Fin des siècle 18

Genau dies sei es, was ihn so besorgt hätte, meinte Sebastian, genau an dieses Leben wollte er nicht erinnert werden.
„Das sind doch hier alles nur Halb-, Dreiviertel- und Volljunkies. Die haben lediglich mehr Geld, so dass man es nicht sofort merkt, wie bei den abgerissenen bei uns am Bahnhof. Leider wissen sie mit dem Geld aber auch nichts anderes anzufangen, als es sich durch die Nase zu ziehen oder in Pillenform in den Hals zu werfen.“, sagte ich. „Was hat das schon mit dir zu tun?“
Augustinus Bekenntnisse waren ein ganz rudimentärer Versuch im Vergleich zu dem, was nun folgte. Sebastian bekannte.
Sebastian bekannte, dass alles schon in seiner Schulzeit angefangen hatte. Hier eine Pille zur besserem Konzentration, hier eine, die die Angst vor der Prüfung nahm. Jene, welche die Angst vor der Prüfung nahm, nahm ganz generell die Angst vor Versagen. Mit so einer Pille im Kopf konnte man leichter Kontakte knüpfen, auf andere zugehen, sicher auftreten, auch Lehrern gegenüber, um etwas rauszuschlagen. Es war Sebastians Mutter, die den Anfang gesetzt hatte, als sie ihn zu einem Psychiater schleppte, der für sein Vertrauen in die Erzeugnisse der pharmazeutischen Industrie bekannt war. Als Sebastian fünfzehn war, so erklärte er mir, kam das Potrauchen dazu, zur besseren Entspannung am Abend. Und für den Morgen danach gab es wieder was auf Privatrezept. Wenn sich ein Arzt auf seine Aufgabe besann und versuchte, Sebastians Medikamentenkonsum zu drosseln, wurde damit gedroht, den Arzt zu wechseln, und, falls das nicht fruchtete, wurde dies tatsächlich getan. Es gab an der Küste Kalifoniens weit mehr verschreibungswillige Ärzte als Surfschulen. Ärzte, die ein gutes Verhältnis zu ihren Kunden wertzuschätzen wussten, die für jede mögliche Empfindung, jede emotionale Irritation ein Mittelchen bereit hielten. Sofern dafür bezahlt wurde, versteht sich. In Sebastians Fall floss das Geld regelmäßig und üppig. Zunächst von seiner Mutter, später von ihm selbst. Sebastian wurde von seinem Arzt für seine unglaubliche Compliance gelobt, bis allen klar wurde, dass das Wort Compliance lediglich dazu diente, einen anderen Sachverhalt zu verschleiern. Den der Abhängigkeit, was aber niemand aussprach. Abhängig waren nur die Leute, die nicht genug Geld hatten, um ihre Sucht bedienen zu können. Es war aber genug Geld da. Kurz darauf reichte ein Arzt nicht mehr aus. Als er mit dem College abschloss, hatte er vier Psychiater, die ihm regelmäßig Medikamente verschrieben, die aber freilich nichts voneinander wussten. An den Wochenenden kamen Amphetamine, Ecstasy oder reines MDMA dazu. Ab und zu auch Kokain. Und Alkohol. Wodka, Wodka, Wodka.
Als er dann seine Produktionsfirma für Musikvideos gründete und diese aus dem Stand heraus erfolgreich war, fügte sich eins ans andere. Wie selbstverständlich schien ihm der Gebrauch all dieser Substanzen zu sein. Die Lieferanten für Kokain, Crack und Heroin, für Speed und Pillen gingen bei ihm ein und aus. Er, seine Kreativen, die Musiker und Künstler, alle mussten versorgt werden, um das auswerfen zu können, was verlangt wurde. Es gehörte einfach dazu und es wurde immer mehr. Manchmal wachte er irgendwo auf, Kopf in der Kotze, Filmriss. Er machte weiter. Dann zum ersten Mal Krankenhaus. Ein Arzt riet ihm zum Entzug. Er war empört, er war doch kein Junkie, hatte Geld. Was ein Arschloch! Weitermachen. Jemand hatte zu viel abbekommen, war tot. Weitermachen. Er selbst hatte zu viel abbekommen. Wiederbelebung. Weitermachen. Irgendwannn sei er von seinem Assistenten gefunden worden, halbtot nach fünf Tagen Party, Kokain, Speed, Meth, alles. Zum Runterkommen Valium und Heroin. Brisante Mischung. Sein Assistent war es, der ihn in eine Entzugsklinik verfrachtet hätte. Gegen seinen Willen eigentlich. Aber in den sechs Wochen Entzug sei etwas passiert. Danach war alles anders.
„Du hast einen Entzug gemacht?“ fragte ich. „Das wusste ich gar nicht. Ich dachte, Du hättest nur mal so ab und zu was ausprobiert, wie jeder andere auch.“
„Habe ich ja auch nicht erzählt. Das ist nicht gerade das, worauf ich stolz bin in meinem Leben.“
„Dein Aufenthalt in Europa ist sowas wie eine Flucht?“
„Kann man wohl so sagen. Vielleicht auch lebensverlängernde Maßnahme, Neubeginn, Wiedergeburt. Keine Ahnung. Such dir was aus. Ich wollte nur das nicht mehr haben, was jetzt hier auf dieser Hochzeit passiert.“
„Wenn Du willst, gehen wir einfach.“
„Vielleicht eine gute Idee“, meinte Sebastian.

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