen Krise sind.

Mit dieser Gleichförmigkeit im Wording zwingt der deutsche Mainstream Journalisten systemisch zum Geschichten erzählen, denn die Wirklichkeit hat mit dieser einförmigen Begrifflichkeit nichts zu tun. Journalismus müsste, will er tatsächlich einer sein, einen Streit um Begriffe austragen. Das tut er aktuell nicht. Mit einem für alle Journalisten des Mainstreams verbindlichen Wording schafft der Journalismus ein Gerüst in dem sich die Nachricht aufzuhalten hat. Das macht Relotius eben nicht zur Ausnahme sondern zur Regel.

Es ist nun fast schon tragisch zu nennen, dass ein aufgrund seiner Biographie sehr DDR-kritischer Journalist wie Kynast systemisch nun ausgerechnet dazu gezwungen wird, das zu machen, was er an der DDR vehement kritisiert und ablehnt: Propaganda. Was ein wenig beruhigen mag, ist, dass er es selbst nicht durchschaut und sich auf der richtigen Seite wähnt. Es geht ihm also gut dabei. 

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Die Kynast-Dialoge. 6. Teil

Es mag vielleicht notwendig sein, einen kleinen Blick in das journalistische Oeuvre unseres Qualitätsjournalisten zu werfen. Im Sommer war er in Russland und hat eine kleine Serie für das zdf erstellt. Unter dem recht narzistischen Titel “Kynast, Kreml, Kaviar” erarbeitete er eine kleine Reihe über die WM-Spielstätten.

Die Reihe ist genauso peinlich wie der Titel verspricht. Kynast wertete diese kleine Oberflächlichkeiten mir gegenüber übrigens als tiefere Auseinandersetzung mit der russischen Kultur.  Tiefere Auseinandersetzung nach seinem Verständnis läuft dann wohl so: Man recherchiert im Internet einen deutsche Sprachschule in einem WM-Austragungsort, macht mit den Sprachschülern und der Lehrerin ein paar Kurzinterviews und glaubt dann, irgendetwas Substantielles zum Land sagen zu können. Eine bessere Definition für das Wort Arroganz kann keine Enzyklopädie liefern.

In der besagten Folge über Samara ist viel von einer politischen Krise die Rede.  Man sollte als Zuschauer ruhig einmal versuchen herauszufinden, worin diese Krise denn besteht. Das wird nämlich mit keinem Wort erwähnt. Man weiß daher auch nicht, ob der Kynast und seine Interviewpartner überhaupt über das Gleiche sprechen. Die Krise, so erfahren wir aus dem Off, hat irgendwas mit der Annexion der Krim und den Sanktionen zu tun. Dass die russischen Interviewpartner vermutlich ziemlich protestieren würden, würden sie wissen, dass sie in einen Zusammenhang mit einer angeblichen “Annexion der Krim” gestellt würden, davon weiß Kynast ganz sicher, es interessiert ihn aber offensichtlich nicht. In Russland kommt praktisch niemand auf die Idee von einer “Annexion der Krim” zu sprechen. Dass in unseren Medien sich dieses Wording durchgesetzt hat, ist Teil der Krise. Wir werden in den nächsten Jahren sehen, dass immer weniger Länder von einer Annexion sprechen.

Und natürlich finden nicht nur die Menschen in Deutschland die Sanktionen gegen Russland ziemlich unsinnig, sondern natürlich auch die Menschen in Russland. Sie sind völlig sinnlos, einseitig und Ausdruck von Doppelstandards. Klar, dass das Deutschlandbild da leidet. Allerdings, und das ist die gute Nachricht, das Bild des politischen Deutschland. Auf der Bürgerebene funktionieren die Kontakte gut. Da ist man sich dann auch schnell darüber einig, dass Deutschland bei geopolitischen Themen eh nichts zu sagen hat und nach US-amerikanischer Pfeife tanzen muss. Das sehen die Deutschen genauso klar wie die Russen. Die Sanktionen sind Ausdruck genau davon. Sie schaden Deutschland und der EU mehr als Russland. Sie sind einer völlig verfehlten, von Abhängigkeit geprägten Aupenpolitik geschuldet und bezeugen einen Mangel an Souveränität. 

Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zum Titel: Kynast, Kreml, Kaviar suggeriert ja auch ein bisschen einen Zugang zum Kreml. Das hat der deutsche Mainstream definitiv nicht. Die Kaffeesatzleserei des deutschen Qualitätsjournalismus in Bezug auf Entscheidungen des Kreml beweist immer wieder, dass wir uns zwar unglaublich teure Büros vor Ort leisten, die aber ihrem Auftrag nicht nachkommen. Es gibt niemanden, der Zugang zu russischen Politikern und Entscheidern hätte. Das ist eigentlich einen journalistische Bankrott-Erklärung.  

