Fin de siècle 19

Wir hatten beschlossen, uns zu verabschieden. Je früher wir diese Hochzeitsfeier verließen, desto besser, denn es fing an, uns beide herunterzuziehen. Mich, weil mich die hier herrschende Mischung aus Gottesfurcht, Nationalismus und Drogenkonsum mehr als nur irritierte. Sebastian, weil sich bei ihm ein Riss auftat zwischen einem vertrauten Gefühl, das ihm fast so etwas wie Heimat war, und er gleichzeitig einen großen Widerstand spürte, dieser Sehnsucht nachzugeben.
Kate war die erste, der wir die Hand zum Abschied reichen wollten, denn wir liefen ihr gleichsam vor die Brust. „Ihr könnt unmöglich schon gehen“, war ihre Antwort. Statt Sebastians Hand zu nehmen, hakte sie uns links und rechts unter, versorgte uns mit reichlich Text im Tenor, wie unmöglich es für sie wäre, uns jetzt ziehen zu lassen, wo alles sich so harmonisch füge. Außerdem hätte sie uns ja noch gar nicht allen vorgestellt, was sie umgehend nachzuholen wünschte. Vor allem ihren Bruder, wo war er nur, wollte sie uns nicht vorenthalten. Ein ganz herausragender Mensch sei er, mit dem wir ganz sicher sofort Freundschaft schließen würden. Sie steuerte auf eine dunkel gekleidete Person zu. Mit jedem Schritt wurde ich mir sicher und immer sicherer, dass ich dieser Person unter keinen Umständen vorgestellt werden wollte. Es ließ sich dennoch nicht vermeiden.
„Sam,  schau mal, wen wir hier haben!“
„Uhhhh…. The Germans! I am scared!“ Sam setzte zu einem breiten Grinsen an, umarmte mich, wobei er mir auf die Schultern klopfte, und ich war mir sicher, dass ich eben dem dümmsten Menschen im ganzen Universum vorgestellt worden war.

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