Ken Jebsen interviewt Markus Krall. Beitrag zum ökonomischen Verstehen

Am 15. 03. veröffentlichte der Kanal KenFM ein neues Video in der Reihe “Im Gespräch”. Ken Jebsen interviewt dort Markus Krall, Autor einiger Bücher. Krall ist bekennender Neoliberaler, Risikomanager, hat eine Karriere bei der Unternehmensberatung Roland Berger hinter sich und ist jetzt einer der Geschäftsführer einer Firma mit dem Namen Degussa Goldhandel, die im Namen eine Verbindung mit der renommierten Frankfurter Degussa AG suggeriert, die jedoch nicht besteht. 

 

 

Ich schätze den Kanal KenFM sehr, auch wenn die Qualität der Beiträge oft sehr stark variiert. Wenn es allerdings um Ökonomie geht, dann erleidet das Team um Ken Jebsen regelmäßig Schiffbruch. So auch hier. 

Es geht hier im Folgenden nicht darum, KenFM runterzumachen oder gar bloß zu stellen. Aber in diesem Interview ist etwas passiert, was symptomatisch ist für den ökonomischen Diskurs in Deutschland und in vielen anderen westlichen Ländern. Jemand, der als Experte ausgewiesen wird, wirft mit Nebelkerzen in Form von wenig scharf umrissenen Begriffen wild um sich, trifft auf wenig Widerspruch und fühlt sich zum – Entschuldigung – Weiterlabern animiert. Wenn es sich wahnsinnig kompliziert anhört und schwer zu verstehen ist, dann muss derjenige, der sich hier äußert, wohl über große Sachkompetenz verfügen, scheint eine verbreitete Annahme zu sein. Das ist leider oft falsch. So auch hier. 

Ich habe mir das gesamte Interview angeschaut. An zahlreichen Stellen kann man nur staunen. An vielen Stellen habe ich einfach abgeschaltet.  So sagte Ken Jebsen irgendwann zu seinem Interviewpartner Markus Krall:

“Herr Krall, das, was Sie hier gerade gesagt haben, haben wir in verschiedenen Sendungen hier auch schon besprochen. Und es ist gut, dass Sie es hier nochmal sagen, weil Sie erklären das sehr simpel, so dass jeder sagt ‘da ist was dran:’” 

In diesem Moment ist mir aufgefallen, dass ich überhaupt nicht verstanden habe, worum es gerade ging. Ich hatte irgendwie abgeschaltet. Also habe ich mir den Teil, auf den sich Ken Jebsen hier bezieht, die drei Minuten davor noch einmal angehört. Doch obwohl ich sehr aufmerksam war, habe ich wieder nicht verstanden, von was da genau gesprochen wird. Es geht irgendwie um unser Geldsystem und die Aufgabe der Banken. Aber wie das Eine mit dem Anderen Kralls Meinung nach zusammenhängt, blieb mir verborgen.

Also habe ich diesen Teil transkribiert, denn ich wollte wissen, warum ich eine anscheinend simple Erklärung nicht verstand. Außerdem kommt gerade die Corona-Pandemie zu ihrer vollen Blüte, weshalb ich Zeit habe. Daher kann ich mich meinen Interessen mit einer Gründlichkeit widmen, für die mir sonst die Zeit fehlt. 

Los geht es ab etwa 1’47’’ im Video. Ken Jebsen stellte die Frage nach dem Geldsystem und nach der Auswirkung der Nullzinspolitik auf die Wirtschaft. Krall spricht über Unternehmen, die sich am Markt nicht behaupten können. Für den eiligen Leser sei das Ergebnis hier schon vorweggenommen. Ich habe deswegen nichts verstanden, weil es dort gar nichts zu verstehen gibt. Was Krall von sich gibt ist ein wildes Potpourri aus Schlagworten aus denen sich kein konsistentes Bild, schon gar nicht eine konsistente Erklärung der Funktionsweise von Banken und Unternehmen ergibt. Ganz weit entfernt sind sie von der Erklärung eines ökonomischen System, das sich mit Leben füllen ließe. Das Gegenteil ist der Fall. 

Aber jetzt zum Transkript. 

Also: Ein gewisser Teil aller Unternehmen scheidet am Markt immer aus, weil sie den Wettbewerb nicht bestehen, stellt Krall fest. 

“Also diese Unternehmen, die haben kein Existenzrecht, wenn sie nichts produzieren, was andere brauchen.”

Das ist klar. Ein Unternehmen, das etwas produziert, was nicht nachgefragt wird, verschwindet. Wenn heute ein Unternehmen voll auf eine große Nachfrage nach Kutschen und Pferdewagen setzt, verschwindet es vom Markt, wenn es sich nicht schnell anders ausrichtet. Die Frage, wie die Nachfrage in die Welt kommt, ist damit noch nicht beantwortet, ist aber natürlich interessant. Krall meint an anderer Stelle sinngemäß, ein Unternehmer hätte eine zündende Idee und mit der trete er ins Marktgeschehen ein, was dann darüber entscheidet, ob es sich bewährt oder nicht. Das ist in dieser Verkürzung ganz sicher sehr problematisch und daher auch einfach falsch. Krall macht das an der Erfindung des IPhones durch Apple fest, vergisst dabei aber zu erwähnen, dass diese Erfindung auf das Vorhandensein von einer Infrastruktur aus beispielsweise Sendemasten angewiesen ist, für deren Aufstellung sich Apple nicht in der Verantwortung sieht. Krall lässt das außen vor, denn sonst müsste er das grausame Wort “Staat” in den Mund nehmen, und zugeben, dass in nahezu allen Ländern dieser Welt der Staat eine Infrastruktur zur Verfügung stellt, die den Erfolg von Apples IPhone erst möglich gemacht hat. Aber das nur am Rande. Zurück zu den Unternehmen.   

