Die Mahnwachen und der heraufziehende Krieg in Europa

Wow! Beeindruckend! Mehrere tausend Menschen waren es, die sich auf der ersten bundesweiten Mahnwache am Potsdamer Platz versammelt haben. Es war eine wundervolle Veranstaltung, vielfältig, bunt, friedfertig, vor allem aber durchdrungen vom Willen zur Veränderung. So viele Menschen, die nicht nur das Gefühl eint, dass etwas grundlegend schief läuft mit unserer Art zu leben, zu wirtschaften und mit unserer Art der Politik. So viele Menschen, die nicht nur einen dumpfen Missstand fühlen, sondern darüber hinaus ihrem Unbehagen Ausdruck verleihen, indem sie auf die Straße gehen. Jeden Montag. So viele, die tatsächlich bereit sind für Veränderung.
Obwohl die für ihre konservativen Schätzungen bekannte Polizei inoffiziell 5000 Menschen zählte, bleibt das Medienecho bescheiden. Ein Artikel von n-tv mit einer dümmlichen Überschrift versehen, der zwischen Verhohnepipelung und Diffamierung schwankt, findet sich am Folgetag. Sonst findet sich nichts.
Das ist allerdings nicht weiter schlimm, denn in den sozialen Netzwerken wird ausführlich und vor allem differenzierter berichtet. Was die Teilnehmer der Mahnwachen eint, ist eben auch ihr Zweifel an der Freiheit der Berichterstattung in Deutschland. Mit jedem Schweigen und jedem Artikel im Tenor von n-tv wird aus dem Zweifel ein bisschen mehr Gewissheit: Es ist etwas durch und durch faul.
Und um dem Vorwurf gleich zu begegnen, ich hänge in dieser Hinsicht keiner Verschwörungstheorie an. Das Versagen unserer Medien ist nicht gesteuert, da stecken keine Personen dahinter. Es handelt sich um eine systemische Fehlentwicklung.
Ein Punkt unter anderen ist: Als Freiberufler ist man eben nicht frei in seinem Schaffen, sondern lediglich unsicher im Hinblick auf seine Einnahmen. Da muss man beständig darauf schielen, was opportun ist, muss Kompromisse eingehen, die Ansprüche an sich und den Job klein halten. Da kann es vielfach gar nicht mehr um faktennahe Berichte, gründliche Recherche und die unermüdliche Suche nach Wahrheit gehen. Mit der vollständigen Auslieferung des Journalismus an die Mechanismen des Marktes ist dessen Versagen systemimmanent geworden. Es geht schließlich dem einzelnen Journalisten verständlicher Weise zunächst um die Sicherung der eigenen Existenz. Und die sichert man sich am besten mit der Schere im Kopf, einer kräftigen Portion Selbstironie beim morgendlichen Blick in den Spiegel und der gründlichen Antizipation dessen, was der Chefredakteur gern haben möchte. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.
Dass die öffentlich-rechtlichen Medien trotz guter finanzieller Ausstattung über die Zwangsgebühren meinen, sie müssten diese Mechanismen wiederholen und den überwiegenden Teil ihrer Mitarbeiter als scheinselbstständige Freiberufler beschäftigen, sie so dem Druck und der Unsicherheit aussetzen, ist ein Trauerspiel, das zeigt, wie weit die Ideologie der freien Märkte reicht. Selbst dort, wo sich in natürlicher Weise Inseln installieren lassen könnten, die nach anderen Mechanismen funktionieren, wird es nicht getan. Konkurrenzdruck über alles.
Der Niedergang des Journalismus ist allerdings nur eine kleine Facette in einem weitaus größeren Bild des Niedergangs westlicher Werte. Die Menschen fühlen das. Mit jeder Mahnwache artikuliert sich dieses Wissen deutlicher und prägnanter. Wir sind in der permanenten Krise angekommen. In der Dauerkrise, die Ideologien immer dann heraufbeschwören, wenn sie alle Lebensbereiche beherrschen und durchdringen und jede Balance aufgegeben wurde.
