Fin de siècle 13

Schließlich drohten Sam die Superlative auszugehen. Der Wein und die Sonne forderten ihren Tribut. Ohne Überleitung, beinahe brüsk und nur mit einem „Lets do it“ vorangestellt fragte er nach, ob die beiden wirklich bereit seien, auf Leben und Tod zusammen zu beiben, was sowohl Susan als auch Andrew trotz der sehr weitreichenden Konsequenzen lächelnd bejahten. Dann sprach Sam die magische Formel, die dem Zusammensein von Andrew und Susan die göttliche Anerkennung verlieh. Sie tauschten die Ringe, küssten sich und ich dachte, es sei überstanden. Es mag wiederum eine Wirkung des Weins gewesen sein von dem nach einem Moment der Mattheit sich Sam nun erneut beflügelt fühlte und zu einer Rede über die Gnade Gottes, das von Gott gesegnete Land und seine Menschen anhob. Es war eine wirre Mischung aus religiösem Fundamentalismus christlicher Ausprägung und Chauvinismus. Gott würde in besondere Weise auf die Menschen in diesem Land herab blicken, wobei Sam in seinem Suff wohl entgangen war, dass er sich nicht in den USA sondern auf einer kanarischen Insel und damit in Spanien befand. Doch selbst wenn es ihm jetzt jemand gesagt hätte, es wäre ihm als vernachlässigbares Detail erschienen und letztlich scheißegal gewesen.

Zwei Tage zuvor erst hatten Sebastian und ich eine Unterhaltung über religiöse Rituale geführt. Uns beiden waren ganz unabhängig von der jeweils zugrunde liegenden Religion die mit Religion einhergehenden magischen Praktiken, das mit dem Wort „beten“ nur leicht verkleidete Aufsagen von Zaubersprüchen, der Glaube daran, irgendjemand oder irgendetwas würde beständig in den Kleiderschrank, auf den Teller oder ins Schlafzimmer, ja, auf jede einzelne Handlung gucken, um sie zu werten, uns beiden war all dies so unglaublich unpassend für das technologische hochgerüstete 21. Jahrundert vorgekommen.

Wir waren in unserer Unterhaltung auf Kant und die Aufklärung gestoßen, auf die selbst verschuldete Unmündigkeit, auf Nietzsche, der die Gebäude und Institutionen der Religion von Gott verlassen sah, und auf Ludwig Feuerbach, der im Nachklang des Deutschen Idealismus konstatierte, dass nicht der Mensch eine Schöpfung Gottes, sondern vielmehr anders herum, Gott eine Schöpfung des Menschen sei. Wir hatten Voltaire gestreift und ich hatte Goethes Prometheus „Ich kenn‘ nichts ärmres unter der Sonn‘ als euch Götter! …“ versucht für Sebastian ins Englische zu übertragen. Wir hatten uns gewundert, warum trotz einer langen Tradition der Religions- und Gotteskritik Religion und Glaube immer noch eine zentrale Rolle spielte, sowohl im Großen und dann bis hinein in den Alltag. Die Argumente all der Aufklärer und Kritiker waren ja nicht widerlegt worden. Warum musste ich ständig auf irgendwelche religiösen Gefühle Rücksicht nehmen? Warum durfte ich nicht in lautes Lachen ausbrechen, wenn mir jemand zu verstehen gab, er glaube daran, dass man vor mehr als zweitausend Jahren ohne Sex zu haben, Kinder kriegen konnte und er unter anderem deshalb einer Form des rituellen Kanibalismus anhängt, wobei er tatsächlich glaubt, beim Verzehr des Fleisches seines Herrn gingen irgendwelche Kräfte auf ihn über? Warum durfte ich nicht sagen, dass ich den Glauben an einen unendlichen Gott für unendlich infantil hielt, ohne mit einer ernsten Beschwerde und Konsequenzen für beispielsweise mein Berufsleben rechnen zu müssen? Warum musste ich Rücksicht nehmen und meine Äußerungen kontrollieren und filtern, während andere jedweden Unsinn äußern durften, ja mit dem Hinweis auf ihren Glauben jedweden Unsinn vom Einheilten abstruser Kleiderordnungen bis hin zur Gesundheitsgefährdung für sich und andere sogar tun durften, ohne sich rechtfertigen zu müssen? „Das ist meine Religion“, reichte als Legitimation für die bizarrsten Verhaltensweisen und als Legitimation für selbst den abgrundtiefsten Hass auf alles Andersartige und Fremde.

Und warum war ich nun hier im Nirgendwo einer kanarischen Insel und hörte mir das national-chauvinistische, religiöse Gefasel eines besoffenen Pfaffen an, stand nicht auf und sagte nicht laut und deutlich „sag mal, hast Du sie eigentlich noch alle?“

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