Fin de siècle 20

Wir wurden genötigt, auf einer Bank Platz zu nehmen. Sam habe viel über Deutschland und die Deutschen gehört, ließ er mich wissen. Vieles sei sehr interessant, einiges aber beunruhigend. Ich warf einen Blick hinüber zu Sebastian in der Hoffnung, von dort Aufklärung zu erhalten. Der zuckte lediglich mit den Schultern. Wir wussten beide nicht, in welche Richtung ich betextet werden sollte.
Die Freheit des Glaubens, die Religionsfreiheit sei ein hohes Gut, das man nicht so einfach preisgeben dürfe, fuhr Sam fort, der gestisch ein Ausrufezeichen setzte, indem er einen kräftigen Schluck Wein zu sich nahm. Ich hatte noch immer keine Ahnung, was Sams Anliegen sein könnte, weshalb ich mit einem weiteren Blick bei Sebastian um Rat nachsuchte. Der hatte in diesem Moment die Augen weit aufgerissen. Er schien eine Idee zu haben, in welche Richtung sich unserere Unterhaltung entwickeln könnte, was ihn allerdings nicht gerade zu beruhigen schien.
Vom Wein beflügelt hatte sich Pastor Sam entschlossen, etwas weiter auszuholen. Er fing bei den Nazis an, um in sein Thema einzuführen. Die Nazis hätten ja unglaubliches Leid über Deutschland und die Welt gebracht, weil sie Andersgläubige, die Juden vor allem, verfolgt und ermordet hätten.
Ich runzelte die Stirn, denn dieser Satz verrrückte Geschichte in einer merkwürdigen Weise. Ich wollte einwenden, bei der Judenverfolgung sei es weniger um Religion als vielmehr um eine verschrobene Idee der Rasse gegangen, und das auch nur auf den ersten Blick. Worum es eigentlich gegangen sei, sei völlig unergründlich, was ja gerade den Schrecken … Zu etwas in dieser Richtung wollte ich anheben, durfte dies allerdings nicht einmal Ansatzweise ausführen, denn Sam sprach weiter auf mich ein.
Er hätte sehr wohl mein Strinrunzeln bemerkt, meinte Sam, man müsse sich aber seiner Geschichte stellen. Und zu meiner gehörten nun mal diese unfasslichen Untaten gegenüber der Religion. Ich versuchte, meine Stirnesfalte im Zaum zu halten, war mir aber nicht sicher, ob es mir gelang. Wenn er also heute höre, in Deutschland würden wieder Glaubensgemeinschaften staatlich überwacht und verboten, es würden Alternative Sichtweisen nicht zugelassen und aus den Schulbüchern verbannt, es würden Menschen gezwungen, ihren Glauben aufzugeben und Demonstrationen gegen den Staat Israel zugelassen, dann würde ihn diese Wiederholung der Geschichte zutiefst besorgen.
Ich hatte keine Ahnung, wovon dieser Mann sprach. Sebastian anscheinend um so mehr. Er biss sich auf die Unterlippe und seine ganze Körperhaltung sagte so etwas ähnliches wie „Au weia“.
Sam nahm einen Schluck Wein.

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