Die Betriebsversammlung 14

Als Caroline Gottschalk die gläserne Tür zur SCHOW GmbH aufzog, durchfuhr sie ein stechender Schmerz direkt über der rechten Augenbraue. Sie fühlte sich heute gar nicht gut, hatte Probleme mit dem Kreislauf, der auch nach der dritten Tasse Kaffee nicht in Schwung gekommen war. Das mit dem Baileys hätte sie lassen sollen. Sie bereute, sich gestern einfach so dem Genuss und dem Gefühl des Berauschtseins hingegeben zu haben.  Sie konnte sich noch daran erinnern, wie kräftig und machtvoll sie sich im Rausch gefühlt hatte, als sie sich gemeinsam mit Olaf und Gregor über Roland Schmidts Unzulänglichkeiten ausgelassen hatten. Über seinen Größenwahn, seine Selbstwahrnehmung als Genie und kreativer Tausendsassa, seine abstruse Selbstwahrnehmung als generöser und total cooler Chef, wohingegen er für sie doch nur ein piefeliger Kleingeist und spießiger Erbsenzähler war, der ständig aufs Geld schielte. Sie erinnerte sich noch dunkel an das gute Gefühl, als sie sich über die Allüren der Sonja Zand lustig gemacht hatten, die, das war das Bild, das ihnen passend erschienen war, wie eine barocke Herzogin die Kollegen wie Domestiken statt wie Mitarbeiter behandelte. Eine völlig affige Person, lächerlich und heimtückisch zugleich, eine gefährliche Mischung.
Jetzt, im eigentlichen Wortsinn nüchtern betrachtet, erschienen ihr diese Auslassungen zwar nicht im Grundsatz falsch, in ihrer Art fand Caroline sie jedoch nun kindisch und sie schämte sich dafür, sich so gehen gelassen zu haben. Sie war schon durch die Tür hindurch gegangen, als sie sich noch einmal umdrehte, wodurch der Schmerz über ihrer Braue noch einmal heftig aufbebte. Irgendetwas fehlte. Richtig! Der Aushang, die Einladung zur Betriebsversammlung war entfernt worden. Man sah noch die Klebestreifen, die sie in jeder Ecke angebracht hatten und unter jedem Streifen klebte ein kleines Dreieck aus Papier. Aber der Hauptteil fehlte.
Sollte es das schon gewesen sein? In dem Zustand, in dem sie sich befand, wäre es Caroline Gottschalk recht gewesen. Im Gegensatz zu gestern fühlte sie sich heute nicht sehr kämpferisch. Sie hätte es gut gefunden, heute in Ruhe vor sich hin leiden zu dürfen.
Als sie den Flur zu ihrem Büro betrat, waren dort Umbaumaßnahmen in vollem Gange. Vier Praktikanten verschoben Tische, installierten Monitore und Computer, rückten Stühle und Schreibtischcontainer, kurz: Sie versuchten in einer Nische neben der Küche zwei Arbeitsplätze einzurichten.
“Was wird das denn, wenn es fertig ist?”, fragte Caroline.
“Olaf soll hier sitzen. Und noch einer, wer ist aber noch unklar.”
“Hier? Wie soll man denn hier arbeiten? Das ist doch praktisch auf dem Gang. Hier muss doch jeder fünf mal am Tag vorbei!”
“Wir machen nur, was uns gesagt wird. Der Tietz will das so. Sei für alle besser”, sagte der sympathische und gut aussehende Julius George, der heute seine Praktikum mit Aussicht auf Festanstellung angetreten hatte. Er versuchte einige Kabel so zu platzieren, dass niemand darüber stolpern konnte, was aber aufgrund der Enge nicht gelang.
Caroline war irritiert. Sie ging in ihr Büro und fuhr den PC hoch. Kurz darauf wurde sie durch eine Mail noch irritierter, die von Sabine Müller aus der Personalabteilung kam. Bis 13 Uhr sollte jeder einmal kurz in der Personalabteilung vorgesprochen haben. Es ging um den Dienstplan für den Tag der Betriebsversammlung. Laut Mail wollte die Personalabteilung ermitteln, wer beabsichtige auf die Betriebsversammlung zu gehen und wer nicht, um einen Notdienst für diese Zeit einzurichten.
Demnach war das Vorhaben doch nicht abgeblasen, schloss Caroline. Sie kramte in ihrer Tasche in der Hoffnung, dort eine Aspirin zu finden. Sie hatte das dumpfe Gefühl, sich heute keinen Durchhänger leisten zu können. Sie wurde fündig, und nachdem sie die Tablette eingenommen hatte, griff sie zum Telefonhörer und wählte die Nummer von Olaf Graf.
“Was passiert hier?”, wollte sie wissen.
“Keine Ahnung, aber es passiert was. Ich soll umziehen und unten auf dem Gang arbeiten.”
“Ja, das habe ich schon gesehen. Komisch. Hast du die Mail gelesen. Jeder soll nach oben kommen und sich zur Teilnahme an der Betriebsversammlung äußern.”
“Da ist was im Busch, ich weiß nur noch nicht, was”, meinte Olaf Graf.
“Ich dachte schon, es sei vorbei. Unser Aushang ist nicht mehr da.”
“Bring ihn wieder an. Und sag mal, hast du zufällig eine Aspirin für mich?”

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