Fin de siècle 4

Ungeachtet der eben gemachten Bemerkung wurde die blöde Kuh wenige Augenblicke später von Sebastian aufs herzlichste mit Küsschen links und rechts begrüßt. „So good to see you!“ Meine Begrüßung fiel da wesentlich unterkühlter aus, denn ich begrüße blöde Kühe nicht euphorisch.

Wir wurden den Mitreisenden aus den beiden Autos vorgestellt. Sebastian kannte zwei weitere Personen, ich niemanden. Alles war extrem nice und wonderful. Lachen hier, lächeln da, überall überschäumende Freundlichkeit mit einem penetranten Beigeschmack nach Plastik. Die gezeigten Zuneigungen fühlten sich in etwa so echt an, wie die Brüste der drei anwesenden Frauen sich echt angefühlt hätten, wenn man sie begrabscht hätte. Das tat niemand, denn es war dafür unter anderem zu heiß und der Tag noch nicht fortgeschritten genug, aber das Ergebnis solchen Ertastens wäre eindeutig gewesen. „Gemachte Möpse“ ist die umgangssprachliche Bezeichnung für diese sichtlich teuren sechs Vorzeigeexemplare der plastischen Chirurgie.

Die blöde Kuh hatte wahrscheinlich die teuersten. Sie fand es unglaublich toll, endlich, endlich wieder bei all den netten Menschen in dem wunderschönen und so malerischen Italien zu sein. Ich setzte zu einem Grinsen an, doch Sebastian warf mir einen sehr intensiv durchdringenden Blick zu, der mir jede Form der Intervention, Korrektur oder auch nur des offensichtlichen Amusements verbat. Schade, es fing gerade an unterhaltsam zu werden. Also stand ich weiter unbeteiligt in der Vulkanlandschaft herum und guckte wunderschöne, malerische Steine an. Wie sich später herausstellte, konnte die blöde Kuh zumindest die Insel, auf der sie sich befand, dem richtigen Kontinent zuordnen.

Es gesellten sich noch weitere Wagen zu unserer kleinen Gesellschaft dazu, das Begrüßungs- und Vorstellungszeremoniell mit den immer gleichen Lachern an den immer gleichen Stellen wiederholte sich entsprechend oft. Es begann mich zu langweilen, denn ich hatte das Prinzip verstanden und war bereit für neue Erfahrungen. Die bereiteten sich auch unmittelbar vor, denn ein Taxi näherte sich, der Fahrer stieg aus und verkündete in sehr gebrochenem Englisch, wir sollten ihm folgen. Also nochmals ein bisschen Umarmung und Bussi, Hej und Ho, alle wieder rein in die Autos, los. Die Kolonne setzte sich in Bewegung. Wir fuhren dem Taxi hinterher, es ging bergab in Richtung Bewaldung.

Ich fragte Sebastian, aus welchem Grund wir uns jetzt auf offener Straße mitten im Nirgendwo mit den anderen Gästen getroffen hatten. Er wusste es ebensowenig wie ich. Ich machte mich ein bisschen über die blöde Kuh lustig, die meinte, in Italien zu sein. Sebastian stieg nicht darauf ein, meinte im Gegenteil ganz unkomisch, ich solle vorsichtig mit meinen deutschen Regungen sein, das könne missverstanden werden. Ich überlegte einen Moment, ob ich beleidigt sein sollte, entschied mich aber dagegen.

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