“Und üblicherweise gibt es auf lange Sicht Unternehmen, die ausscheiden. Und über viele Jahrzehnte haben wir das beobachtet …  fallen 1,5 bis 2 Prozent aus. Die fallen jedes Jahr aus, das ist die natürliche Rate der kreativen Zerstörung.”

Das Wort “natürlich” ist immer ein bisschen schwierig, weil es so tut, als gäbe es eine Art Urzustand unabhängig von äußeren Einflüssen. Das ist “natürlich” falsch. Es gibt immer nur dynamische Beziehungen und Systeme. Wenn jemand das Wort “natürlich” benutzt, müssen eigentlich immer sofort die Alarmglocken läuten, weil er dann einen Zustand beschreiben wird, den er für ideal und ursprünglich hält, den es aber so mit ziemlich großer Sicherheit nie gegeben hat und auch niemals geben wird. Was dann ganz oft kommt, ist eine zirkuläre Beweisführung. So auch hier bei Krall. Wenn man ganz viele Jahre zusammenrechnet, gibt es einen Durchschnitt. Ob der “natürlich” im Sinne von fest gegeben ist – ich wage das zu bezweifeln. Er hängt von vielen Faktoren und nicht zuletzt vom betrachteten Zeitraum ab. Aber es ist richtig. Im Durchschnitt eines Betrachtungszeitraums fällt pro Jahr ein gewisser Prozentsatz an Unternehmen aus. Das sagt aber nichts darüber, dass auch dieses Jahr genau dieser Prozentsatz ausfällt, denn es können ganz andere konjunkturelle Bedingungen herrschen, so dass der Prozentsatz im aktuellen Jahr höher oder niedriger liegt. Wir hatten jetzt eine recht lang anhaltende stabile Entwicklung (von Boom will ich nicht sprechen), also ist zu erwarten, dass relativ wenig Unternehmen pleite gehen. Schließlich sind wir jedes Jahr aufs Neue Exportweltmeister. Alle Medien des Mainstreams freuen sich darüber und bejubeln die “anhaltend robuste Konjunktur”. Das ändert sich zwar gerade massiv, so dass Kralls Wunsch nach “Marktausscheidern” sich bald erfüllen wird. Aber ich schweife ab. Der Begriff “natürlich” ist dessen ungeachtet schwierig.

“Das bedeutet”, lässt uns Krall wissen, “wenn diese nicht ausfallen, wenn sie künstlich am Leben erhalten werden, zum Beispiel durch Subventionen, dass dann der Wirtschaftskreislauf, das Wirtschaftsgeschehen mit immer mehr Unternehmen quasi durchsetzt wird, die ineffizient sind und unproduktiv. Und die nenne ich Zombies.” 

Aha… Gut. Es geht also nicht um die Auswirkung von Konjunktur als nahe liegende Erklärung für Pleitewellen oder eben deren Ausbleiben. Es geht um Subventionen. Wir nehmen also mit Krall mal an, es gibt Subventionen, die nicht wettbewerbsfähige Unternehmen am Leben halten. Mal schauen, was er genau mit Subventionen meint. 

“Wenn wir also Subventionen schaffen, um Unternehmen künstlich am Leben zu erhalten, dann schaffe ich Zombies. Die sollten tot sein, die laufen aber noch so rum. Und von denen haben wir immer mehr. Warum? Weil wir das größte Subventionsprogramm aller Zeiten angeschoben haben. Nämlich den Nullzins.”

Da staunt man dann jetzt aber schon ein bisschen, denn hier wird allem Anschein nach Ursache und Wirkung verwechselt. 

Aber selbst wenn man sich dem jetzt für den Moment anschließt, und annimmt, dass der Nullzins nicht konkurrenzfähige Unternehmen am Leben hält – was falsch ist – bleibt diese Gleichstellung von Nullzins mit Subvention sehr befremdlich.

Eine Subvention ist eine Leistung aus öffentlichen Mitteln an ein Unternehmen oder einen Unternehmenssektor. Senkt man beispielsweise Steuern auf ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Dienstleistung, handelt es sich um eine Subvention. Die Senkung der Mehrwertsteuer für Hotel-Übernachtungen, welche die FDP nach Erhalt einer Großspende  der Substantia AG durchgesetzt hat, zu der auch der Miteigentümer der Mövenpick-Gruppe gehört, die zahlreiche Hotels betreibt, ist eine klassische Subvention. Und es riecht auch ein bisschen nach Korruption. Man könnte auch das Aufstocken von zu niedrigen Löhnen durch staatliche Transferleistung als Subvention werten, auch wenn sich dieses Verständnis bisher noch nicht durchgesetzt hat. Deutschland ist aus verständlichen Gründen gegen eine solche Auslegung des Subventionsbegriffes in der EU. Dass man jetzt allerdings den Zinssatz der Zentralbank selbst als Subvention ansieht ist doch eine sehr fragwürdige Auslegung des Begriffes. Der Leitzinssatz ist schließlich ein Preissignal für alle Marktteilnehmer. Er begünstigt jetzt nicht eine bestimmte Branche oder gar ein einzelnes Unternehmen.  Und er ist nicht nur in der EU, sondern aktuell in allen westlichen Ländern niedrig. Er bietet also einzelnen Unternehmen gegenüber ihren Konkurrenten und Mitbewerbern keinerlei Vorteil, denn sie können zu genau den gleichen Bedingungen Kredite aufnehmen. 

