Fin de siècle 27

Erzähltechnische Spielereien kommen hier schon vor, die Anspielung auf „Das Fest“ ist allerdings keine. Keine meiner Figuren wird eine Rede halten und von Missbrauch erzählen, der Text wird auch nicht anfangen zu wackeln. Mir fiel das einach nur so ein und deshalb habe ich es meinen Erzähler denken lassen. Allerdings gebe ich zu, dass diese letzten beiden Sätze sehr wohl eine kleine Spielerei darstellen. Doch nach dieser Zäsur geht es natürlich sofort weiter, denn die beiden Freunde sind noch immer auf der Hochzeitsfeier und es dauert tatsächlich noch einige Zeit, bis sie diese werden verlassen können. Und so lade ich dazu ein, dass wir uns gemeinsam wieder zurück zur Hochzeitsgesellschaft begeben, auf die Finka im Nirgendwo einer kanarischen Insel.

Wir waren uns einig geworden. Sebastian und ich würden uns vom Hochzeitspaar verabschieden. Wir würden darum bitten, ausgelassen zu werden. Wir rechneten mit Verwunderung auf Seiten unserer Gastgeber über die Tatsache des verschlossenen Tors. Es kam uns in der Tat beiden merkrwürdig vor, gab es doch keinen Grund, warum hier ein Tor verschlossen werden musste. Es war weit und breit nichts und niemand, der hier ungebeten eindringen könnte.
Ich wollte unsere Rückkehr in unser Hotel keine Sekunde länger aufschieben und drang auf sofortige Umsetzung unseres Plans. Wir machten uns auf den Weg zurück zur Hochzeitsgesellschaft. Inzwischen schwamm nicht nur ein, sondern zwei der männlichen Gäste angekleidet dafür aber ziemlich besoffen im Pool. Eine leere Wodkaflasche schwamm mit ihnen. Andrew und Susan wurden am Ende anderen Ende des Pools gerade ausgiebig und professionell fotografiert. Der Fotograf zeigte dabei ganzen Körpereinsatz. Warf sich auf den Boden, sprang auf, gab Anweisungen und geriet ganz außer sich vor Faszination über die unterschiedlichen Posen, die Andrew und Susan einnahmen. Susan trug wieder ihre Highheels und hatte sichtlich Schwierigkeiten, länger in einer Pose auszuharren. Ihr Lächeln wirkte nach einem kurzen Moment merkwürdig starr und abwesend. Wir stellten uns an die Seite und warteten auf eine Gelegenheit uns zu verabschieden. Nach einigen Minuten wurden wir wahrgenommen, woraufhin Andrew den Fotografen bat, für einen Moment zu unterbrechen. Sebastian schilderte unser Anliegen, Andrew war in der Tat verwundert über das verschlossene Tor, entschuldigte sich beim Fotografen und machte sich gemeinsam mit Sebastian auf die Suche nach dem Schlüssel.
Susan und ich standen plötzlich allein in der Landschaft. Susan lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Im Pool waren immer noch die beiden Gäste, genauso blau wie das sie umgebende Wasser. Sie fingen an, zu singen, eigentlich mehr zu brüllen. „Over the land of the free and the home of the brave.“ Susan lächelte noch immer. War ihr das peinlich? Wäre es meine Hochzeit gewesen und meine Gäste hätten besoffen die deutsche Nationalhymne angestimmt, mir wäre es peinlich gewesen. Bei Susan war ich mir nicht so sicher. Es roch wieder nach Pott, diesmal gemischt mit einem weiteren Duft. Die Lilien begannen ihren Geruch zu verströmen, es musste bereits später Nachmittag sein.
Am Rande des Pools standen zwei weitere Gäste. Der eine trug eine dunkle Sonnebrille, sein Gesicht zierte ein Dreitagebart und er machte weit ausholende Gesten, um dem, was er sagte, Nachdruck zu verleihen oder vielleicht auch seine Empörung auszudrücken. Der andere hörte zu. Ich sah ihm wohl einen Moment zu lange auf das T-Shirt. Er fühlte es und blickte zu mir hinüber. Die beiden hoben ihre Getränke und prosteten mir zu, tauschten etwas aus und kamen auf mich zu. Ich überlegte, einfach wegzurennen, denn ich wollte mich nicht mit jemandem unterhalten, der ein T-Shirt trug, auf dem neben einem Adler, Stars and Stripes und einem blauen Hintergrund noch die Worte „Operation Desert Storm – A multinational force for a better world“ standen.

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