Die Betriebsversammlung 21

“Ich muss los”, sagte Sebastian Markus zu seiner Kollegin, die kurz über ihre zwei Monitore hinweg blickte und teilnahmslos “bis morgen” sagte. Sonja Zand hatte ihn eben angerufen und ihn aufgefordert, seine Beschattung aufzunehmen, denn Olaf Graf und Gregor Bauer würden in diesem Moment Feierabend machen. Sie erwarte stündlich einen Bericht, hatte sie ihn wissen lassen, und darüber hinaus immer dann, wenn sich etwas Wichtiges ereignete.
Sebastian fuhr mit dem Lift hinunter. Als sich die Tür des Fahrstuhls öffnete und er schon hinaustreten wollte, sah er durch die große Eingangstür, wie sich Gregor Bauer und Olaf Graf gerade entfernten. Schnell trat er einen Schritt zurück in den Aufzug und drückte sich rücklings gegen dessen Seitenwand. Ein kräftiger Stoß Adrenalin flutete seinen Körper. Sebastian begann Gefallen an seiner Aufgabe zu finden. Er griff zu seinem Smartphone. “Zielpersonen verlassen SCHOW. Verfolgung aufgenommen”, tippte er und schickte die Nachricht an Sonja Zand.
Gregor und Olaf warteten an der Straßenbahnhaltestelle auf die nächste Bahn. Sie unterhielten sich über die Vorgänge in der Firma und was sie wohl noch zu erwarten hätten. Sebastian beobachtete die beiden von der anderen Straßenseite aus und fragte sich, wie er zur Haltestelle kommen sollte. Die Fußgängerampel konnte er nicht benutzen, denn dann hätten ihn die beiden sofort gesehen. Er entschloss sich daher, der Straße noch etwa hundert Meter zu folgen, um sie dann dort zu überqueren. Den Ort, den sich Sebastian hierfür gewählt hatte, lag unmittelbar hinter einem kleinen Gefälle in einer Kurve, wodurch die Straße schlecht einsehbar war. Zudem war auf der gegenüberliegenden Seite die Straßenbahnhaltestelle mit einer kleinen Brüstung versehen, die er zu übersteigen hätte. Es kam, wie es kommen musste, als Sebastian die Straße schon fast überquert hatte, kam ein Auto und hupte, wodurch er die volle Aufmerksamkeit aller Wartenden hatte, während er über das Geländer kletterte.
“Sieh mal, was unser Kollege da macht”, sagte Gregor zu Olaf und wollte schon die Hand zum Gruß heben.
“Lass mal”, sagte Olaf und drückte Gregors Arm nach unten. “Auf den habe ich jetzt überhaupt keine Lust. Das ist einer von Schmidts Schleimern.”
“Stimmt eigentlich”, antwortete Gregor und während sich sämtliche Wartenden in Richtung Sebastian Markus’ drehten, drehten sich Gregor und Olaf in die andere Richtung und taten so, als hätten sie ihn nicht bemerkt.
“Gerade nochmal gut gegangen”, dachte Sebastian bei sich, als er die beiden mit dem Rücken zu ihm stehen sah. Kurz darauf kam die Straßenbahn. Sebastian Markus setzte sich in den hinteren Teil des Wagens, so, dass er seine ‚Zielpersonen‘ zwar beobachten konnte, er aber gleichzeitig das Gefühl hatte, die Distanz sei groß genug, um nicht deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. “Zielpersonen nehmen Straßenbahn in Richtung Innenstadt”, ließ er Sonja via Textnachricht wissen. Zu seiner Überraschung erhielt er eine Nachricht zurück. “Zielpersonen im Blick behalten. Erbitte Information über Ausstiegshaltestelle”, stand da. Er ärgerte sich. Er brauchte keine Anweisungen und von Sonja schon zweimal nicht. “Ich weiß schon, was ich tue. Blas lieber Roland den Schwanz und halte ansonsten die Fresse”, schrieb er, löschte die Nachricht dann jedoch wieder, ohne sie abzuschicken. Stattdessen schrieb er “Zielpersonen bei Straßenbahnfahrt” schickte es ab, machte ein Foto von Olaf Graf und Gregor Bauer, wie sie in der Straßenbahn saßen und schickte es hinterher.
“Der Kollege scheint ein neues Handy zu haben”, informierte Gregor Olaf, der mit dem Rücken zu Sebastian Markus saß. “Zumindest fummelt er dran rum, als wäre es neu. Er schenkt ihm seine ganze Aufmerksamkeit”, meinte er grinsend.
“Prima!”, sagte Olaf. “Dann übersieht er uns hoffentlich und quatscht uns nicht voll. Die nächste müssen wir raus.”
“Zielpersonen verlassen Straßenbahn”, lautete dementsprechend die nächste Nachricht, die Sonja von Sebastian empfing. “Schreib doch wenigstens den Ort dazu, du Vollidiot!”, wollte sie zurücksenden, entschied sich aber anders und löschte die Nachricht wieder, ohne sie abzusenden.
Als Olaf wenig später in der Kneipe die Toilette aufsuchte, war er nicht schlecht erstaunt, als er dort in der hintersten Ecke des Lokals Sebastian Markus sitzen sah, der an seinem Handy rumfummelte und ihm ostentativ den Rücken zudrehte.
Nachdem er zurück war und neben Gregor platz genommen hatte, sagte Olaf: “Da drüben sitzt Sebastian.”
“Das ist aber ein Zufall”, meinte Gregor.
“Ich finde, das ist ein bisschen viel Zufall. Ich habe eher das Gefühl, er beobachtet uns. Lass es uns rausfinden und das Lokal wechseln.”
Gregor stimmte zu. Sie tranken aus, bezahlten und gingen.
Das Lokal, in das Olaf Gregor führte, lag in der Nähe, kaum fünf Minuten zu Fuß. Auf dem Weg dorthin sah sich Gregor mehrfach um, und in der Tat war Sebastian Markus immer zu sehen. Mal stand er an einem Zeitungsstand und blätterte in der aktuellen Ausgabe der Brigitte, mal schien er sich in einer Schaufensterauslage für Damenstrümpfe zu interessieren.
“Der verfolgt uns wirklich”, sagte Gregor.
“Mal gucken, wie lange”, erwiderte Olaf, grinste und öffnete die Tür zu einer Kneipe. Laute Musik drang ihnen entgegen. Abba wurde gespielt und das Lokal war zur Überraschung Gregors trotz der frühen Stunde gut gefüllt. Alles Männer in mittlerem Alter. Und zu seiner weiteren Überraschung schien Olaf hier gut bekannt zu sein. Die Bedienung, gut gebaut, Vollbart und rasierter Kopf, begrüßte Olaf mit Wangenküsschen und den Worten “Chérie, du hier? Wie immer? Und der junge Mann an deiner Seite? Was kann ich für den Schönes tun?”
“Auch ein Bier”, sagte Olaf.
“Was ist das denn hier für ein Laden hier?”, wollte Gregor wissen.
“Schwulenbar”, antwortete Olaf. “Mal gucken ob sich Sebastian hier rein traut.”
Es fiel Gregor wie Schuppen von den Augen, warum Olaf vorhin meinte, er sei immun gegen die Avancen von Sabine Müller.

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