Irgendwas ist hier merkwürdig. Aber vielleicht verstehe ich es auch nur falsch. Wir gehen daher etwas weiter im Text: 

“Die Unternehmen müssen im Nullzins auch keine Zinsen mehr zahlen. Und das heißt, sie müssen ihren Kapitalkosten nicht mehr verdienen. Sie können sich verschulden und überschulden, ohne dass es Folgen hat. Sie bleiben am Leben. Egal ob sie ein Produkt haben, was eigentlich erfolgreich ist oder nicht, viele von denen, die längst hätten ausfallen sollen bleiben auf diese Weise am Leben. Und so hat es dann dazu geführt, dass in den vergangenen letzten 13 Jahren, seit Beginn der Finanzkrise mittlerweile nur noch ein Viertel bis ein Fünftel der Unternehme aus dem Markt ausfallen, die früher ausgefallen sind. Also nicht mehr 1,5 bis 2 Prozent, sondern nur noch 0,4 bis 0,5 Prozent.”

“Das summiert sich”, wirft Ken Jebsen hier ein.

“Das summiert sich über die Jahre. Mittlerweile dürften es um die 15 Prozent aller Unternehmen sein, die ausgefallen wären, wenn wir den Nullzins nicht gehabt hätten.”

Jaja, die wunderbare Welt der Konjunktive. Und wenn wir einen Zins von 20 Prozent gehabt hätten, wären nahezu alle Unternehmen ausgefallen. So einen richtigen Erkenntnisgewinn gibt es bisher noch nicht. 

Aber der Reihe nach, es muss hier ein bisschen sortiert werden, denn es geht hier gerade wirklich sehr durcheinander. Die These ist, Kreditnehmer müssen keine Zinsen mehr bezahlen. Das ist falsch. Natürlich müssen Kreditnehmer egal ob sie Unternehmen oder Privatpersonen sind, immer noch Zinsen zahlen, wenn sie einen Kredit aufnehmen. Der Zinssatz ist nur im historischen Vergleich aktuell sehr niedrig. 

Dass Unternehmen ihre Kapitalkosten nicht mehr verdienen müssen, ist allerdings unglaublicher Unsinn. Krall behauptet, Unternehmen können sich neue Ausrüstung, eine neue Maschine beispielsweise kaufen und müssen sie nicht bezahlen. Selbst wenn man wie Krall unterstellt, einen Kredit zu null Prozent Zinsen aufnimmt, muss man diesen trotzdem zurückzahlen. Die Bedingungen sind nur sehr günstig. Der Unternehmer muss trotzdem immer noch überlegen, ob der Ertrag, den er mit seiner neuen Maschine erwirtschaftet, deren Kosten zumindest einfährt. Daran hat sich auch in Zeiten des Nullzins nichts geändert. Es ist mir ehrlich gesagt völlig schleierhaft, wie man so einen Unfug behaupten kann. 

Krall behauptet dann, es gibt wegen des Nullzinses zu wenige Unternehmen, die vom Markt verschwinden. In den vergangenen Jahren war die Zahl der Unternehmenspleiten tatsächlich relativ gering. Das allerdings hat nichts mit Nullzinsen zu tun, sondern damit, dass wir uns nach dem Zusammenbruch in den Krisenjahren 2007/2008 in einem recht lang anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung befanden. Es gab in der EURO-Zone wirtschaftliches Wachstum, wenn auch im internationalen Vergleich sehr geringes, weshalb die Zahl der Firmenpleiten zurückging und auf niedrigem Niveau verharrte. Es gibt bei halbwegs guter Konjunktur keine Verpflichtung zur Pleite, damit das statistische Mittel erhalten bleibt. Da staut sich auch nichts auf. Das ändert sich aktuell und wird sich in absehbarer Zukunft ganz massiv ändern, denn der ökonomische Einbruch durch den Corona bedingten Shut Down wird jedes Wachstum abwürgen. Die Unternehmenspleiten werden dann massiv ansteigen. Markus Krall wird sich freuen – endlich wieder viele “Marktausscheider”. Freuen können sich dann auch alle Wachstumsskeptiker. Kein Wachstum, nirgends. Mal sehen, wie lange die Freude anhält. 

Ken Jebsen führt dann in Bezug auf die Unternehmen an, die sich jetzt zu niedrigen Zinsen finanzieren können: “Die aber sofort ausfallen, sobald ich den Zins nochmal ein bisschen anhebe.”

Da hat er recht. Wenn man den Zins in einer ökonomisch schwierigen Situation anhebt, gehen viele Firmen pleite. Deswegen ist es aktuell nicht sinnvoll, den Zins anzuheben. Es sei denn man hat Freude am ökonomischen Sadismus.

Krall pflichtet bei: “Ganz genau. In dem Moment, in dem die Zinswende käme, würden die sofort pleite gehen. Weil, sie werden mir wahrscheinlich beipflichten, das ist wie im Sport. Wenn Sie einen übergewichtigen Menschen haben, wir hatten vorhin ja über den Zucker gesprochen, dann wirkt die Subvention so, dass sie sagen, der Zucker wird billiger. Ja? Aber da werden Sie keinen Schlanken davon machen. Also der wird nicht schlank werden dadurch, dass Sie den Zucker subventionieren. Indem Sie ihm Zucker und Fett geben wird es also nicht funktionieren. Und dass das bedeutet, wenn Sie das mal wegnehmen, dann kollabiert das System. Also wenn Sie die Zinsen jetzt tatsächlich erhöhen würden, dann haben Sie diese Unternehmen alle und die sind nicht dadurch effizient geworden, dass wir sie subventioniert haben, weil wir haben sie dem Training der Marktwirtschaft ja nicht mehr ausgesetzt. Wir haben sie davor geschützt. Und wenn die ausfallen in der Größenordnung wie wir sie aufgespart haben, dann produzieren wir den klassischen ‘Schwarzen Schwan’. Wir haben das Gummiband gedehnt und zwar sehr weit gedehnt. Und wenn wir jetzt den Zins erhöhen, dann schneiden wir das Gummiband durch.”

