Alice Schwarzer – Selbstdemontage einer Frauenrechtlerin

Alice Schwarzer, so sagt man, war einst wichtig. Sie war wichtig für die Sache der Frauen der Bundesrepublik, denn sie machte sich stark für deren Rechte. Ausschließlich der Rechte der Frauen übrigens. Komplexere Ideen zum Thema Geschlecht, wie diese von der Queer Theory insbesondere Judith Butler entwickelt werden, wischt Schwarzer mit einer lapidaren Geste beiseite. Für Schwarzer zählt der kleine Unterschied und ausschließlich dieser. Diese Fokussierung schnitt sie übrigens von jedem tieferen, internationalen Diskurs ab. Sie wird aus gutem Grund außerhalb der Grenzen des deutschsprachigen Raums nicht rezipiert. Dennoch war sie, so sagt man, wichtig für die Geschehnisse in der Republik.
Das mag so gewesen sein, vielleicht auch nicht. Daran wird man sich in einigen Jahren ohnehin nicht mehr erinnern. Erinnern wird man sich an einen unglücklichen, im Grunde peinlichen Abgang von der Bühne des medialen Interesses. Man wird sich an eine alternde Frau erinnern, die sich zwanghaft, fast schon masochistisch in der Öffentlichkeit suhlen musste, ohne noch etwas Substanzielles zu sagen zu haben. Schwarzer ist das beste Beispiel für eine alternde Mediendiva, die keiner Kamera und keinem Mikrofon ausweichen kann, die es nicht fertig bringt, sich in Würde zurück zu ziehen, die eine selbstzerstörerische Lust daran hat, das eigene Scheitern medial begleitet zu wissen.
In ihrem Metier als Frauenrechtlerin allerdings hat Alice Schwarzer abgewirtschaftet. Vielleicht war das auch nie ihr wirkliches Metier und es fliegt jetzt nur auf. Vielleicht war ihr wirkliches Metier immer nur die Suche nach medialer Aufmerksamkeit.
In ihrem neuen Buch jedenfalls reklamiert sie erneut die Frauenführerschaft für sich, behauptet, den Unterdrückten und Diskriminierten, dieses Mal den Prostituierten helfen zu wollen, nimmt für sich in Anspruch
, den stumm Leidenden im Sexbusiness eine Stimme zu geben.
Doch die vermeintlich Stummen wehren sich lautstark gegen Schwarzer und ihren Übergriff. Bei einer „Podiumsdiskussion“ genannten Veranstaltung in der Berliner Urania, auf der Alice Schwarzer ihre Positionen, vor allem aber ihr zum Thema gehöriges Buch zum Kauf anpries, wozu sie sich einen kleinen Chor der Fürsprecher aufs Podium geladen hatte, sprengten die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter die Veranstaltung.
Sie wollen nicht von Alice Schwarzer vertreten werden, sie wollen auch nicht im Namen der Frauenrechte und der Befreiung von männlicher Gewalt wieder in die Illegalität abgedrängt werden, was allen Ernstes eine zentrale Forderung Schwarzers darstellt. Sie präferiert das Schwedische Modell der Freierbestrafung, wonach Prostitution zwar nicht verboten, die Inanspruchnahme einer sexuellen Dienstleistung jedoch unter Strafe steht. Eine doppelte und perfide Form der Diskriminierung.
Schwarzer argumentiert ausschließlich emotional, die Fakten sind manipuliert, sie suggeriert Zusammenhänge, wo keine sind und diskriminiert Organisationen wie Hydra und Dona Carmen. Letzterer unterstellt sie, durch Zuhälterei finanziert zu werden. Unsachlichkeit und Verleumdungen ersetzen Argumente und Inhalte.
Schwarzers Auseinandersetzung mit Prostitution hat mehr den Charakter einer Erzählung, die auf Thrill und Grusel-Feeling der Leserin und vielleicht auch des Lesers abzielt, denn den einer journalistischen Aufarbeitung. Sie spricht mit ihrer Erzählung ein bestimmtes Publikum an, eine spezifische Zielgruppe: weiblich, deutsch, die Pension vor Augen oder schon mit einer auskömmlichen Rente ausgestattet. Es sind die Studienrätinnen, die Pflegedienstleiterinnen und leitenden Sozialarbeiterinnen, denen Schwarzer ihre Geschichte von der Prostitution erzählt.
Immer billiger würde das Angebot, für nur noch 30 Euro Oralverkehr. Ungeschützt! Schläge, Zwang, Drogen. Schlimm! Kein Klischee ist Schwarzer bereit auszulassen, keine Geschichte ist ihr zu abgeschmackt, um nicht doch noch ins Publikum geplärrt zu werden. Menschenhändlerringe, weltumspannend, Gewalt und Elend in den Dörfern der Dritten Welt, um hier den Sexmarkt zu bedienen. Und wenn gar nichts mehr schockt, dann doch sicher der Bericht von der schwangeren Prostituierten, deren Baby, kaum wurde es entbunden, vom Zuhälter in Besitz genommen wird, um von der ersten Sekunde seines Lebens zur Prostitution gezwungen zu werden. Schwarzer glaubt es, und sie glaubt, wir glauben es. Die Zielgruppe, für die Schwarzer erzählt, glaubt es in jedem Fall. Schwarzer wird immer schriller in ihrer Erzählung von Mafia, Unterwelt und Zuhälterei und das wohlversorgte Mittelstandspublikum gruselt es sehr angenehm.
Mit der Realität hat die Erzählung freilich so viel zu tun wie jede andere Erzählung auch. Sie führt von ihr weg. Wenn die Löhne stagnieren und sogar fallen, können die Preise in der Prostitution nicht steigen. Diesen ganz schlichten Zusammenhang verweigert Schwarzer zu sehen. Ihr Ansatz der die Frauen ausbeutenden Männer wäre dann hinfällig. Es wäre eine strukturelles, ein politisches Problem, das viel mehr als nur die Frauen in der Prostitution trifft, Arbeiter, Angestellte, alle. Wenn politisch die Weichen für eine Zunahme der Mobilität gestellt werden, nimmt die Mobilität in der Prostitution auch zu. Die Sexarbeiterinnen aus Rumänien und Bulgarien sind nicht illegal hier. Das hört Schwarzer nicht sehr gern. „Verschleppt“ und „in der Illegalität landen“ ist ihr liebstes Klischees, wenn sie über Sexarbeiterinnen aus „Osteuropa“ spricht und die neuen EU-Länder im Osten meint.
Was bleibt, ist der Eindruck, Schwarzer wolle mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln sich ins Rampenlicht bringen, noch einmal einen medienwirksamen Auftritt haben, koste es, was es wolle. Die Frauen, Männer und Transsexuellen in der Sexarbeit, sind ihr offensichtlich egal, lediglich ein Vehikel um Aufmerksamkeit zu erheischen.
Eine Schwarzer lässt sich von Fakten nicht beirren. Sarrazingleich hält sie an ihren simplifizierenden Thesen fest, auch wenn sie schon längst widerlegt sind. An einer inhaltlichen Auseinandersetzung, an Aufklärung, an Differenzierung ist ihr in keinem Fall gelegen, an medialem Glamour aber um so mehr.

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