Die Betriebsversammlung 20

Während Caroline zusammen mit Miriam und Julius bereits im Feierabend angekommen waren, saßen Olaf und Gregor noch zusammen im Büro.
“Marcel aus der Grafik hat mich den ganzen Nachmittag zugelabert”, beschwerte sich Gregor.
“Der Kempker? Der redet ganz gern, das ist mir auch schon aufgefallen.”
“Heute war das anders. Normalerweise redet er über Fußball und die Bundesligatabelle, seine Freundin und ihre Blow-Job-Fertigkeiten, ein bisschen unverfänglich über Politik und er berührt in weiteren fünf Minuten zwanzig weitere Themen. Aber heute gab es nur ein Thema: die Betriebsversammlung und die möglichen negativen Konsequenzen. Dabei war er gestern noch voll dafür.”
“Caroline hat mir vorhin eine Email geschrieben. Ihr ist es genauso ergangen. Miriam hat auf sie eingeredet. Hast du ihre Nachricht nicht bekommen?”
“Doch, ich glaube schon. Da kam was. Ich habe was allgemeines zurückgeschrieben”
“War Marcel auch beim Tietz zum Gespräch?”
“Ja! Er hat die ganze Zeit nur vom Tietz gesprochen und wie besorgt der sei. Die Kosten würden explodieren, er müsse Leute entlassen, der Betriebsrat wäre schuld.”
“Das ist ziemlich deckungsgleich mit dem, was Caroline erlebt hat. Das ist eine Masche. Ich nehme mal an, der Tietz hat mit allen gesprochen, die mit uns näheren Kontakt haben.”
“Meinst du? Mit dir hat aber niemand gesprochen, oder?”
“Nein. Ich sitze hier auch allein auf dem Gang. Mit mir redet inzwischen kaum noch jemand. Alle sehen zu, dass sie schnell an meinem Schreibtisch vorbei kommen. Es ist, als hätte ich die Pest.”
“Das klingt aber gar nicht gut. Kann das am Tietz und seiner Aktion mit liegen?” Gregor tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger an die Lippe.
“Klar liegt das am Tietz. Miriam hat Caroline erzählt, auf der Liste, auf der jeder darüber Auskunft geben musste, ob er zur Betriebsversammlung geht, stand was Abwendung arbeitsrechtlicher Konsequenzen, wobei ‘arbeitsrechtlicher Konsequenzen’ fett gedruckt war.”
“Ach? Wusste ich gar nicht. Was bedeutet das? Was sollen das für arbeitsrechtliche Konsequenzen sein?”
“Wenn du deine Emails lesen würdest, wüsstest du es. Das hat sie dir auch geschrieben. Wir waren beide als Empfänger gelistet.”
“Ist ja schon gut. Und was bedeutet das jetzt? Was für arbeitsrechtliche Konsequenzen?”, wiederholte Gregor Bauer seine Frage.
“Nichts bedeutet das. Da stand ja ‘Abwendung arbeitsrechtlichen Konsequenzen’. Das bedeutet nichts, außer, dass der Tietz damit allen deutlich gemacht hat, wie wenig es sich hier um einen Spaß handelt, denn die Worte ‘arbeitsrechtliche Konsequenzen‘ waren ja fett gedruckt, der Rest nicht. Psychologisch gut gemacht, das muss man ihm lassen.”
“Und jetzt?”
“Ich mache jetzt Feierabend. Sollen wir noch ein Bier trinken gehen? Dann können wir auch noch ein bisschen gemeinsam über das ‘Und jetzt’ nachdenken.”
“Aber nicht so viele wie gestern. Heute war für mich ganz schön anstrengend. Sollen wir auf ein Bier ins Loft?”
“Nein, lieber nicht ins Loft. Da sitzten Caroline und Miriam und sprechen über den Betriebsrat. Es ist wohl besser, wir tauchen da nicht auf. Das sähe komisch aus.”
“Woher weißt du das alles?”
“Du liest wirklich keine Mails, oder?”
“Das lag an Marcel. Der hat mich wirklich ziemlich zugelabert und außerdem merke ich die Bier von gestern noch. Wo sollen wir hin?”
Die beiden entschieden sich für eine Bar in der Innenstadt. Kurz bevor sie sich auf den Weg machen wollten, klingelte Olafs Telefon. Er entließ mehrere Hmmhs in den Hörer und sagte schließlich. “Ich bin gerade dabei Feierabend zu machen. Wir können das morgen besprechen, wenn das geht.” Es schien zu gehen, denn kurz darauf legte Olaf Graf auf.
“Du glaubst nicht, wer das eben war”, sagte er an Gregor Bauer gewandt.
“Wer denn?”
“Sabine Müller aus der Personalabteilung. Sie will sich mal mit mir treffen, ganz unverbindlich.”
“Fährt die auf dich ab? Hätte ich jetzt gar nicht gedacht.”
“Glaube ich nicht. Da steckt was anderes dahinter. Und selbst wenn, ich bin in dieser Hinsicht immun. Sollen wir los?”

Während Gregor Bauer und Olaf Graf sich gemeinsam auf den Weg machten, fauchte die Einsatzleiterin der ‘Zelle des Widerstands’ Sonja Zand Sabine Müller an. Wieso sie zu blöd sei, ein einfaches Date mit diesem Volltrottel Olaf Graf auszumachen, wollte sie wissen. Und wenn sie schon zu blöd sei, ein einfaches Date auszumachen, was sie denn sonst rausgefunden hätte. Warum sie nicht nur zu blöd sei, ein einfaches Date auszumachen, warum sie darüber hinaus noch zu blöd sei, zu fragen, warum der Volldepp heute Abend keine Zeit habe, wollte Sonja von Sabine wissen. Ob diese Blödheit Absicht sei, wollte Sonja wissen und knallte ohne eine Antwort abzuwarten den Hörer auf die Gabel, um ihn sofort wieder abzunehmen und eine Nummer zu wählen. “Arschgeige!”, sagte sie und dann: “Nein nicht du! Ich hab die Müller gemeint.”

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s