Das verlinkte Video ist noch bis Ende Januar in der Mediathek zu sehen. Dann wird es entfernt. Es ist ebenfalls eine Bankrott-Erklärung, dass man zwar einen Haufen Gebühren zahlen muss, die Erzeugnisse dann aber nicht dauerhaft aufrufbar sind.

Die Kynast-Dialoge. 5. Teil

Der Qualitätsjournalist und Hauptstadtkorrespondent Kynast und ich hatten außer einer Auseinandersetzung über seine Propaganda in Bezug auf ein angeblich durchweg homophobes Russland in dem Schwulen der Zugang zu Kunst und Kultur verwehrt wird noch eine Auseinandersetzung in Bezug auf Makroökonomie, sowie die Darstellung und Bewertung von wirtschaftlichen Krisen in den Medien. Darum soll es heute noch nicht gehen. Diese Auseinandersetzung wird zu einem anderen Zeitpunkt Thema werden.

Was in dieser Diskussion jedoch für einen Moment aufblitzte, war das Selbstverständnis Kynasts. Laut Kynast bilden die Medien Debatten ab. Kynast teilte mir mit, die Debatten werden an Hochschulen geführt, in den Plenarsälen und sonst wo. Das ist natürlich irgendwie richtig. Allerdings sind diese Debatten nur dann gesellschaftlich relevant, wenn sie in den Medien erscheinen. Je breiter sie erscheinen, desto wichtiger werden sie.

Wenn in allen Zeitungen und in jeder Talkshow der Republik täglich AfD und Flüchtlinge zum Thema gemacht werden, dann ist es völlig schnurz, dass in den allermeisten Hörsälen der Republik AfD und Flüchtlinge überhaupt kein Thema darstellen. Es werden eben nicht alle Debatten gleichmäßig abgebildet, sondern nur einige und diejenigen, die abgebildet werden, werden dann noch unterschiedlich gewichtet. Die Auswahl ist auch in keiner Weise willkürlich, sondern folgt einem Muster.  Dazu muss übrigens niemand zu Herrn Kleber in die Redaktion kommen und ihm sagen, was er sagen darf und was nicht. Herr Kleber wäre gar nicht in der Redaktion wüsste er das nicht von ganz alleine.  Aus diesem Grund war das kleine Statement Klebers zu seiner Berichterstattung auch so zum Fremdschämen peinlich.  Weder Kleber noch Kynast scheinen sich jemals mit so etwas wie Struktur oder System auseinandergesetzt zu haben.

Das darf nicht sein,  das ist tatsächlich ein großes Defizit.  Denn strukturelles und systemisches Wissen gehört gleichsam zum Grundwortschatz all jener, die einen Zugang zu Themen haben wollen, die über die Berichterstattung von Einzelschicksalen hinausgehen. In den Themenbereichen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft kommt man ohne strukturelles und systemisches Denken nicht weit. Allerdings ist ja das auch genau das Problem von Kynast.

Doch noch einmal zurück zu den Debatten, die nach Kynast Medien ausschließlich abbilden: Wir hätten keine Medienkrise wäre nicht mit dem Internet eine Debatte über diese Mainstream-Debatten möglich geworden.  Plötzlich können sich die vormaligen Konsumenten breit verständigen und werden so selbst zu Akteuren. Da hat sich in den sozialen Netzwerken gezeigt, wie einseitig und unausgewogen die in den Medien abgebildete Debatte ist. Der Mainstream, also Leute wie Kynast sind auch nicht in der Lage, das zu korrigieren. Im Gegenteil so auf frischer Tat beim einseitigen Berichten erwischt, setzt dann in einer Art Flucht nach vorn die Publikumsbeschimpfung ein.  Es mangelt da an grundlegender Reflexion, ja sogar an der grundlegenden Bereitschaft dazu.

Für den Großteil der Menschen ist der Mainstream eben nicht eine abgebildete Debatte oder der Ausschnitt einer Debatte. Er ist die Debatte selbst. Das, was dort gesagt wird, ist das gesamte Spektrum der Meinungen. Darüber hinaus gibt es nichts. Und dieses Spektrum ist in Deutschland verdammt eng.

