Die Betriebsversammlung 17

Es war nicht nur Miriam, die inzwischen ihre Haltung zur Gründung eines Betriebsrates geändert hatte. Eine große Zahl an Mails aus den Reihen der Mitarbeiter war an alle drei ergangen. Das Meinungsspektrum begann sich aufzufächern. Noch immer gab es zahlreiche Unterstützer, doch die Anzahl der kritischen Stimmen wurde größer, die Kritik lauter. Am Nachmittag, es war noch zwei Stunden bis zum Feierabend, meldete sich auch Wolfram Tietz per Mail. Er wollte wissen, ob die drei eine Entscheidung gefällt hätten. In ausgesucht höflichem Ton gab er seinem Wunsch Ausdruck, sie mögen die Betriebsversammlung doch abblasen. Man könne sich doch sicherlich auch untereinander einigen, und zum Beispiel ein Gremium gründen, das eine die Geschäftsführung beratendene Funktion hätte. Dies wäre ein Zwischending zwischen einer ganz offiziellen Arbeitnehmervertretung und dem jetzigen Zustand, in dem es nur informelle Wege gebe.
Die drei berieten sich einen Moment und Olaf Graf schrieb in ebenso ausgesucht höflichem Ton zurück, wie sehr sie dieses Angebot zu schätzen wüssten. Auf die Idee eines beratenden Gremiums seien sie nicht gekommen. Darüber würden sie gleich nach Feierabend beraten und ihm dann umgehend Bescheid geben, sobald eine Entscheidung gefallen sei. Es sähe aber gut auf den ersten Blick ganz aus.
Tietz leitete die Mail an Schmidt weiter, der unmittelbar mit der Frage antwortete, was davon zu halten sei. “Die spielen auf Zeit”, schrieb Tietz zurück. “Wir ziehen die Daumenschrauben ab morgen etwas an.” An Olaf Graf schrieb er, wie sehr es ihn freue, dass seine Idee auf offene Ohren stoßen würde. Er würde sich sehr über positive Nachricht freuen. Olaf Graf könne sich auch sicher sein, maßgeblich an einem solchen Gremium beteiligt zu sein. Über das Monetäre ließe sich dann auch noch reden.
Olaf Graf leitete die Mail an Caroline und Gregor weiter. “Der versucht uns zu spalten. Aufpassen!”
“Schafft er nicht”, schrieb Caroline, “Kann er vergessen”, schrieb Gregor zurück.

Wovon sowohl Tietz als auch Schmidt in diesem Moment noch nichts wussten, war, dass auch Sonja Zand Mitstreiter um sich sammelte, die bereit waren, die anstehende Betriebsversammlung zu verhindern. “Wir sind die Zelle des Widerstandes!”, rief sie Sabine Müller, der Assistentin Wolfram Tietz’ zu. Neben Sabine war noch Sebastian Markus anwesend. Die Gründe für deren beider Präsenz konnten unterschiedlicher nicht sein. Sebastian Markus war die Person, die Sonja das gab, was Roland Schmidt ihr vorenthielt: sexuelle Befriedigung. Dabei waren Sebastian und Sonja weit davon entfernt, ein Liebespaar zu sein. Sie waren viel mehr eine Interessengemeinschaft. Sebastian besorgte es Sonja und sie es ihm. Was als sexuelle Eskapade begann, hatte aber auch darüber hinaus Bestand. Sonja und Sebastian waren in der Lage, dieses ‘Es sich gegenseitig besorgen’ über das Sexuelle hinauswachsen zu lassen. Sie besogten sich gegenseitig Vorteile. Was sie im Innersten verband war die Tatsache, aus dem selben Material gemacht zu sein. Sie hatten das soziopathische Etwas, das Menschen hilft, in einer auf Wettbewerb basierenden Gesellschaft erfolgreich zu sein, denn ihnen fehlte jeder Skrupel. Allerdings fehlte den beiden auch jede intellektuelle Begabung, was dann wiederum dazu führte, dass sie nicht allzu weit nach oben kletterten.
Der Grund, weshalb Sabine Müller bei dieser Gründung einer Zelle des Widerstandes anwesend war, war hingegen ein ganz anderer. Sabine Müller war zwar attraktiv aber einsam. Sie sehnte sich nach Freunden und Freundschaft verstand aber nicht, wie man zu solchen Beziehungen kam. Umso überraschter war sie, als Sonja sich vor etwa zwei Jahren um ihre Nähe bemühte. Sie gingen öfter zusammen aus, mal mit Sebastian und mal ohne. Und dann lud Sonja sie auf eine Party der besonderen Art ein, wie sie es nannte. Sonja wollte nichts genaues verraten, denn es sollte eine Überraschung sein. Sie hatten ziemlich kräftig vorgeglüht und waren dann anschließend in einen Club gefahren, der an diesem Abend ein besonderes Programm anbot. Es sollte Sabines erste und letzte Schaumparty werden. Nicht, dass sie den Abend nicht genossen hätte. Nein! Dank Jägermeister, Aperol Spritz und ein paar Tropfen von irgendwelchem Zeug, das Sebastian in ihre Getränke getan hatte, konnte sie richtig aus sich herausgehen. Sie hatte großen Spaß an diesem Abend und dieses Gefühl, von allen anwesenden Männern begehrt zu werden, tat ihrem Ego unglaublich gut. Allerdings entstanden bei dieser Gelegenheit auch recht kompromittierende Fotos, die sich nun in Sonjas Besitz befanden. Sonja hatte diese Fotos gar nicht in böser Absicht geschossen, doch in dem Moment, in dem sie bemerkte, wie unangenehm Sabine diese Fotos waren, änderte sich Sonjas Verhalten. Die Freundschaft zwischen den beiden Frauen kühlte merklich ab. Sonja hatte jetzt ein Mittel jenseits der Freundlichkeit in der Hand, das sie von Zeit zu Zeit zu nutzen wusste, um sich Sabines Dienste und ihrer Loyalität zu versichern. Mit anderen Worten, Sonja erpresste Sabine ganz regelmäßig. So auch dieses Mal. Leider brachte Sabine nicht den Mut auf, sich soweit zu emanzipieren, dass die Drohung, ein paar Tittenbilder herumzureichen, die darüber hinaus sogar noch recht ansehnlich waren, ihr nichts mehr anhaben konnte. Sabine war ein wunderschönes Mauerblümchen. Unglaublich nett, höflich, gutaussehend, in erfrischender Weise naiv, gefangen in sich selbst und immer Opfer.

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