Fin de siècle 9

Es gab keine ersichtliche Sitzordnung, keine Namenskärtchen auf den Stühlen, die so aufgestellt waren, dass die Stuhlreihen einen Mittelgang frei ließen. Dennoch schienen einige der Gäste ganz konkrete Vorstellungen davon zu haben, wer wo zu sitzen habe. Ich hatte mich eben neben Sebastian auf einen der wenigen beschatteten Stühle in der vorletzten Reihe gesetzt, da nötigte uns eine gereiftere Dame mit langem, dunklen Haar und wallendem schwarzen Kleid in einer der vorderen Reihen Platz zu nehmen. Ihre Haut trug alle Zeichen chronischen Sonnenbadens und ihr Lächeln, das von hohen Zahnarztrechnungen erzählte, ließ das Schädelhafte hervortreten. Schön war das nicht, auch wenn es so gemeint war. Woher sie ihre Autorität bezog, uns hier vom Schatten in die pralle Sonne zu setzen, blieb mir zunächst verborgen. Sebastian klärte mich später auf. Sie war die dritte Frau des Vaters von Andrew, also Andrews Stiefstiefmutter. Die Hochzeitsgesellschaft wurde noch eine Weile sitzgeordnet, dann ging es endlich los. Aus Lautsprechern dröhnte der Hochzeitsmarsch und als wären alle Gäste plötzlich von einem einzigen Bewusstsein gesteuert, drehten sie gleichzeitig die Köpfe, in die Richtung, in der das Brautpaar seinen Auftritt hatte. „Ach Du meine Güte, eine Junkie im Smoking“, dachte ich, als ich den Bräutigam neben seiner Braut sah, die sich mit jedem Schritt nicht nur ihrer Vermählung, sondern auch ihrer Niederkunft näherte.

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