Demokratie muss heutzutage ebenso marktkonform sein wie Bildung, Journalismus, Sport, Gesundheitsversorgung, Kunst und alles andere auch. Das kann nicht gut gehen. Die Menschen wissen das. Wir sind ja nicht blöd. Das richtet unseren Wohlstand zugrunde, vernichtet das, was wir über Generationen an materiellen und kulturellen Werten geschaffen haben.
Es ist höchste Zeit, nach Alternativen zu suchen, denn das, was bei uns passiert, geht nicht mehr lange gut.
Ich unterstelle, das ist allen Akteuren bekannt. Der politischen Elite ebenso wie der Wirtschaftselite und den großen Redaktionen mit all ihren unverbauten Zugängen zu Information. Es geht vielfach nur noch um eine finale Verteilung von Geld vor dem unausweichlichen Systemzusammenbruch. Wir leben in einer widerwärtigen, gierigen Zeit.
Wir brauchen die Suche nach Alternativen.
Nach Alternativen suchen aber nicht nur die Menschen auf den Mahnwachen, denen ja gern unterstellt wird, sie seien allesamt Verschwörungstheoretiker. Andere suchen auch. Die BRIC-Staaten zum Beispiel, zu denen Russland gehört. Die haben nämlich auch die Schnauze voll von westlicher Arroganz und Überheblichkeit.
In diesem Zusammenhang muss ich gestehen, auch ich hänge einer Verschwörungstheorie an, die ich hier zum Besten geben möchte. Aufgepasst:
Ich denke nämlich, wir folgen in Bezug auf Russland einem Skript, einer Choreographie, die mit einem nächsten großen Tusch zu den Waffen führt. Der Krieg ist längst beschlossen. Es muss nur noch die Bereitschaft hergestellt werden, ihn zu führen. Zu gefährlich ist das, was Russland tut, denn es bedroht die Hegemonie der USA direkt. Der Schrecken, der für die USA von Russland ausgeht ist jedoch nicht militärisch. Es geht nicht um Soldaten, es geht ums Geld, konkret um die Stellung des Dollar als Leitwährung. Durch einen Krieg mit Russland, der in Europa geführt werden würde, könnten die USA ihre Vormachtstellung noch ein wenig länger behalten. Wird dieser Krieg nicht geführt, verlieren die USA ihre Hegemonialmacht unausweichlich und ziemlich zeitnah.
In dieser Woche haben die BRIC-Staaten Russland, China, Brasilien, Indien und Südafrika eine Alternative zur Weltbank und zum IWF gegründet, dezidiert mit dem Ziel, die Vormachtstellung der Industrienationen zu brechen. Russland unterhält mit dem Iran und China seit einiger Zeit Handelsbeziehungen, die nicht in der Leitwährung Dollar abgerechnet werden. Das ist den USA mehr als nur ein Dorn im Auge.
Immer wieder tauchen in den russischen Medien Berichte auf, wie sinnvoll es wäre, den Dollar als Leitwährung abzulösen. Unterschiedliche Modelle werden hierzu diskutiert.
Derzeit noch erfolgt Abwicklung von Rohstoffgeschäften fast ausschließlich in Dollar. Das heißt, jeder, der Rohstoffe kaufen möchte, muss zunächst Dollar kaufen. Das sichert den USA einen nahezu ungebremsten Zufluss an Devisen, ohne den sie zahlungsunfähig wären.
Es gab immer mal wieder Vorstöße, diese Vormachtstellung abzulösen.
Es war Muammar al Gaddafi, der sich vorstellen konnte, für den Kauf von Öl auch andere Währungen zuzulassen. Wenige Wochen später wurde er gestürzt und kurz darauf getötet. Zuvor war es Saddam Hussein, von den USA über Jahrzehnte gehegt, gepflegt und mit Waffen versorgt, der sich mit der Idee, fürs irakische Öl andere Währungen akzeptieren zu können, etwas weit aus dem Fenster lehnte, fiel und sich das Genick brach.