Kynast mag sich als Kind von DDR-Dissidenten irgendwie im Recht fühlen mit seinem Russland-Bashing, das er dann auch hier im Tweet wieder betreibt. Allerdings wird das den Fakten nicht gerecht. Denn die von ihm imaginierte Sowjetunion, an der er sich offenkundig immer noch abarbeitet, gibt es schon lange nicht mehr, hat es vermutlich so wie er sich das vorstellt nie gegeben. Die Breite des Sagbaren allerdings ist im gegenwärtigen Russland deutlich weiter gesteckt als in der Bundesrepublik. Es wäre schön, Kynast und die Seinen würden endlich mal im 21. Jahrhundert ankommen. Das läuft jetzt immerhin schon ein paar Jahre.

Es wäre dann noch schöner, er würde mal ganz grundlegend über Medien, ihre Macht und Bedeutung in modernen Gesellschaften nachdenken. Vielleicht reicht die Zeit eines vielbeschäftigten Hauptstadtkorrespondenten für ein bisschen Lektüre. Als Einstieg in das komplexe Thema sei dann Walter Lippmanns „Public Opinion“ empfohlen. Man muss sich auch gar nicht mehr durch die englische Sprache quälen, seit Kurzem gibt es das Werk auch auf Deutsch.

Kynast ist für einen Journalisten erschreckend naiv. Konzerne geben doch nicht deshalb Unsummen für PR und Lobbying aus, NGOs laden doch nicht deshalb kostspielig Journalisten ein, es wird doch nicht deshalb über die Besetzung der Gremien bei den Öffentlich-Rechtlichen bis aufs Messer gestritten, weil in den Medien lediglich Debatten abgebildet werden. So naiv kann doch kein Mensch sein, das zu glauben.

Aktuell finden in den deutschen Medien die China-Bashing-Wochen statt. Wer von uns weiß schon, was in China tatsächlich passiert? Wer kann nachzeichnen, wie die gesellschaftlichen Dynamiken verlaufen und wie sie sich entwickeln werden? Wer hat eine Ahnung davon, welche Diskurse in China tatsächlich geführt werden? Alles, was wir über China zu wissen glauben, erfahren die allermeisten von uns aus den Medien. Und dennoch trauen sich die meisten von uns zu, eine Meinung über China zu haben.  Trauen sich zu, authentisch empört zu sein über Zensurmaßnahmen und Umerziehungslager für Uiguren.

Doch dieses Wissen ist  vermittelt, auch wenn unsere daraus resultierende Empörung über China dann schließlich echt ist. Aber genau das ist die Gefahr.  Es geht weniger um eine wahrheitsgemäße, differenzierte Information über China. Es geht um die erzeugte Empörung. Ich wäre daher vorsichtig, denn wie sich rückblickend stets erwies, ist das vermittelte Bild absichtsvoll einseitig.

Wenn wir ehrlich sind, haben wir zu vielen Themen keine eigene Meinung. Wir plappern nur nach. Wir plappern nur nach, was Leute wie Kynast uns vorplappern.  Ich persönlich halte das für keine gute Idee.  Denn Leute wie Kynast haben oftmals schon von dem, wovon sie sprechen, keine Ahnung, folgen einfach nur dem, was opportun ist. Von dem, was sie tun und warum sie dort sind, wo sie sind, haben sie aber erst recht keinen blassen Schimmer.

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Die Kynast-Dialoge. 3. Teil

Die steile These Kynasts war im voraufgegeangenen Tweet, Schwule und Lesben hätten in Russland keinen freien Zugang zu Kunst und Literatur. Spätestens hier muss auffallen, wie verschroben und absurd die Sicht Kynasts auf Russland ist. Hier wird deutlich, dass hier eben kein Journalist unabhängig und möglichst unvoreingenommen berichtet, sondern dass hier jemand für sich und sein Publikum eine virtuelle Realität zusammenzimmert, die einem ideologisch geformtem Weltbild entspringt, das sich aus Ressentiments speist und Ressentiments bedient.

Denn wie soll die Verweigerung eines Zugangs zu Kunst und Literatur für Schwule und Lesben funktionieren? Wird da die sexuelle Orientierung am Eingang des Bolschoi Theater abgefragt? Muss man einen Fragebogen zu sexuellen Präferenzen ausfüllen, wenn man in die Ermitage möchte? Das ist natürlich alles völliger Humbug.

Ein Blick in die russische Pop-Kultur genügt, um darüber hinaus zu erkennen, dass auch die Kunst- und Kulturschaffenden nicht nach möglichst heterosexueller Orientierung ausgewählt werden. Es ist viel ziemlich queer, was im russischen Pop passiert.

