Fin de siècle 15

Nicht uns allein war der beschattete Platz attraktiv vorgekommen. Eine immer größer werdende Zahl von Gästen suchte in dem schmalen Streifen Schatten Schutz vor der Sonne. Da man so eng beisammen stand, wurde viel gesprochen. Man war ja auf einer Hochzeitfeier, einem freudigen und geselligen Anlass. Das Aussehen der Braut wurde besprochen und allgemein gewürdigt, der Bräutigam wurde ebenfalls für seine Erscheinung gelobt, schließlich das Paar in seiner Gesamterscheinung. Die Predigt wurde genauer in Augenschein genommen, herzergreifend sei sie gewesen, wundervoll, beseelt von tiefer Wahrheit. Sebastian sah mich an. Ich sah zurück.

Aus der uns umgebenden Menge löste sich Andrews Stiefstiefmutter, jene hochgewachsenen Frau mit der sonnengegerbten Haut und dem teuren Memento-mori-Lächeln, das sie in dem Moment wieder aufsetzte, in dem sie auf Sebastian zueilte. Sie sei ja so erfreut, dass er gekommen sei. Wirklich großartig fand sie es, herausragend und ganz ehrlich spitze. So glücklich sei sie, Sebastian wiederzusehen. Es sei so gut, ihn jetzt hier zu haben. Es müsse ja jetzt Jahre her sein seit ihrem letzten Kontakt, wie Jahrzehnte fühle es sich an. Sie hielt Sebastians Hände und lächelte ihn an. Dieser Moment des Schweigens ihrerseits war Sebastians Chance etwas zu sagen. Er ergriff sie und stellte uns vor.

Kate war ihr Name und sie fand unmittelbar in ihren euphorischen Zustand zurück. Hocherfreut wäre sie, mich endlich kennen zu lernen. Es wäre ja ihr Liebstes, neue Freunde auf der ganzen Welt zu machen. Jetzt hätte sie mich und damit einen Zugang zum alten Europa. Ich müsse ihr unbedingt mehr von mir und meinem Leben hier auf diesem Kontinent erzählen, auch wenn sie schon so viel über mich gehört hätte, dass sie jetzt schon das Gefühl habe, wir seien alte Freunde, würden uns unglaublich gut kennen und sie hätte schon alles verstanden, was mich betreffe.

Ich fragte mich, von wem sie schon so viel über mich gehört haben konnte, schließlich hatte sie doch eben gesagt, sie hätte seit mehreren Jahre keinen Kontakt mit Sebastian gehabt. Ansonsten kannte mich hier niemand. Als ich mir nach kurzem Nachdenken diese Frage beantwortet hatte, fühlt ich ihre Hände in meinen. Sie stand mir gegenüber und lächelte mich an. Für einen Moment standen wir reglos, wie sie eben mit Sebastian gestanden hatte. Ich wusste mit dieser Situation nichts anzufangen und hätte mich gern entzogen. Sie schien sich dagegen ausgesprochen wohl zu fühlen, ihr Blick auf mich wurde mit jedem Moment glänzender.

Eine Rauchwolke, die intensiv nach Marihuana roch, befreite mich. „Das müssen die Jungs sein, die sich was gönnen“, meinte sie und löste ihren Griff. Das Lächeln blieb. Der Geruch erinnere sie an ihre Jugend. Sie wolle es den Kindern daher nicht verbieten. Zudem hätte sie ja nur ihren Mann und seine Jungs, siebzehn und einundzwanzig seien die jüngeren beiden und dann sei da ja noch Andrew, der Bräutigam, ein ganz besonderer Schatz. Alle aus den ersten beiden Ehen ihres Mannes. Ihr sei es ja leider nicht vergönnt, selbst Kinder zu haben. Sie wolle daher eine besonders gute und verständnisvolle Stiefmutter sein, weltoffen und den Entdeckerdrang ihrer Schützlinge in keinem Fall hemmen. Und Marihuana, das wisse ja nun jeder, wäre ja in keiner Weise schädlich. Außerdem hätte ja jeder so seine Helferlein. Wer sagt schon zu einer guten Flasche Wein ’nein‘? Und ohne ihr Prozac, ihr Diazepam und all dem anderen wäre sie psychisch ein einziges Wrack. „Aha“, dachte ich mir. „Daher weht der Wind.“

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