Fin de siècle 17

Nur zu gerne hätte ich die Tür geschlossen. Von außen. Allerdings ging alles viel schneller als gedacht. Andrew hatte offensichtlich schon alles vorbereitet. Folie, Feuerzeug und das Inahalationsröhrchen warteten in der Schublade seines Nachttisches auf ihre Verwendung. Andrew setzte sich auf das Bett. Und nachdem er das Heroin aus seiner Tasche genommen und eine ihm genehme Menge in die Vertiefung der Alufolie geschüttet hatte, erhitzte er es, bis sich das Pulver zu einer braunen, öligen Flüssigkeit gewandelt hatte. Jetzt zog er die Dämpfe durch das Röhrchen tief in seine Lungen. Die Wirkung schien sofort einzutreten. Entspannt sank er zürück auf die Kissen, und mit dem Schlag, den die Substanz den Synapsen seines Hirnes verabreichte, hörten seine Hände auf zu zittern, weiteten sich seine Pupillen und senkte sich ein Lächeln auf seine Gesichtszüge.
„Seid ein bisschen gesellig“, meinte Andrew, wobei er uns die Utensilien reichte. Nichts rechtfertigte in diesem Moment den Einsatz eines hochpotenten Analgetikums. Wir entschieden uns daher fürs Ungeselligsein.  Andrew zuckte mit den Schultern.
Ganz unabhängig von der Substanz bewirken Rauschzustände zweierlei. Dem Konsumenten stoßen sie eine Tür zu neuen Erlebnis- und Erfahrungswelten auf. Einsichten können gewonnen, persönliche Grenzen überwunden, soziale Ängste abgebaut und dadurch ganz leicht neue Bekanntschaften geschlossen oder schon bestehende vertieft werden.
Das zweite, was Rauschzustände bewirken, ist, dass sie jeden nüchteren Begleiter vor die Herausforderung stellen, sinnentleerte Laberattacken ertragen und sozial unverträgliches Verhalten abfedern zu müssen. Unter Umständen muss sofort deeskaliert werden und der Berauschte muss vor der unmittelbaren Umsetzung seiner Ideen in dessen eigenem Interesse abgebracht werden. Oft gegen enormen Widerstand.
In unserem konkreten Fall bestand die Herausforderung lediglich darin, Andrew nicht merken zu lassen, dass wir seinen Ausführungen darüber nur bedingt folgen konnten, wie schön alles, wie schön vor allem aber diese Hochzeit war. Die Herausforderung war also vergleichsweise gering.
Als wieder etwas Energie in seinen Körper zurückgekehrt war, wollte Andrew überquellend vor Emotion plötzlich zu seiner Susan, wollte ihr mitteilen, wie sehr er sie liebe, wie wichtig sie ihm sei. Das Anliegen war dringend, uns war es recht. Wir verließen das Zimmer.
„Sind hier eigentlich alle ständig drauf?“, wollte ich von Sebastian wissen.
„Vermutlich ja“, war seine Antwort.

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