Es lohnt also ein weiterer Blick auf die vorgetragenen Thesen unseres Hauptstadtkorrespondenten. Natürlich stimmt es nicht, dass Schwulen und Lesben staatliche Schutz verwehrt wird. Richtig ist: Es wird ihnen kein besonderer Schutz in Form eines Antidiskrimnierungsgesetztes gewährt. Ich will hier nicht die besondere Problematik dieses Gesetzes diskutieren, auch nicht, ob es tatsächlich klug war, ein solches Gesetz zu verabschieden, ob man es überhaupt braucht. Zur Kenntnis nehmen sollte man jedoch, dass dieses Gesetzt vielfach diskutiert und aus guten Gründen nicht ausschließlich positiv bewertet wird.

Was aber für Russland genau wie für andere Rechtsstaaten auf jeden Fall gilt, ist, dass keine gesellschaftlichen Gruppen vom Schutz durch das Gesetz ausgenommen sind. Es ist grober Unfug, was Kynast hier behauptet.

Auch die Sorge um die Anerkennung der sexuellen Orientierung bei Kollegen ist merkwürdig verschroben. Ob das Verständnis für meine sexuelle Orientierung bei meinem Kollegen stark  oder weniger stark ausgeprägt ist, weiß ich in meinem eigenen Fall nicht zu sagen,. Ich informiere meine Kollegen im Allgemeinen darüber nicht, frage ihr Verständnis daher auch nicht ab.  Ich möchte auch von meinen Kollegen nicht im Detail über ihre sexuellen Orientierungen und Vorlieben informiert werden. Es gibt da Ausnahmen, die sich durch eine besondere persönliche Nähe ergibt. Allgemein gilt jedoch, dass ich mit den sexuellen Wünschen und Begehren meiner Kollegen und Kolleginnen bitte nicht belästigt werden möchte. Es könnte durchaus sein, dass ich dafür kein Verständnis habe, weil ich die sich daraus ergebende Lust nicht nachempfinden kann.

Sexualität ist privat und intim. Sexualität ist gerade das Element menschlichen Verhaltens, wodurch das Private vom Öffentlichen abgegrenzt wird. Das gilt in Russland ebenso wie bei uns. Es ist eine anthropologische Konstante, die sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte zieht.

Da hat Herr Kynast seinen Foucault entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Für das Vorhandensein dieser Grenze Putin oder den russischen Staat verantwortlich zu machen, zeugt daher entweder von einer völligen Verkennung und Verblendung gegenüber der Natur menschlicher Existenz oder ganz einfach von niedriger Absicht, davon von Russland etwas einzufordern, was gar nicht eingelöst werden kann.

Der Rechtsstaat kann Gesetze machen, die seine Bürger schützen. Er kann keine Gesetze machen, die Verständnis erzwingen.  Die Gedanken sind frei. Tut er es doch, bewegt er sich ganz zügig Richtung Totalitarismus und Diktatur.  Aber genau das fordert Kynast. Der russische Staat soll sicherstellen, dass alle Bürger Russlands für die sexuellen Begehren aller anderen Bürger Verständnis haben müssen. Mit Verlaub – so eine Forderung ist an Schwachsinnigkeit, vor allem aber an Freiheitsfeindlichkeit nicht zu überbieten. Kynast fordert Gedankenpolizei und Gesinnungskontrolle.

Diese Forderung eignet sich aber auch, gerade weil sie auf ewig unerfüllbar bleiben muss, wunderbar zur Agitation und Propaganda. An der vollständigen Kontrolle der Gedanken ihrer Bürger ist noch jede Diktatur gescheitert. 

Es muss freilich jeder für sich selbst entscheiden, wo er Kynast einordnen möchte. Ist er einfach nur nicht gerade das hellste Gestirn am Journalisten-Firmament oder ist er ein ausgemachter Propagandist? Alle Mischungsverhältnisse dieser beiden Varianten sind natürlich ebenfalls denkbar.

Die Kynast-Dialoge. 2. Teil

Wir hatten einen Einstieg in ein Thema. Mein Lieblingsthema, denn meine persönliche, intensivere Auseinandersetzung mit Russland entzündete sich genau an der Frage, inwieweit Schwule und Lesben in Russland tatsächlich unterdrückt, verfolgt und staatlich drangsaliert werden.