Ich habe an dieser Stelle nicht alles verstanden. Irgendwas mit dicke Leute und Sport. Zucker im Sport ist wie Subventionen in der Ökonomie – irgendwie so. Keine Ahnung was uns der Dichter damit sagen möchte. Aber wenn er davon ausgeht, dass eine Zinserhöhung unmittelbar zu einer Pleitewelle führt, dann ergibt sich daraus eigentlich eine ganz einfache Forderung: Wir sollten die Zinsen nicht erhöhen. Ich verstehe das Problem an dieser Stelle gar nicht. Oder will er den Zins erhöhen, weil es seiner Meinung nicht nur eine natürliche Quote der Marktausscheider, sondern auch einen natürlichen Zinssatz gibt? Müssen die natürlichen Quoten angestrebt werden, auch wenn es dann Millionen von Arbeitslosen gibt? Es bleibt an dieser Stelle alles etwas rätselhaft. 

Ken Jebsen fügt hier an: “Wir haben dazu noch durch die Nullzinspolitik ein wirkliches Problem, dass sich die Banken nämlich selbst nicht mehr refinanzieren können, weil das ihr Geschäftsmodell, auch wie sie ihr Personal, ihre Rentenstruktur bezahlen sollen, können sie nicht mehr decken. Ihre Ressourcen werden aufgebraucht. Auch da ist nicht unendlich viel Platz. Es kommen zwei Dinge zusammen.” 

Die Banken können sich nicht mehr Refinanzieren und daher künftig nicht mehr die Renten ihrer Angestellten bezahlen?  Nun, er sitzt ja einem Ökonomen gegenüber, der wird diese etwas wirre Annahme sicher gleich korrigieren. 

“Ja, also die Banken leben ja zu 80 Prozent von den Zinsmargen, die anderen 20 Prozent sind Gebühren für Kontoführung, Überweisungen und dergleichen. Und die 80 Prozent Zinsmargen, die entstehen dadurch, dass die Bank Einlagen hereinnimmt und Kredite herausreicht. Wenn Sie das sagen können, dann sind Sie schon … dann können Sie Banker werden.”

Beide lachen. Früher, also vor der neoliberalen Revolution war das tatsächlich mal mehr oder weniger so. Heute ist das ein bisschen anders. Da ist dieses eigentlich klassische Geschäft der Bank – die Verśorgung mit Kredit als Serviceleistung für die Wirtschaft –  oftmals das schlecht gepflegte Anhängsel einer großen Investmentbank, die in ganz anderen Sphären mitspielen möchte. Aber festzuhalten ist, die Korrektur des Experten kommt anscheinend nicht. Im Gegenteil:

“So einfach ist das Bankengeschäftsmodell in unserem Geldsystem. Sie nehmen Einlagen herein, also Spareinlagen herein und reichen Kredite heraus. Mehr müssen Sie nicht tun. Aber auf dem Weg verdienen Sie an drei Dingen. Also zum Beispiel, Sie gehen jetzt zu Ihrer Sparkasse oder früher sind Sie mal zu Ihrer Sparkasse gegangen und haben gesagt: ‘Ich habe hier 10000 Euro und die zahle ich auf mein Sparbuch ein, da kriege ich 1 Prozent Zinsen.’ Aber der kurzfristige Zins am Kapitalmarkt war 2 Prozent und wenn die Sparkasse das dann am Interbankenmarkt über Nacht angelegt hat, dann hat sie das eine Prozent schon verdient. War nicht schwierig. Also 1 Prozent nennt sich Sparmarge. Dann hat sie aber das Geld nicht über Nacht angelegt, sondern sie hat es in zehnjährige Baukredite gesteckt und der zehnjährige Baukreditzins war vielleicht 5 Prozent und da hat sie nochmal zwischen 2 und 5 Prozent … 3 Prozent hat sie nochmal verdient, das ist die Transformationsmarge. Und weil sie es an Sie verliehen hat, also Sie als Häuslebauer und Sie sind jetzt nicht so das tolle Kreditrisiko, also Sie heißen ja nicht Scholz, hat sie nochmal, müssen Sie nochmal eine Kreditmarge für das Risiko oben draufzahlen. Das ist die Kreditmarge. Und die drei zusammen machen 80 Prozent der Einnahmen der Banken. Wenn Sie jetzt einen Nullzins haben, die Zinsen am kurzen Ende sind null und am langen Ende sind null, da gibt es keine Sparmarge, weil wo soll die herkommen, bei null. Wenn die Differenz zwischen kurzer und langer auch null ist gibt’s auch keine Transformationsmarge, die drei Prozent sind auch weg und dann bleibt noch die Kreditmarge. Und weil bei den Banken die ersten zwei weggeschmolzen sind und sie dann hungrig waren nach neuen Einnahmequellen, weil ihre Kosten konnten sie nicht senken, da sind sie nicht sehr gut darin, sind sie hergegangen und haben gesagt, müssen wir halt mehr Kredite vergeben. Das war das, was die EZB wollte.”

Alles klar, oder? 