In beiden Ländern herrscht inzwischen in jeglicher Hinsicht Chaos außer in einer. Der Dollar als Leitwährung ist stabil. Der Euro als Alternative zum Dollar ist auf dem Rückzug.
Es mag allzu verschwörungstheoretisch klingen, aber das hoch unprofessionelle Krisenmanagement der Troika, das jedem Sachverstand, jedem historischen Bewusstsein und jeder Evidenz zuwider läuft, hat den Euro nachhaltig diskreditiert. Diese Tölpelhaftigkeit des Krisenmanagements wirkt fast schon absichtsvoll im Hinblick auf die daraus resultierende Festigung des Dollar als einzige Leitwährung. Zu offensichtlich ist das komplette Versagen der Rettungsstrategien und je deutlicher das Versagen wurde, desto intensiver wurde nach der gleichen, verheerenden Methode gerettet, gegen jeden gesunden Menschenverstand, gegen das Wohl der Europäer und gegen jede Einsicht.
Russland und die BRIC-Staaten greifen die Stellung des Dollar an. Es ist unwahrscheinlich, dass die USA diesen Schlag als Hegemonialmacht überleben werden, denn breit aufgestellt ist der Angriff diese Mal. Ein Krieg gegen Russland von europäischem Boden aus könnte diesen Prozess der Ablösung der USA als letzte Weltmacht hinauszögern. Zu einem hohen Preis versteht sich, den allerdings diejenigen, die davon profitieren würden, nicht zu zahlen hätten. Es wäre vor allem Europa, das geradestehen müsste, das ganze Europa vom Atlantik bis zum Ural.
Russland und auch China scheinen Willens, die Transformation zu einer multipolaren Welt langsam zu vollziehen, ohne große Verwerfungen herzustellen. Allein die USA, das zeigt die Aggression gegenüber Russland, wollen sich nicht in die Ablösung ihrer Macht fügen, bäumen sich ein letztes Mal auf. Die Bundesregierung macht mit, sich anbiedernd und immer weiter in Widersprüche verstrickend.
Zur Verzögerung ihres Ablösung ist Krieg für die USA unausweichlich. Um Menschenrechte, Demokratie und Freiheit geht es in diesem Krieg freilich nicht. In keinem Krieg geht es um diese Werte. Es geht um Macht, wie immer. Es geht um die Vormachtstellung des Dollar und die damit verbundenen Vorteile für die USA. Aus diesem Grund wird der Krieg gegen Russland zu führen sein.
Die Herrschaft der Ideologie des Wachstums wäre freilich auch in einer mulitipolaren Welt, in der die BRIC-Staaten mehr Einfluss hätten, nicht gebrochen. Auch deren Modell basiert auf Wachstum und Ausbeutung der Erde. Auch in einer multipolaren Welt wird es Kriege geben, vielleicht noch mehr als heute. Daher sind die Mahnwachen nötig, denn es geht um die Suche nach Alternativen zu auf Wachstum basierten Gesellschaften, Ausbeutung und Krieg. Die Mahnwachen sind auf einem guten Weg.
Einen Journalismus aber, der sich über diesen Weg und die Suche lustig macht, hat einfach den Glockenschlag nicht gehört. Und auf einen, der die eben beschriebenen Zusammenhänge nicht aufzeigt, weil er die Zusammenhänge nicht versteht, kann man vollständig verzichten. Statt n-tv gucke ich daher lieber KenFm.

2 Gedanken zu „Die Mahnwachen und der heraufziehende Krieg in Europa

  1. Behrens

    Bedanke mich für deinen Artikel , mit dem ich völlig über ein stimme . Es war eine gute Wahl dir über das Internet zu folgen vielleicht sehn wir uns mal Montags auf einer Mahnwache . Es ist traurig das der Journalismus sich dem Maulkorb der Politischen Korrektheit versteckt . Man auf passen muss wie man etwas sagt um nicht in irgend eine Ecke gestellt zu werden .
    Liebe Grüße und danke .

    Antwort

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