Die gute, von mir persönlich immer weiter und tiefer recherchierte Nachricht ist: Es gibt keine Unterdrückung von Schwulen und Lesben in Russland. Man kann als Schwuler in Russland gut leben. Es gibt eine funktionierende Infrastruktur. Bars, Clubs, Saunen, Vereine. Es gibt keine Razzien in den Clubs, die russischen Städte zählen zu den sichersten der Welt, man wird also nicht verprügelt, weder als Schwuler noch als Hete.

Man kann als schwules Paar unbehelligt zusammen leben. Ich habe Freunde in Moskau, in Kaliningrad, in Petersburg und Archangelsk, ich weiß von Paaren in anderen Städten, die genau das tun. Man kann sich auch auf dem Roten Platz küssen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Es passiert nichts, es interessiert einfach niemanden.

Die schlechte Nachricht ist daher eine andere: Wir bekommen hier von Medien und NGOs zu genau diesem Thema einen Haufen Blödsinn erzählt. Dieser Blödsinn stachelt auf, er schafft Aggression und Hass auf Russland. Das ist kein Versehen. Diese Wut, die aufkeimt, wenn wir hören, dass Schwule einfach nur aufgrund ihrer Neigung grausam zugerichtet werden, die Nachrichten darüber, wie sie dann kein Gehör finden bei Polizei und Behörden, diese Wut die dadurch entsteht ist das eigentliche Ziel der Berichterstattung. Mit der Fake-News Berichterstattung der westlichen Medien, auch der öffentlich-rechtlichen Medien wird Hass und Widerwillen gegen die russische Regierung und gegen Russland erzeugt. Die Information von der Verfolgung von LGBT in Russland ist falsch. Die damit erzeugte Wut, die Ablehnung und Ressentiment gegenüber Russland, die sind allerdings echt.

Dieser Propaganda schließt sich unser Hauptstadt-Korrespondent natürlich an.

Das Thema LGBT ist eins der Themen, mit dem eine antirussische Grundstimmung erzeugt wird. Das zdf und Kynast machen hier fleißig mit. Kynast klärt nicht auf, er verschleiert. Mutmaßlich aus eigenem Unwissen. Das ist das, was man zu seiner Entschuldigung noch sagen kann. Er hat einfach keine Ahnung wovon er spricht, plappert vermeintliche Allgemeinplätze nach. Und er überschlägt sich in seiner Argumentation bis hinein ins Absurde.

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Die Kynast-Dialoge. 1. Teil

Ein Korrespondent des zdf kommentierte einen Beitrag von RT Deutsch auf Twitter positiv. Ich fand das erstaunlich und entschloss mich, ihm zu folgen. Was ich danach erst verstand: Diese vermeintlich positive Kommentierung konnte nur ironisch gemeint sein. Dennoch schien mir dieser neue Kontakt gewinnbringend, weshalb ich ihn aufrecht erhielt. Der Korrespondent war Andreas Kynast. Auf Twitter ist er ausnehmend aktiv, kommentiert alles und jeden, oft in ausnehmend aggressiven Ton, meist verbunden mit einem grundlegenden Mangel an Themenkompetenz. Es wird ganz schnell deutlich: Um Dialog, Austausch, Einblick in andere Sichtweisen, Verständnis – um all dem geht es ihm nicht. Es geht ihm um Durchsetzung einer bestimmten Sichtweise, die wiederum eingebettet ist in eine bestimmte Ideologie. Von dieser Ideologie, in die er eingebunden ist, die er massiv vertritt, weiß Andreas Kynast nichts. Er hält seine Welt für den natürlichen Zustand, das finale Ziel historischer Entwicklung. Einfach normal eben. Er kann seine Sicht daher auch nur sehr bedingt reflektieren.

Damit ist Andreas Kynast das, was Ulrich Teusch in seinem Buch “Lückenpresse” den “Mainstream im Mainstream” nennt. Er markiert gleichsam emblematisch den Ort journalistischen Versagens. Aus diesem Grund ist eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung geboten, lässt sich an ihr doch zeigen, was gerade in der deutschen Medienlandschaft so grundlegend schief läuft und für ein zunehmendes Unbehagen sorgt.

Beginnen will ich mit einem Text von mir, der auf RT Deutsch erschienen ist. Es geht darin um die Frage, warum es in Russland keine Gay Prides gibt. Ich habe einen Link zum Text gewittert und erhielt darauf unmittelbar eine Antwort von unserem zdf-Korrespondenten.

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Hier entspann sich dann ein Gespräch, das Diskussion zu nennen sich verbietet.

Im zweiten Teil werde ich auf den Inhalt und die Struktur des Gesprächs eingehen.