Was habe ich davon verstanden? Also es stimmt, Hauptaufgabe von Geschäftsbanken ist die Versorgung der Wirtschaft mit Kredit. Diese Aufgabe ist wichtig. Was falsch ist, ist die Andeutung, um mit Kredit versorgen zu können bräuchten sie Einlagen. Wenn Herr Mayer einen Kredit nachfragt, geht der Bankangestellte nicht in den Tresor im Keller und schaut nach, ob da Geld von Herrn Müller liegt, dass er gegen Zinsen jetzt Herrn Mayer geben könnte. Einlage- und Kreditgeschäft funktionieren weitgehend unabhängig voneinander. Wenn ein Kreditnehmer einen Kredit nachfragt, generiert die Bank Geld, indem sie auf seinem Konto einen Betrag gutschreibt. Ob sie das macht, hat mit der Kreditwürdigkeit des Kreditnehmers zu tun, aber praktisch gar nichts mit den verfügbaren Einlagen. Mit der Kreditwürdigkeit des Kreditnehmers hat auch die Höhe des Zinssatzes zu tun. Er bildet das Ausfallrisiko ab. Auch in Zeiten, in denen der Leitzins null ist, wird das so gehandhabt. Es ist völlig unsinnig, zu behaupten, der Nullzins würde durchgereicht und an die Kreditnehmer weitergegeben. Das kann jeder nachprüfen, indem er einfach in seine Bank geht, sagt, er würde sich gern eine Immobilie kaufen, anfügt, er habe aber keine Sicherheiten würde jetzt aber trotzdem gerne den Nullzins haben, denn der Herr Krall hat gesagt, das ginge. Da rutschen die Bankangestellten wahrscheinlich vor Lachen vom Stuhl.

Zahlt der Kreditnehmer den Kredit vollständig zurück, ist das geschaffene Geld wieder verschwunden. Die Bank muss für diesen Vorgang keine Einlagen vorrätig haben. Dass der Einlagezins niedriger als der Kreditzins ist, ist eine ökonomisch zwingende Notwendigkeit. Die wichtigeren Größen sind das Verhältnis von Zinsen zur Inflationsrate. Die Einlagezinsen liegen in der Regel unterhalb der Inflation, die Kreditzinsen darüber. Es mag davon Ausnahmen geben, aber die sind dann wohl begründet oder eklatante Störungen. 

Richtig ist auch, dass die EZB die Inflation ankurbeln will. Seit Jahren schon, denn ihr Auftrag ist es für Preisstabilität zu sorgen. Und Preisstabilität, so sagen es die Verträge der Währungsunion, ist bei einer Inflation von knapp unterhalb von zwei Prozent gewährleistet. In der Währungsunion haben wir allerdings schon seit geraumer Zeit ein deflationäres Umfeld. Die Preise sinken eher als sie steigen. Das ist sehr gefährlich, denn dann werden Investitionen immer weiter aufgeschoben. Die Frage ist jetzt, wie kann die EZB ihrem Auftrag gerecht werden? Wie macht man Inflation? Ökonomen wie Krall sagen, das ist ganz einfach: Man druckt Geld, pumpt Geld in den Markt, dann entsteht Inflation. Nun macht die EZB seit vielen Jahren genau das, nur Inflation entsteht nicht. Die Preise steigen nicht. Woran liegt das? Nun es liegt daran, dass mit dem Geld, das da in die Märkte gepumpt wird, ganz viel gemacht wird, nur leider nichts Sinnvolles. Es wird zum Beispiel damit spekuliert. An den Börsen sind die Kurse massiv gestiegen. Das ist auch eine Art Inflation, allerdings keine wünschenswerte, denn an den Aktienmärkten werden keine realen Werte geschaffen. Mario Draghi, der ehemalige Chef der EZB, hat es bei zahlreichen Gelegenheiten gesagt, was er mit Nullzinspolitik gerne erreicht hätte. Er wollte, dass die Nationalstaaten die Kohle nehmen und auf Teufel komm raus investieren. Straßen erneuern, Schulen renovieren, den ökologischen Umbau vorantreiben, die Funklöcher schließen und und und. Warum wäre das sinnvoll gewesen? Weil dann die Auslastung in den Firnen steigt, sie neu einstellen und in Ausrüstung investieren, also Kredite nachfragen. In so einem Umfeld tatsächlicher Vollbeschäftigung wären dann auch die Löhne gestiegen. Wenn die Löhne steigen, dann geben die Lohnempfänger auch mehr Geld aus. Wenn die aber mehr Geld ausgeben und mehr nachfragen, die Firmen aber ausgelastet sind, dann steigen auch die Preise. Dann gibt es Inflation. Und wenn es Inflation gibt. dann kann die Zentralbank auch irgendwann wieder die Zinsen anheben, ohne dass eine Pleitewelle bei den Unternehmen droht. Das war die tiefe Sehnsucht von Herrn Draghi. Woran ist sie gescheitert? An Herrn Schäuble und aktuell an Herrn Scholz. Die wollen nämlich partout kein Geld aufnehmen und untersagen allen ihren Partner in der Währungsunion die Geldaufnahme ebenfalls, denn alle mussten sich den deutschen Tugenden und damit der Schuldenbremse verschreiben. 

Die EZB will, da hat Krall recht, dass Kredite in ganz großem Stil vergeben werden. Aber nicht, um uns in die Schuldknechtschaft zu treiben, sondern um die Wirtschaft wieder wachsen zu lassen. Das Wachstum in der Eurozone ist nämlich anhaltend niedrig. Wir hängen uns gerade international ab. Wer mit offenen Augen durch die Straßen seiner Stadt geht, sieht das. Überall Verfall, Obdachlosigkeit, Armut, Niedergang. Wer außerhalb des Schengenraums in Richtung Osten unterwegs ist, weiß, dass wir massiv zurückfallen. Die EU wird die neue Dritte Welt.   

Krall allerdings hat eine andere Erklärung: 

“Und dieses Mehr vergeben an Krediten hat bedeutet, dass ein Überangebot auf eine nicht steigende Nachfrage getroffen ist, so dass die Kreditmarge, das ist nämlich der Preis des Kredits auch noch geschrumpft ist. So dass die dritte Komponente geschrumpft ist und obwohl die Kreditmenge sich ausgedehnt hat, ist die Gesamteinnahme aus dem Kreditgeschäft geschrumpft. Und so haben wir den Banken letzten Endes ihr Geschäftsmodell zerstört. Und jetzt kann man sagen, da müssen die Banken eben ein neues Geschäftsmodell finden. Wer sowas sagt, hat keine Ahnung von unserem Geldsystem.” 

