Die Betriebsversammlung 12

Olaf Graf hatte für seinen Chef wenig übrig. Nicht ohne Grund war es Olaf gewesen, der erste Schritte in die Richtung der Gründung eines Betriebsrates gegangen war. Er war zur Gewerkschaft gegangen und hatte sich erkundigt, er hatte Kollegen angesprochen und zu Treffen in kleinem Kreis eingeladen, die bei allen Beteiligten ein angenehmes Gefühl von Konspiration und Subversion hinterlassen hatte. Endlich tat sich etwas. Er war die treibende Kraft hinter den Ereignissen.

Die Redaktion eines Lokalblattes, für das er sieben Jahre gearbeitet hatte, hatte ihn vor drei Jahren entlassen. Ganz im Trend der Zeit hatte die Zeitung mit zwei anderen Zeitungen fusioniert, sie hatte daher plötzlich alles dreifach. Nach der Fusion kam daher die betriebswirtschaftliche Schlankheitskur. Ein weiterer Trend der Zeit ging zum Outsourcing. Er war mit seinen sechsunddreißig Jahren noch relativ jung und so hatte es ihn getroffen. Es war ihm angeboten worden, freiberuflich weiterhin für seinen Zeitungsverlag tätig zu sein. Er hatte es versucht, aber schnell bemerkt, wie wenig auskömmlich das war. Tag und Nacht schreiben, deutlich mehr arbeiten für den bloßen Statuserhalt, das passte zur allgemeinen Gürtel-enger-schnallen-Rhetorik, die zum damaligen Zeitpunkt die Republik fest im Griff hielt.
Zudem musste er als Freiberufler noch stärker Rücksicht nehmen auf die möglichen Interessen anderer als damals als fest angestellter Redakteur. Auf gar keinen Fall durfte er mit seiner journalistischen Arbeit einen möglichen Arbeitgeber brüskieren. Und möglicher Arbeitgeber konnte im Prinzip jeder sein. Neben dem hohen Arbeitspensum und der mangelhaften Absicherung als Freiberufler war es diese berühmte Schere im Kopf, die Olaf dazu brachte, sich nach einem anderen Job umzusehen. Seine anbiedernden Schreibereien kotzten ihn in zunehmendem Maße an und es blieb ihm nicht verborgen, dass damit einhergehend sich sein Bierkonsum symmetrisch zum Gefühl der Selbstverachtung steigerte. Es musste etwas passieren. Werbetexter schien ihm nicht verkehrt, schließlich waren seine ganzen journalistischen Erzeugnisse seit seinem unfreiwilligen Freiberuflertum im Grunde nichts anderes als getarnte Werbetexte, mal zum Thema private Vorsorge, mal zum Thema Privatisierung des kommunalen Wohnungsbaus, mal zum Thema der Staat als Dienstleister im Vergleich mit privaten Anbietern. Dann lieber richtig Werbung machen, da war die Unwahrheit wenigstens nicht gelogen, sondern nur genrespezifisch. Wer den Anspruch hatte, ein Werbtext müsse wahr sein, der hatte sie einfach nicht mehr alle. An journalistische Texte hatte man andere Anforderungen. Noch, zumindest.

Neunzehn Monate war Olaf jetzt bei der SCHOW GmbH. Alles, was er bisher von Werbeagenturen im Hinblick auf Kreativität und gestalterischen Freiraum gedacht hatte, erwies sich ab der ersten Sekunde als falsch. Hier war nichts kreativ, hier gab es keine Freiräume, hier wurden lediglich Textbausteine an schematische Vermarktungsstrategien angepasst. Dafür erwies sich jedes negative Klischee als wahr. Er war mit der älteste Mitarbeiter, kaum jemand war über dreißig, bis auf wenige Ausnahmen war keiner seiner Kollegen länger als zwei Jahre in der Firma. Alle schienen in irgendeiner Weise auf dem Sprung, in Wartestellung auf einen besseren Job, alle hofften, die Zeit nach SCHOW würde echter, wirklicher, das wahre Leben würde dann endlich doch noch beginnen. Ihm erging es nicht anders. Nach zwei Tagen in der Firma hatte er daher seine Bewerbungsanstrengungen wieder aufgenommen. Hier wollte er nicht bleiben. Dieses arrogante Arschloch von Schmidt wollte er nicht reich machen. Der hatte ihn gleich am zweiten Tag wissen lassen, dass er nichts von Olaf Graf hielt, dass er sich nichts einbilden müsse auf sein Studium und seine Erfahrung. Hier wären alle gleich und gemessen würde allein am Umsatz. “Du musst dich rechnen, sonst kann dich die Firma nicht tragen. Wir sind nicht das Sozialamt. Jeder muss sich hier sein Gehalt durch Produktivität erarbeiten”, hatte Schmidt ihn unmittelbar wissen lassen. Ebenfalls unmittelbar hatte Olaf Graf Schmidt für einen Vollidioten gehalten. Auf ganz offensichtliche Widersprüche in Schmidts Argumentation hinzuweisen hatte Olaf verzichtet, schließlich war er noch in der Probezeit.
Doch als nun Caroline Gottschalk von Prosecco und Baileys schon recht beschwipst Olaf darüber informierte, er sei in Schmidts Augen ein Sterberarschloch, war er zutiefst gekränkt. Er fühlte sich persönlich getroffen. Vor allem aber hatte Schmidt Olafs Ansicht nach, seine Auffassung keiner Kollegin mitzuteilen. Was ging das die Gottschalk an? Was war das denn für eine Personalpolitik? Dabei übersah Olaf Graf jedoch für einen Moment, auch ihm hatte Roland Schmidt seine Meinung über nahezu alle Mitarbeiter anvertraut. Diese Meinung war immer ebenso wohlbegründet wie negativ. Zwar war es Olaf Graf immer unangenehm gewesen, wenn Schmidt in seiner Gegenwart über die Kollegen vom Leder zog. Doch hatte er daraus leichtsinnigerweise umgekehrt geschlossen, Schmidt würde ihn schätzen.
Jetzt, mit einigen Bier im Kopf, bellte er nur dagegen an. Was der Schmidt für ein Oberdepp sei, wie beschissen der seine Firma führe, wie dämlich dieser Typ überhaupt daherredet. Zunächst fiel Caroline Gottschalk, dann auch Gregor Bauer in das kathartische Mantra mit ein.
Am nächsten Tag überdachte er seine Position nochmals und kam ganz nüchtern zu einem anderen Ergebnis. Es war ein fast schon kluger Trick, ein Gefühl von persönlicher Vertrautheit mit dem Chef herzustellen, indem dieser über die persönlichen Unzulänglichkeiten der anderen Mitarbeiter informierte.

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