Also wer von unserem Geldsystem keine Ahnung hat, wurde durch diese Transkription klar herausgearbeitet. Den armen Banken bricht das Geschäftsmodell weg. Soso. Diese These ist nahe am Irrsinn. Die Kreditvergabe der Geschäftsbanken ist seit Jahren rückläufig. Sie ist deswegen rückläufig, weil sich Investitionen nicht lohnen, da die Nachfrage durch eine Stagnation bei den Löhnen und Gehältern nicht wächst. Wenn ein Unternehmer aber keine Aussicht auf ein höhere Nachfrage hat, wird er nicht in Anlagen investieren, um diese nicht vorhandene höhere Nachfrage bedienen zu können. Krall sieht das nicht. 

“Wer sowas sagt, hat keine Ahnung von unserem Geldsystem. Und zwar deswegen, weil unser Geldsystem darauf beruht, dass es zwei Arten von Geldschöpfung gibt. Unsere ganze Geldversorgung kommt entweder von der Zentralbank, dann ist es Zentralbankgeld. Oder es wird über die Giralgeldbildung von den Banken geschöpft. In dem Moment nämlich, wo eine Bank einen Kredit vergibt, dann erzeugt sie neues Geld. Also die gesamte Geldmenge ist Giralgeld, was die Banken erzeugen, und Zentralbankgeld, und von dem gesamten Geld erzeugt der größere Teil der Bankensektor und nicht die Zentralbank. Das ist unsere Kreditversorgung.
Wenn Sie jetzt das abschaffen, (kleiner Einwurf: Wer will das abschaffen? Mir ist so eine Forderung völlig neu GEU) dann können Sie sagen, sucht euch ein neues Geschäftsmodell, aber dann sind es keine Banken mehr und die Wirtschaft kann nicht mehr mit Krediten versorgt werden. Das ist, wie wenn Sie eine Maschine fürs trockene Land bauen und schmeißen die ins Wasser. Oder anders gesagt, nehmen Sie … Das Geldsystem ist wie ein ökosystem für die Banken. Die Banken bewegen sich in diesem Geldsystem als Ökosystem. Wenn Sie den Regenwald abholzen, können Sie den Orang Utans auch nicht sagen, sucht euch ein neues Geschäftsmodell. Da wird nichts draus. Und so ist es hier auch.”

Ken Jebsen: “Herr Krall, das was Sie hier gerade gesagt haben, haben wir in verschiedenen Sendungen hier auch schon besprochen, und es ist gut, dass Sie das nochmal sagen. Weil Sie erklären das sehr simpel (sic!), so dass jeder sagt, ‘da ist was dran.’”

Also ich würde nicht sagen, dass da was dran ist. Da hat jemand, nämlich Markus Krall, Grundlagen entweder nicht verstanden oder er möchte seine Zuhörer absichtlich in die Irre führen. Wenn der Zuschauer nach gut zwei Stunden das Gefühl hat, Ökonomie sei ein Thema, das schwierig zu verstehen sei, dann liegt das daran, dass es hier über weite Strecken gar nichts zu verstehen gibt. Hier werden weitgehend sinnfrei Begriffe und Reizworte aneinander gereiht, um den Eindruck von Bedeutung zu erwecken. Bei genauerer Hinblicknahme sieht man jedoch deutlich, dass es hier keinerlei Bedeutung gibt. 

Und vielleicht noch etwas. Es gibt in dem Interview ganz viel Staats-Bashing. Der Staat, da sind sich Jebsen und Krall einig, ist total scheiße. Nun läuft in Deutschland und der EU im Moment ganz sicher ganz ganz viel schief. Aber eine Wirtschaft ohne Staat gibt es nicht. Es gibt keine Märkte ohne Staat. Krall ist einer von jenen, die es sich ganz einfach machen. Sie wissen um den Umstand, dass für ein fundamentales Funktionieren von Märkten staatliche Strukturen unablässig sind. Es braucht ein Rechtssystem beispielsweise. Es braucht Währung und Geld. Die gibt es nur durch den Staat. Märkte für sich schaukeln sich auf, der Markt ist dumm und neigt zu Übertreibung, setzt oft völlig falsche Preissignale. Wenn man ein solches System sich selbst überlässt, crasht es regelmäßig und zieht die Realwirtschaft in den Abgrund. Leidtragende sind dann diejenigen, die ihre Jobs verlieren und ihre Familien nicht mehr ernähren können. In Kralls quasi-religiösem Marktmodell, gibt es aber keine versagenden Märkte. Der Markt hat immer recht. Er ist ein theologisches, ein metaphysisches Konstrukt. Wenn es Verwerfungen gibt, dann ist der Schuldige immer sofort bei der Hand – es war der Staat. Der hat irgendwie eingegriffen. Nun gibt es aber einfach keine Märkte ohne Eingriffe des Staates. Die Akteure auf Märkten sind reale Personen und Unternehmen. Es gibt Dynamiken, Strömungen und Störungen, die es zu begrenzen und zu beheben gibt. Und es ist zu fragen, an welchen Stellen Märkte sinnvoll sind und wie frei man sie agieren lassen sollte. Eine metaphysische Überhöhung des Marktbegriffs, so wie sie Krall sich vorstellt, ist mit Sicherheit nicht dienlich. Wenn man das beachtet ist man noch lange nicht im Sozialismus. Man hat dann immer noch Marktwirtschaft. Generell setzt  Krall seinem Begriff von Freiheit immer den des Sozialismus oder den der Planwirtschaft gegenüber. Ganz plump, denn dabei bleibt völlig undeutlich, was er mit Freiheit meint. Freiheit ist ein relatives Konzept. Freiheit von und Freiheit zu was? Und Sozialismus ist auch nicht automatisch Gulag und Stalinismus. So ein bisschen differenzierter in den Begriffen, ein bisschen intellektueller in der Haltung – das täte dem ökonomischen Diskurs in Deutschland ganz gut. Ken Jebsen allerdings sollte von ökonomischen Themen die Finger lassen. Das wird regelmäßig nichts. 

 

Golineh Atai: „Die Wahrheit ist der Feind“ – Eine Leseempfehlung

Das neue Buch der ehemaligen ARD-Russland-Korrespondentin Golineh Atai beschreibt geopolitische Krisen aus westlicher Sicht. Wer das gesamte Instrumentarium westlicher Desinformation am Werk sehen möchte, für den ist das Buch ein Muss. Es hat Lehrbuchcharakter.

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Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. 2. Teil

Unser kleiner philosophischer Salon hatte eine kleine, ungeplante Pause. Zudem habe ich unsere letzte Zusammenkunft hier nicht protokolliert, denn ich bin wenige Tage später zu einem Bildungsurlaub nach Russland aufgebrochen, da ich dort meine Sprachkenntnisse verbessern wollte. Vor der Abreise war die Zeit zu knapp, um einen Text zu verfassen.

Heute trafen wir uns zur weitere Lektüre und beschäftigten uns mit dem Abschnitt, der mit “Dritter Definitivartikel zum ewigen Frieden” überschrieben ist, und mit dem sich daran anschließenden Kapitel “Von der Garantie des ewigen Friedens”.

Den dritten Definitivartikel möchte ich ganz kurz abhandeln, obwohl das, was er enthält an gedanklicher Klarheit meine Bewunderung findet.

Kant grenzt hier das Weltbürgerrecht, also das Recht aller Menschen gegeneinander, auf das Recht der Reisefreiheit ein. Man darf überall hinreisen, aber man hat eine Zurückweisung zu akzeptieren. Es mag zunächst verwundern, dass er ein Gastrecht explizit ausklammert. Es ist aber das Phänomen der Kolonisierung fremder Länder, die feindliche Übernahme und Ausbeutung, die er hier versucht zu verhindern. Ein Besuchsrecht ist kein Gastrecht. Die Verweigerung zu bleiben, muss möglich sein. Die Möglichkeit zu bleiben, darf an Bedingungen geknüpft werden. Eine Besatzung darf nicht stattfinden. Sie ist ein Akt der Gewalt. 

Die ganze Schönheit der Gedankenwelt des Deutschen Idealismus entfaltet sich dann im anschließenden Passus.

Hier entfaltet Kant eine wundervolle Teleologie. Eine der Natur, dem Sein innewohnende Dialektik, so ist sich Kant sicher, führt zwangsläufig zu einem Zustand des ewigen Friedens. Über Krieg bilden sich Nationalstaaten heraus, die wiederum über ihre kulturellen Differenzen in einen Austausch eintreten, wobei Kant vor allem dem internationalen Handel eine Frieden stiftende Funktion zuschreibt. Am Ende der Geschichte steht ein ewiger Friede, der sich gleichsam von selbst herstellt. Die uns allen innewohnende Vernunft lässt gar nichts anderes zu. 

An der Faszination, die diese Gedankengänge auf uns ausüben, an der Nähe zu unserem Denken und zu unseren Maßstäben lässt sich die Wirkungsmacht der Kantschen Ideen auf unsere Kultur ablesen. Allerdings lässt sich auch ablesen, wie gerade der Westen an den aus ihm selbst hervorgebrachten Ideen scheitert. Sanktionen, Unterbrechung und Abbruch von Beziehungen sind da, wo eigentlich Austausch und Handel sein sollten.

Es sind interessanter Weise die BRICS-Staaten, in der diese Idee Kants sich aktuell wesentlich stärker verwirklicht als in den Ländern Europas, das gerade in sich zusammen bricht, oder auch den USA, die mit irreführend Handelsabkommen genannten Verträgen eine autoritäre und repressive Struktur für lange Zeit zu ihren Gunsten festschreiben wollen.  

Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise.

Die Eurokrise tobt seit 2009 und allen Beteuerungen des Gegenteils zum Trotz hält sie Europa fest im Griff. Auf eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit der verabreichten Medizin wollen sich insbesondere die deutschen Eliten ebenso wenig einlassen wie auf eine Diskussion über eine fehlerhafte Konstruktion des Euro, die dringend korrigiert werden müsste.
Je länger die Krise dauert, desto mehr gefährdet sie den Zusammenhalt Europas, desto mehr schwindet das Vertrauen der Bürger in das Projekt der Europäischen Union. Da ist sich Yanis Varoufakis ganz sicher, der gemeinsam mit Stuart Holland und James Galbraith die kleine Schrift “Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise” vorgelegt hat, die Anfang dieses Monats auch auf Deutsch erschienen ist.
Um ein Auseinanderbrechen nicht nur der Eurozone, sondern eine nachhaltige Beschädigung des europäischen Projektes zu verhindern,  muss die Krise daher schnell, umfassend und unter größter Rücksichtnahme auf deutsche Befindlichkeiten, Irrationalitäten und Ängste gelöst werden.
In klaren Worten analysieren die Autoren das Wesen der Krise und denken zusammen, was im Denken deutscher Ökonomen und Politiker als unverbundene Einzelphänomene erscheint, die diese daher auch getrennt angehen.
Die Investitionskrise, um ein Beispiel herauszugreifen, kBescheidener Vorschlagann nicht angegangen werden, indem die EZB einfach nur Liquidität zur Verfügung stellt. Diese Maßnahme muss politisch flankiert werden. Sonst landet alle Liquidität nur in den Finanzmärkten und führt dort zur neuer Blasenbildung, was in den nächsten Krisenzyklus führt. Der täglich neue Rekordhöchststand beim DAX, den Anja Kohl vor der Tagesschau allabendlich naiv freudig besingt, spricht hiervon Bände. Fundamental ist die Rallye durch nichts gerechtfertigt.
Allein, was soll man denn mit dem ganzen, kostenlos zur Verfügung gestellten Geld machen? Die Staaten haben sich schuldengebremst und fallen als Investoren aus, die Bürger drosseln krisenbedingt ihren Konsum, da lohnt sich eine Investition in die reale Wirtschaft nicht. Also wird spekuliert auf Teufel komm raus. Vorherzusagen, dass die Blase in Kürze platzen und dass das nächste Platzen der Blase die Krise nochmals verstärken wird, bedarf keiner großen seherischen Fähigkeiten. Es wäre Aufgabe der Politik hier einzuschreiten.
Die weigert sich aber aus ideologischen Gründen, von ihrer Möglichkeit zur Gestaltung Gebrauch zu machen. Insbesondere der deutsche Finanzminister bemüht mantraartig die Rede von den Märkten, die beruhigt werden müssten, ohne auch nur eine einzige Maßnahme zu ergreifen, die tatsächlich geeignet wäre, das zu tun.
Gerade ihm erscheinen Schuldenkrise, Bankenkrise und Investitionskrise als drei voneinander unabhängige Felder, während sie Yanis Varoufakis und seine Mitautoren als Symptome einer zugrunde liegenden Problematik einer Fehlkonstruktion des Euro denken. Dabei erweitern die Autoren die Symptome noch um die soziale Krise, die in Europa tobt, was von der deutschen Politik, insbesondere von Wolfgang Schäuble in zynischer Weise ausgeklammert wird.
Mit “Ein Bescheidener Vorschlag” nehmen die Autoren ganz besondere Rücksicht auf deutsche Befindlichkeiten und den deutschen ökonomischen Mainstream.
Es scheint, als hätten sie es als sportliche Herausforderung genommen, die für Europa destruktiven deutschen Vorgaben zu beachten und dennoch ein sinnvolles Handlungsfeld zu erarbeiten, das eine grundlegende Krisenbewältigung ermöglicht. Heraus kam ein Vorschlag, der unter Beachtung der bestehenden Verträge die Krise tatsächlich sofort beenden würde. Der Trick ist, sie entdecken Möglichkeiten, keynesianische Wirtschaftspolitik in einem Umfeld zu installieren, das mit allen Mitteln versucht keynesianische Politik zu verhindern.
Warum Deutschland versucht, auf europäischer Ebene Keynes mit allen Mitteln zu hintertreiben, ist im Grunde völlig unverständlich und nur noch psychiatrisch aber nicht mehr inhaltlich zu erklären. Schließlich ist der Kern gerade dieser ökonomischen Schule in der Auseinandersetzung mit der Weltwirtschaftskrise entstanden und hat im New Deal seine Fähigkeit zur Krisenbewältigung historisch unter Beweis gestellt. Wann, wenn nicht genau jetzt, wäre ein Rückgriff auf dieses bewerte Rezept sinnvoll? Das, was Deutschland unter Schäuble Europa vorschreibt, ist reiner Sadismus.
Und, dieser kleine Einwurf sei erlaubt, in manchem Interview kann Schäuble nur noch ganz bedingt kaschieren, dass er zwar keine Ahnung von den Zusammenhängen der Krise hat, aber eine tiefe Freude an der Erniedrigung der Griechen und anderer europäischer Nationen empfindet. Wenn die Lust nicht mehr in den Schoß fließen kann, bahnt sie sich eben andere Wege. Auch das ist in der Psychiatrie nicht unbekannt.
Jetzt liegen sie also offen da, die Alternativen zur Alternativlosigkeit des deutschen Krisenmanagements. Es sind ja, das zeigt sich mit jedem Tag deutlicher, tatsächlich nur die deutschen Positionen, die eine Genesung Europas verhindern. Immer unverholener tritt Schäuble auf, weist europäische Instanzen und Institutionen ebenso in die Schranken wie europäische Nationen und Parlamente, und macht klar, wer hier der Herrenmensch ist. Die europäischen Nationen bekommen faktisch die Position von Kolonien zugewiesen, in denen deutsche Politik exekutiert wird. Scheiß auf Demokratie und den ganzen Kack!
Es bedarf auch hier keiner großen seherischen Fähigkeiten, um zu sagen, das wird nicht lange gut gehen. Peinlich ist daher auch die Besprechung des Buches in der Süddeutschen. Der Autor dort nähert sich dem Buch im wesentlichen über die Biographie Varoufakis. Der ist nämlich fundamentaler Linker, will den Kapitalismus nur deshalb retten, damit Europa nicht nach rechts abdriftet. Deshalb sei dem Vorschlag auch zu misstrauen. Was dem deutschen Journalismus als zwingende Logik erscheint, nennt man anderswo Dummheit.
Immerhin wird später einmal die Ausrede, man habe es nicht besser wissen können, nicht gelten. Denn es liegt ja der Vorschlag vor, ist allen zugänglich und bescheiden im Preis im doppelten Sinne ist er auch noch. Das Buch ist  günstig und die darin ausgebreiteten Vorschläge kosten keinen Cent. Jetzt muss der Diskussionsbeitrag nur noch seinen Weg in die Debatten finden.
Yanis Varoufakis, James K. Galbraith, Stuart Holland: Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise. Ein New Deal für Europa.